«Warum kriegen es die Weiber nicht hin?»

Der Satiriker Harald Schmidt über #MeToo, den guten Schauspieler Kevin Spacey und Roger Köppel.

«Dann schmiert man sich halt ein Brot»: Harald Schmidt, 61, in der Kapelle des Kulturhauses Helferei in Zürich. Fotos: Sebastian Magnani

«Dann schmiert man sich halt ein Brot»: Harald Schmidt, 61, in der Kapelle des Kulturhauses Helferei in Zürich. Fotos: Sebastian Magnani

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Sie sind ein Fan der Schweiz?
Ja, ich glaube, dass die Alte Welt in Zürich untergehen wird. Im See. Das wäre mein Wunsch. Und dass ich vom Bellevue aus bei einem Kaltgetränk dabei zusehen kann.

Sie sind ein Apokalyptiker?
Nein, aber ich bin ja öfter mit dem «Traumschiff» unterwegs, da ich beschlossen habe, dass der Drehort mit mir mitreisen soll, wenn ich etwas fürs Fernsehen mache. Mich interessiert keines der Länder, in denen das Schiff anlegt. Und das nur schon, weil mir ständig vorgekaut wird, dass ich nun gleich begeistert sein soll: «Es ist der Hammer, wir waren schon fünfmal da.»

Sie bleiben auf dem Schiff, trinken einen Campari und warten auf den Untergang?
Ne, ich sage: «Hast du gehört, was der perfekt deutschsprachige Guide gerade gesagt hat? ‹Gegründet von arabischen Flüchtlingen, übernommen von den Römern, dann von den Osmanen. Was hast du für einen Bezug zur Migration?›» Denn so wird es auch bei uns kommen: Gegründet von den Römern, übernommen von den Germanen.

Und wer kommt dann?
Vermutlich die Chinesen. Auch das ist eine «Traumschiff»-Erfahrung: In jedem Hafen Chinesen; die bauen die Häfen, die Strassen, die sind da. Wir sollten uns also an die Vorstellung gewöhnen, dass wir kellnern müssen, wenn die Chinesen auch in Europa nach vorne preschen. Vielleicht sollten wir schon jetzt Chinesisch lernen, um zumindest die Bestellungen entgegennehmen zu können.

Das sagen Sie doch nur, weil einige entsetzt auf so etwas reagieren.
Überhaupt nicht. Ich will einfach vorbereitet sein.

Sie lernen Chinesisch?
Nein, selbstverständlich habe ich einen Assistenten, der für mich bestellt. Ich lerne doch keine Sprache, die man nur perfekt beherrscht, wenn man sie bis ins Alter von sieben Jahren erwirbt. Da ich in einfachen Verhältnissen aufgewachsen bin, wüsste ich aber auch gar nicht, was mir fehlen könnte, wenn sich die Situation ändert oder alles zusammenbricht. Dann geht man halt nicht mehr auswärts essen und schmiert sich ein Brot. Gut, ich esse kein Brot, weil es ungesund ist, fällt mir gerade ein.

«Ich finds auch besser, wenn der Krieg woanders ist.» (Harald Schmidt)

Sie schauen gelassen in die Zukunft?
Absolut. Als Katholik bin ich gewohnt, in Tausend-Jahr-Abschnitten zu denken. Aufregung ist da sinnlos.

Ist das nicht etwas zynisch, in Ihrer privilegierten Position mit Fatalismus zu kokettieren?
Die Welt ist voll mit Menschen, die alles verloren haben. Da müssen Sie doch damit rechnen. Das geht heute auch wesentlich schneller als nach dem Zweiten Weltkrieg: Sie sind bei einer Bank, die kracht zusammen – was dann?

Bin ich zu schweizerisch, wenn ich an die Stabilität glaube?
Ich finds auch besser, wenn der Krieg woanders ist. Aber schweizerisch denken heisst: Wir sind so sicher, weil wir nirgends mit dabei sind – und man dabei nicht kapiert, dass man überall am Faden hängt. Das ist ja das Süsse an der Schweiz: Man sagt, mit der EU haben wir nichts zu tun, hat aber 148 bilaterale Verträge. Und wenn die Nationalbank den Kurs des Frankens freigibt, macht es rumtata.

