Warum Journalismus so wertvoll ist

In der Diskussion um Presseförderung geht eines gern vergessen: die Funktion des professionellen Journalismus.

Journalismus garantiert durch seine Professionalität Vielfalt und Qualität: Tamedia-Druckzentrum Bubenberg in Zürich. Foto: Reto Oeschger

Journalismus garantiert durch seine Professionalität Vielfalt und Qualität: Tamedia-Druckzentrum Bubenberg in Zürich. Foto: Reto Oeschger

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Wer von Ihnen, liebe Leserinnen, liebe Leser, liest regelmässig Berichte über Gerichtsverhandlungen und -urteile? Wer von Ihnen liest regelmässig die Berichterstattung über Afrika?

Was meinen Sie: Ist die Gruppe der Personen, die sich für Afrika oder Gerichtsberichterstattung interessiert, gross oder klein? Was meinen Sie: Ist die Bereitschaft von Personen, für die Afrika- und Gerichtsberichterstattung zu bezahlen, hoch oder gering? Anders gefragt: Gibt es dafür eine Nachfrage von Menschen, die dafür auch zu bezahlen bereit sind?

Darauf gibt es viele mögliche Antworten, etwa: Nein. Oder: Ja, aber es kommt auf die Höhe des Entgelts an. Ja, aber es kommt auf das genaue Thema an. Ja, aber es kommt auf das eigene Interesse in dem Moment an, da ein Angebot gemacht wird. Ja, aber es kommt darauf an, ob es weitere Nachrichtenquellen gibt und was die kosten.

Und die Qualität?

Jetzt haben Sie vielleicht die Frage vermisst, ob es denn nicht auch auf die Qualität ankomme. In der Tat: Im Moment der Nutzung ist es zentral, dass die Qualität stimmt. Das aber weiss man erst nach der Nutzung. Sind wir also bereit, die Katze im Sack zu kaufen, also vorher für etwas zu zahlen, was wir noch nicht sicher beurteilen können?

Wir haben also, wenn wir von journalistischen Produkten sprechen, weder ein sicheres Qualitäts- noch ein klares Preis-Leistungs-Verständnis. Und das ist derzeit ein Problem von gesellschaftsweiter Relevanz.

Selbst dann, wenn Sie sich für Gerichtsberichte oder Afrikathemen interessieren, würden Sie bei Nutzungs- wie Zahlungsbereitschaft Einschränkungen machen: Genaues Thema, grundsätzliches wie momentanes Interesse, Verfügbarkeit von Alternativen, Qualität und die Höhe der Kosten – all das bestimmt unsere Auswahl, unsere Nutzung, unsere Bereitschaft, zu zahlen.

Als wir noch ausschliesslich gebündelte Produkte und das Abonnementsprinzip hatten, hat uns das nicht interessiert. Wir konnten nicht wählen. Allenfalls haben wir den Sport- oder den Kulturbund, obwohl mitbezahlt, schlicht ignoriert. Neu unter digitalen Bedingungen ist, dass wir bestimmen, ob und was wir auf welchem Kanal nutzen. Die Texte fliessen uns zu. Zwischen den News-Apps wechseln wir problemlos hin und her – und zwischendrin surfen wir.

Die Nutzung bestimmen nicht mehr die Anbieter mit ihren gebündelten Leistungen, also die Presse oder die TV-Stationen mit ihren linearen Programmen, sondern das definieren wir, die Nutzer. Always online, always on. Wir sind in einem Nachfragemarkt – nicht mehr in einem Anbietermarkt.

Die Nutzer entscheiden und wollen aufgrund der Allzeit- wie Allortsverfügbarkeit von News immer die aktuellsten News. Diesem Angebot wenden sie sich zu. Oder sie nutzen das, was ihnen ihre «friends» gesandt und empfohlen haben. Vielen reicht das. Und über die Bezahlung kann man schon mit ihnen reden, aber erst einmal wollen sie über die Leistung reden und diese kennen. Auch bei der Vorabzahlung, in Form des Abonnements, erwarten die Nutzer handfeste Angebote: Was liefert ihr mir?

Hohes ökonomisches Risiko

Im Nachfragemarkt lassen sich die Nutzer nichts mehr so einfach vorsetzen, sie bestimmen die Angebotsbedingungen. Wer also interessiert sich für Gerichts- oder Afrikaberichterstattung, wer würde diese nutzen und wer dafür wie viel bezahlen?

In der digitalen Medienwelt ist es schwierig geworden, die genannten Inhalte herzustellen und anzubieten. Denn die Produktion ist aufwendig: Gerichtsverhandlungen können über Tage gehen. Und die Afrikaberichterstattung benötigt hohe Investitionen, von denen nicht sicher ist, ob sie sich je auszahlen. Denn es ist unsicher, ob und wer etwas rezipiert und dafür zu zahlen bereit ist. Das ökonomische Risiko im Journalismus ist also hoch. Wer wagt sich da noch an die Afrikaberichterstattung?

Es geht nicht um Themen

Aus Sorge vor dem möglichen Verlust an Themen fördern Stiftungen journalistische Vorhaben und Medien. Weil man sogenannt demokratierelevante Inhalte möchte, fördert man genau diese. Doch reicht dieser Ansatz aus, so gut er gemeint sein mag? Gehören Gerichts- oder Afrikaberichterstattung zu den demokratierelevanten Inhalten? Wir sehen schon die Mitglieder der Kommission vor uns, die das entscheiden sollen. Was gehört dazu, was nicht, in welcher Qualität und zu welchem Preis?