Sie sind also doch besorgt, dass alles zusammenbricht?
Ne, ne, wir hatten jetzt siebzig Jahre ohne Krieg. Aber wohin mit der Aggression? Und was geschieht mit dem demografischen Faktor? Die Babyboomer, zu denen auch ich gehöre, gehen bald in Rente. Mit bombastischen Ansprüchen. Das wird lustig, wenn es mal heisst: «Kinder, das wird in diesem Monat etwas eng mit der Rentenüberweisung. Macht es euch etwas aus, wenn wir erst in drei Monaten ­wieder überweisen?»

Wohin geht die Aggression?
Wahrscheinlich ins Autofahren. In Deutschland zudem in eine Rüpelhaftigkeit im öffentlichen Leben. Die kriegen wir nicht weg, das liegt in unserer Mentalität, weil wir diese Zerrissenheit im Nationalcharakter haben. Deshalb bin ich auch gerne in England. Dort wird man zwar erschossen, aber vorher heisst es: «Excuse me, Sir.»

Finden Sie, die Schweizer kriegen das mit der Aggression besser hin?
Ich bekomme das nicht so mit, weil ich hier nur Urlauber bin und keinerlei Ansprüche ans Land stelle. Obwohl sich bereits nach zehn Minuten jemand an den Tisch setzt und mir sagt, dass es hinter der Fassade ganz anders ist. Aber das interessiert mich nicht. Das ist mir vollkommen scheissegal. Mich ­interessiert nur die Fassade.

Wirklich?
Ja, wenn jemand hinter die Fassade gehen will, dann gehört der da auch hin. Ich würde mich ja auch nie an einer politischen Diskussion in der Schweiz beteiligen. Dafür gibt es Roger Köppel, den wir bei uns einfliegen, wenn einer mal richtig auf den Putz hauen soll. Wenn in einer Talkshow die Frage gestellt wird, ob das öffentlich-rechtliche Fernsehen die Demokratie beschädigt, dann ruft man Köppel.

Die Diskussion wird ja ernsthaft geführt, ob der AfD-Politiker Alexander Gauland noch in Talkshows eingeladen werden soll. Das ist doch bigott.
Selbstverständlich.

Talkshows haben von Freaks wie Gauland und Köppel gelebt.
Na, na! Zwischen Köppel und Gauland würde ich ganz scharf trennen: Köppel ist ja kein deutscher Staatsbürger.

Ist die AfD nicht ein schlagendes Beispiel, dass jeder Witz, den man über sie macht, den extremen Rechten zuarbeitet?
Nein, denn die sind ja schon da.

Aber wie sind die da hingekommen?
Weil der Schnauze-voll-Faktor von den etablierten Parteien nicht ernst genommen wurde. Ein Satz des von uns gegangenen Jesus-Experten Heiner Geissler: «In der Politik sind Emotionen Fakten.» Ich kann den Leuten tausendmal sagen, dass es von der Statistik her ganz klar ist, dass die Kriminalität zurückgeht. Wenn jemand mit einem blöden Gefühl abends in einen Bahnhof geht, ohne zu wissen, ob er gleich eine reingehauen bekommt, dann müssen sie als Politiker mit der Situation umgehen, dass die Leute die innere Sicherheit als bedroht empfinden.

Ganz schön beunruhigend.
Nein, wir haben in Deutschland mit FDP, CDU, SPD und Grüne eine Mehrheit der bürgerlichen Parteien, die sich inhaltlich in nichts unterscheiden. Da ist es egal, wer rechts oder links von diesen Parteien etwas veranstaltet.

Das politische System ist am Ende.
Ich wollte das System nie verändern, ich wollte an die Spitze. Und ich will im Strassencafé einen Cappuccino trinken können, ohne dass mir jemand eine Knarre an den Kopf hält. Mit dem «Traumschiff» war ich in vielen Ländern, in denen man sich fragt, warum steht da ein Panzer vor dem Fischlokal. Selbstverständlich ist politisches Engagement etwas Tolles, aber dann muss man als Arzt nach Ruanda.

Sie glauben nicht, dass Sie in Ihrer Show politisch waren?
Nein, wenn man eine Late-Night-Show macht, ist man davon abhängig, dass man in einem stabilen System lebt. Wenn das nicht der Fall ist, laufen sie mit ihren Witzen ins Leere. Das habe ich nach dem 11. September gemerkt, als die Haltung in Deutschland nicht mehr klar war. Im Unterschied zu den Amerikanern, die überzeugt waren, wir stehen auf der rechten Seite.

Sie sehen sich als unpolitisch und haben nur Routinen ­ent­wickelt, wie man Leute unterhält?
Genau. Was fällt mir zu einem Thema ein – und was mache ich, wenn mir zu einem Thema nichts einfällt, was oft genug geschieht.

«Wer vor der Kamera draufhaut, muss hinter der Kamera sauber sein.»

Sie unterrichten hier in Zürich Schauspielschüler. Sie selbst wollten berühmt werden, als Sie vor vierzig Jahren das Schauspielstudium aufnahmen.
Bei mir war es ganz klar Geltungsbedürfnis. «Harald, dein Hubschrauber ist da.» Das war der Satz, für den ich Schauspieler werden wollte. Die Studierenden hier äussern sich wesentlich differenzierter. Als ich am ersten Tag nach den Zielen fragte, fiel der Satz: «Ich will in ein gesundes Ensemble.»

Was können Sie denn den Studierenden beibringen?
Werdet möglichst schnell euer eigener Chef. Der Schauspieler ist der erste, der gefressen wird, das ärmste Schwein auf der Bühne und auf dem Set. Wir feiern gerade den Geburtstag von Karl Marx. Es muss also das Ziel sein, möglichst schnell die Produktionsmittel in die Hand zu bekommen und nicht darauf zu warten, dass jemand mir Möglichkeiten gibt. Im Zeitalter des Handys ist das einfacher, als es je war.

Aber trotzdem sind Sie ­Anhänger eines Kunstbegriffs, demzufolge man nur durch Leiden zum Erfolg kommen kann?
Meiner Meinung nach ist Kevin Spacey als Schauspieler nur so gut, weil es da noch die andere Seite gibt. Gefährlich ist der Umkehrschluss: Ich fange erst mal mit dem Grapschen an, schauspielerisch werde ich mich dann schon noch zu einem Kevin Spacey entwickeln.

Bei Ihnen gibt es keine dunkle Kevin-Spacey-Seite?
Doch, die gibt es. Als die #MeToo-Welle losbrach, habe auch ich blitzschnell gescannt, ob mir von ­irgendwo etwas drohen könnte.

Und?
Tausendprozentig nicht. Es gibt eine Business-Weisheit: Wer vor der Kamera draufhaut, muss hinter der Kamera sauber sein.

Das haben Sie all die Jahre durchgehalten?
Ich wollte der Boulevardpresse nie den Triumph gönnen, dass mir ­jemand am Zeug flicken kann.

Aber ein Schweizer Bankkonto haben Sie?
Selbstverständlich. In Deutschland weiss man das. Finanziell ist es komplett sinnlos, das Konto zu haben, weil es mich nur Gebühren kostet, da ich keinen Wohnsitz hier habe. Aber mir gefällt die Vorstellung, in der Schweiz ein Konto zu besitzen.

Einigen würde es sicher Spass machen, Sie zu stürzen.
Wohin? Dass ich nicht mehr in ­Zürich auftreten kann? Dann geh ich halt gleich essen – und nicht erst nach der Veranstaltung.

Es gibt einen TV-Beitrag, in dem Sie einer «MTV»-Moderatorin an die Brust fassen.
Als die #MeToo-Debatte begann, habe ich sofort auf diesen Clip hingewiesen, damit kein armer Volontär danach suchen muss. Ich serviere also auf dem Tablett, wem ich an die Titten gefasst und wen ich abgeleckt habe.