Man sieht: Die Förderung von Medien wie Journalismus unter dem Themenaspekt greift zu kurz. Der Ansatz geht davon aus, dass es bestimmte Inhalte geben sollte, die jeder Einzelne genauso benötigt wie die Gesellschaft insgesamt. Für die einen ist klar: Afrika gehört nicht zur Schweiz, also keine Förderung. Andere sehen das anders. Und das kann sich auch laufend ändern: Welche Themen werden denn in Zukunft für uns relevant sein?

Es kann bei der Förderung also nicht allein um Themen gehen, sondern um den Journalismus als gesellschaftliche Institution, als soziale Infrastruktur.

Die Anwesenheit eines Journalisten an einer Gemeinderatssitzung ist eben nicht allein wegen der verhandelten Sachverhalte relevant, sondern auch institutionell.

Nimmt zum Beispiel eine Journalistin an einer Gerichtsverhandlung teil, so ist sie vielfach dort die einzige Vertreterin der Öffentlichkeit. Die Journalistin wacht so über das Schalten und Walten im Rechtssystem. Sie wirkt schlicht dadurch, dass sie dabei ist. Sie kann, muss aber nicht über den Prozess, an dem sie teilnimmt, berichten. Aber nur schon ihre Anwesenheit ist demokratierelevant, weil ein Teil des demokratischen Gemeinwesens beobachtet und reflektiert wird.

Zudem: Durch die Berichterstattung erreicht das Gericht, dass Regeln und Normen, die es einzuhalten gilt, der Öffentlichkeit durch ein konkretes Urteil in Erinnerung gerufen werden. Gerichte, wie andere gesellschaftliche Einrichtungen, sind auf diese Vermittlung existenziell angewiesen. Normen- und Regelkenntnisse werden durch die Medienberichterstattung vertieft. Oder sie können zum Kopfschütteln führen – mit Folgen für politische Änderungswünsche. Dann kann es dazu kommen, dass der Gesetzgeber tätig wird, um Normen zu verändern. Dank journalistischer Arbeit werden Gerichte, Behörden, Institutionen reflektiert, ab und zu sogar kontrolliert. Veränderungsprozesse werden angestossen.

Das ist eine bedeutende Leistung. Die Anwesenheit eines Journalisten an einer Gemeinderatssitzung ist eben nicht allein wegen der verhandelten Sachverhalte relevant, sondern auch institutionell. Aus der Forschung wissen wir: Das Vorhandensein beziehungsweise Nichtvorhandensein von Lokalmedien hat einen Einfluss, ob es mehr oder weniger Korruption bei Behörden gibt.

Journalismus ermöglicht Teilhabe

Medien agieren als gesellschaftliche Vermittler, auch im grösseren Kontext. Eine Journalistin aus der Schweiz in einem afrikanischen Land ist eine Botschafterin politischer, ökonomischer, kultureller, sozialer Werte. Durch die Berichterstattung wird dem Land und seinen Bürgern ein Spiegel vorgehalten. Und die Berichterstattung ermöglicht uns Schweizern, über diese afrikanische Region, ihre Kultur und Politik vor dem Hintergrund unserer Einstellungen nachzudenken. Das hat Relevanz für unser kulturelles Selbstverständnis, für unsere Demokratie. Zum Beispiel dann, wenn einmal über eine Entwicklungshilfekürzung zugunsten einer AHV-Erhöhung gestritten werden sollte.

Also: Journalismus bietet mehr als Themen und Vermittlung, nämlich: Austausch, Einbezug, Reflexion, Kritik. Journalismus garantiert durch seine Professionalität Vielfalt und Informationsqualität. Journalismus strukturiert, er bezieht sich auf gesellschaftliche Prozesse. Dadurch werden wir einbezogen, wird Teilhabe ermöglicht. Journalismus als intellektuelle Leistung stellt Dinge in einen Kontext und liefert Einordnungsmöglichkeiten. Und all dies leistet der Journalismus für uns selbst dann, wenn wir weder Gerichts- noch Afrikaberichterstattung je nutzen würden – solange und sofern wir bereit sind, Journalismus institutionell zu ermöglichen.

Journalismus als kluge Vorsorge

Ist die Gesellschaft, nein, bin ich also dazu bereit, Journalismus als notwendige Institution anzuerkennen und somit zu finanzieren?

Meine Antwort auf die Frage ist klar: Wir müssen dazu bereit sein, wenn wir einerseits eine offene und entwicklungsfähige Gesellschaft bleiben wollen und anderseits unseren individuellen Nutzen durch journalistische Beiträge wollen. Ohne eine gemeinsam geteilte Öffentlichkeit, in der wir unsere Entscheidungen wägen, würden wir nicht überleben.

Der Journalismus wird sich unter digitalen Bedingungen wandeln (müssen). Den Journalismus als Institution aber wird es weiterhin geben, weil wir ihn brauchen.

Aber: Wir müssen genauer hinschauen, welcher Journalismus welche Bedingungen benötigt, um zugleich uns als einzelnen Personen wie uns allen als Gesellschaft dienlich zu sein. Und dies auf Dauer und in der sicheren Erwartung, dass auch Zukünftiges rechtzeitig an die Öffentlichkeit kommt. Die Investition in Journalismus war, ist und bleibt eine kluge Vorsorgeentscheidung.

Erstellt: 06.02.2019, 19:19 Uhr

Otfried Jarren

Der Medienprofessor der Uni Zürich ist Präsident der eidgenössischen Medienkommission. Der Text ist die gekürzte Fassung seiner Rede am «Communication Summit» an der ETH Zürich.

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