Wir leben in Zeiten der ­politischen Korrektheit.
Das habe ich sofort in mein Repertoire aufgenommen. Ich mache weiterhin die gleichen Witze, aber ich geh vorher zur Kollegin hin und sage: «Ich mach jetzt gleich etwas, was du haben kannst, falls du etwas für den Hashtag #MeToo brauchst.»

Sie verkörpern alles, was in unserer männlich dominierten Welt gefordert wird: Sie sind laut, schnell und an der Kultivierung Ihres Egos interessiert.
Mein Publikum ist ja ganz klar männlich. Mein früherer Sender Sat 1 hat aus kommerziellen Gründen einmal minutiös erforscht, was meine Zuschauer interessiert: Bei mir waren es Autoreifen, Bier und Rasierschaum.

Dann haben Sie aber etwas falsch gemacht, wenn Sie berühmt werden wollten, um an Frauen ranzukommen.
Ja, aber man kann nicht alles haben. Als ich mit meiner Show aufgehört habe, kam Anke Engelke, aber nach vierzig Sendungen war halt Schluss. Damit habe ich nichts zu tun. Warum kriegen es die Weiber nicht hin? Das ist doch die Frage – und ich seh schon die Überschrift Ihres Interviews.

Sie selbst bezeichnen sich als Kunstfigur.
Das hat der Schauspieler Gert Voss auf den Punkt gebracht: «Du hast eine Kunstfigur entwickelt, die du überallhin zum Spazieren schicken kannst.» Das ist genial erkannt. Darf ich noch meinen alten Buddy Goethe zitieren?

Ja, bitte.
«Gott bewahre uns davor, uns selbst zu erkennen.» Die Schauspielerausbildung braucht man eh nur fürs Privatleben und nicht für die Bühne. Das ist ein Satz von René Pollesch. Und meine Frau könnte Ihnen ein zehnstündiges Referat halten, dass ich den Familienmenschen nur spiele.

Aber es gab doch sicher Momente, in denen Sie total überwältigt waren und dachten: «Wow, dass ich das erleben darf!»
Kleine Textknechte würden Ihnen nun erzählen, dass dies die Geburt ihrer Kinder war. Aber für mich war es ganz klar der Moment, als ich alleine vor ausverkauftem Haus auf der grossen Bühne des Wiener Burgtheaters stand.

Das war der grösste Moment in Ihrem Leben?
Das weiss ich nicht. In jüngster Zeit erhalte ich Angebote, einen Preis für mein Lebenswerk zu bekommen. Da drohe ich gleich mit dem Anwalt, denn vielleicht kommt mein Lebenswerk ja noch. Aber eigentlich finde ich es Quatsch zu sagen, das war nun der grösste Moment in meinem Leben, ab da war ich ein anderer Mensch. Denn eigentlich kennt man sich ja gar nicht, bevor man eine extreme existenzielle Situation erlebt hat.

Nur dann würde man sich erkennen?
Ja, das ist eine Wette mit mir selbst: Verlässt mich die Coolness, wenn ich auf dem OP-Tisch in die Narkose geschickt werde? Aber da bin ich schon wieder Fan des Narkosearztes, der einen Ring im Ohr hat und kurz vorher noch eine rauchte. Und zu mir sagt: «Ab hier trennen sich unsere Wege.» Sollte das mit der OP schiefgehen, habe ich zumindest noch einen coolen Spruch gehört.

Sie sammeln noch Material?
Ja, aber nicht in dem Sinn, dass ich aktiv danach suche. Es weht mich an. Als Schauspieler bin ich 24 Stunden am Tag im Job. Ich weiss ja nie, wann ich das nächste Thema und den nächsten Megaspruch höre. Wenn ich auf Netflix «Bloodline» gucke und sehe, was die Schauspieler da leisten, habe ich nicht nur meinen Spass daran, ich bin auch froh, dass ich so etwas nicht mehr machen muss. Ich staune auch, dass es so viele Sechzigjährige mit Stents gibt, die vom OP-Tisch springen und sagen: Ich habe schon wieder ein Start-up gekauft.

In Würde altern kriegen nicht alle hin.
Also Entschuldigung, das ist jetzt ein Satz aus dem Feuilleton. Was soll denn das, bitte, heissen! Wenn ich Bock habe, zum Frühstück einen Burger zu essen, dazu eine Cola zu trinken und das Ganze mit einem Riesling runterzuspülen, dann ist mir egal, ob das Würde hat.

Gerhard Schröder, der sich in den Hofstaat von Wladimir Putin eingliedert, hat das mit dem würdevollen Altern nicht so gut hingekriegt.
Für mich hat das nichts mit Würdelosigkeit zu tun. Der Gerd lässt es halt krachen. Und wenn es noch etwas gibt, was ich im Alter möchte, dann ist es, mit 74 Jahren eine Südkoreanerin heben zu können – wie unser Alt-Kanzler. Vielleicht auch eine Nordkoreanerin, wenn es Nobelpreisträger Trump möglich macht. Oder eine links und eine rechts, denn ich kann es mir ja finanziell leisten.

Sie wollen dieses Interview nicht gegenlesen, bevor wir es drucken?
Nein. Ich weiss, dass ich mit dieser Haltung Berufskollegen wahnsinnig mache, die alles gegenlesen wollen und die dann die zweieinhalb Pointen, die sie überhaupt haben, gleich auch noch aus dem Interview rausstreichen. Was man sagt, das sagt man. Es darf einfach nicht justiziabel sein. Sonst muss man den deutschen Kanzleramtsminister anrufen, damit er einem raushilft.

Jan Böhmermann hat das in der Erdogan-Affäre gemacht.
Das höre ich.

Sie hätten das nicht gemacht.
Never ever. Das ist für einen Satiriker der Genickschuss. Weil das ja auch eine Überspringung der Gewaltenteilung ist. Ein Politiker kann sich ja nicht in ein Gerichtsverfahren einmischen.

«Harald knallt gut dazwischen.» Der Entertainer als Schauspiellehrer

«Werdet möglichst schnell euer eigener Chef.» Harald Schmidt mit Schauspielstudierenden der Zürcher Hochschule der Künste.

Was haben Sie im Kurs, den Sie in den letzten beiden Wochen zusammen mit der Dozentin Hilde Stark geleitet haben, den Studierenden hier in Zürich beigebracht?

Harald Schmidt: Ich habe den Schülern gesagt ...

Hilde Stark: Es heisst Studierende.

Harald Schmidt: Okay, Studierende, männlich, weiblich. Ich weiss ja gar nicht, was heute noch so entdeckt wird. Transsexuell? Überhaupt gar nichts?

Hilde Stark: Es reicht, wenn du Studierende sagst.

Harald Schmidt: Ich sagte den Studierenden: «Vielleicht fällt euch in zehn Jahren mal ein Satz ein, der hier gefallen ist. Sprechen, gehen, tanzen: Das lernt ihr bei jemand anderem, dafür bin ich nicht zuständig.» Im Grunde genommen ist es also, Opa erzählt vom Krieg, was ich mit den Studierenden hier gemacht habe.

Hilde Stark: Das ist es eben nicht. Er kokettiert damit. Klar gibt es die Anekdotenseite, aber die wird sofort unterbrochen. Entweder von mir oder von den Studierenden, die etwas wissen wollen. Selbstverständlich geht es um die Begegnung mit Harald Schmidt – wer ist er, was kann er, wie ist sein Handwerk? –, aber nicht nur darum, dass sich die Studierenden von ihm berieseln lassen.

Harald Schmidt: Als die Studierenden im Internet entdeckten, dass ich hier in Zürich mit Hazel Brugger auftrete, sind alle aus der Klasse sofort aus dem Koma hochgeschossen; das war in den letzten Tagen die stärkste Reaktion, die ich bei den Studierenden hervorrufen konnte. Ich finde es ja toll, dass die eine Gleichaltrige bejubeln, aber ich frage dann auch: «Wie alt ist Hazel Brugger? 24, das seid ihr im Schnitt auch. Warum steht ihr nicht da oben auf der Bühne? Warum geht ihr nicht diesen Weg?» Das funktioniert selbstverständlich nicht für alle, denn nicht alle können und wollen das, was Hazel Brugger kann. Und sie ist ja auch keine Schauspielerin.

Hilde Stark: Man weiss ja gar nicht, wohin einen ein solches Schauspielstudium alles bringen kann. Es gibt die Bühne, das Fernsehen, aber es gibt auch Entertainer wie Harald Schmidt. Viele Studierende wollen aber erst einmal ans Theater.

Sie, Herr Schmidt, glauben in Sachen Theater weiterhin an die Regiediktatoren, obwohl die von vielen als Auslaufmodelle gesehen werden.

Harald Schmidt: Ja, in meiner Wahrnehmung wird ein erfolgreiches Ensemble von einem intelligenten Diktator geleitet, der dem Fussvolk Mitspracherechte vorspielt.

Wirklich?

Hilde Stark: Genau so, wie Sie jetzt gucken, gucken die Studierenden auch, wenn er so etwas sagt. Auch wenn es nur eine reine Provokation ist.

Harald Schmidt: Nicht nur!

Hilde Stark: Ja, bei ihm weiss man eben nie so richtig, ob er es ernst meint oder ob er wirklich eine so konservative Sicht vertritt, die er ja haben darf. Nur muss er damit leben, dass die anderen diese Sicht nicht teilen. Damit jemand ein Star sein kann, braucht es jedenfalls keinen Diktator.

Harald Schmidt: Nenn mir einen Schauspieler, der in einem nicht diktatorischen Ensemble gross geworden ist.

Hilde Stark: Das geht rein zeitlich nicht! Insofern ist das doch gar keine Beweisführung.

Harald Schmidt: Was geht zeitlich nicht?

Hilde Stark: Vor einem halben Jahrhundert konnten die Frauen in der Schweiz ja auch noch nicht wählen, da kann ich doch nicht danach fragen, wie Frauen damals ihre demokratisch zugesicherten Rechte wahrgenommen haben.

Vorteil Stark, würde ich jetzt mal sagen.

Harald Schmidt: Nun gut, aber wer hat die besseren Nerven im Tie-Break, das ist doch die Frage.

Hilde Stark: Das ist die Freude unserer Zusammenarbeit: Eigentlich können wir uns bei jedem zweiten Satz aufgrund unterschiedlicher Ansichten in die Haare kriegen. Aber das Tolle ist, dass unter all dem, was gesagt wird, Respekt liegt. Auch wenn Harald sich über alles lustig macht. Das ist auch das, was die Studierenden suchen, wenn sie an einem Theater in ein «gesundes Ensemble» gehen wollen: Es geht darum, dass man sich in einer Atmosphäre entfalten kann, die nicht bösartig ist, in der man in Ruhe arbeiten kann.

Harald Schmidt: Wäre das eine Überschrift: «Drunter liegt Respekt»? Ich höre den Satz gerade zum ersten Mal, aber ich werde ihn jetzt eine Weile übernehmen.

Hilde Stark: Du bist doch respektvoll.

Harald Schmidt: Ja, ja, mir war das nur nicht so bewusst, aber jetzt, wo du es sagst, ist es mir klar.

Hilde Stark: Ich würde sonst auch gar nicht mit ihm einen Kurs leiten. Und ich könnte auch nicht so gut mit ihm Ping-Pong bei der gemeinsamen Arbeit spielen. Es ist ein Problem in Theaterkreisen, dass alle sich so einig zeigen, obwohl das gar nicht stimmt. Da knallt er natürlich gut dazwischen: Was er sagt, ist so steil, dass man sich sofort dazu verhalten und eine eigene Position einnehmen muss. Das macht die Arbeit mit Harald Schmidt so interessant.
(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.06.2018, 20:08 Uhr

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