Was wurde aus #MeToo?

Güzin Kar über den vermeintlichen Bedeutungsverlust des Twitter-Hashtags.

Kolumnistin Güzin Kar.

Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Melek Kaya

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Am 5. Oktober 2017 erschien in der «New York Times» eine Reportage der Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor, die in monatelanger Detailarbeit die Hintergründe zu einem der grössten offenen Geheimnisse Hollywoods recherchiert hatten: die systematischen Vergewaltigungen und Übergriffe, begangen von Harvey Weinstein. Nur wenig später, am 23. Oktober, veröffentliche der «New Yorker» die Reportage von Ronan Farrow zum selben Thema. Dazwischen nahm die Schauspielerin Alyssa Milano ein altes Hashtag wieder neu auf und startete das, was wir als #MeToo kennen.

Nach über einem halben Jahr hat das Hashtag auf Twitter deutlich an Präsenz eingebüsst, aber gleichzeitig den Sprung in die Feuilletons geschafft, wo es eine Wandlung durchlief: Einerseits fungiert es als Sammelbegriff zu Debatten über sexuelle Unterdrückung, andererseits als Laut der Wehklage, geäussert von Kommentatoren, die sich schützend vor ihre Geschlechtsgenossen stellen. #MeToo, das den stummen Opfern von sexueller Gewalt eine Stimme verleihen sollte, wird dabei ins Gegenteil verkehrt: Jene, die von erlebten Übergriffen erzählen, sind auf einmal Täterinnen, weil sie angeblich alle Männer einem Generalverdacht aussetzen und gemeinsam mit lustfeindlichen Emanzen und Genderfaschos loskeifen, sobald sie Kunst, Komplimente, Nippel, Zigarren oder schöne Gedichte an Wänden sehen.

Von Hysterie und Hexenjagd ist die Rede, und Witze und flotte Sprüche werden feilgeboten, auch von Frauen: «Mir hat noch nie einer an den Arsch gelangt – leider.» Hat #MeToo versagt? Auf den ersten Blick sieht die Bilanz ungut aus. Bei näherer Betrachtung zeigt sich etwas anderes: Es findet ein tief greifender Wandel statt, denn egal, wie man sich zur Debatte verhält, daran vorbei kommt niemand.

Was die Gereiztheit, die sich bei einigen breitmacht, erklären könnte, ist die Gleichzeitigkeit von Aufarbeitung und dem Wunsch nach Lösungen. Man würde ja so gern ein Zehnpunkteprogramm lancieren, das ein für alle Mal erklärt, was zu weit geht. Dies hätte den Vorteil, dass man die Vergangenheit ruhen lassen und nach vorne schauen könnte. Die Aufarbeitung von Erlebnissen braucht aber Zeit, das Finden von Lösungen auch. Und es ist ein Irrglaube, dass Dinge, die sich bedingen, immer nacheinander passieren. #MeToo zeigt auch, wie sich Rede und Interpretation überlagern und beeinflussen. Diese Gleichzeitigkeit macht Angst oder weckt Ungeduld, ist aber weder beunruhigend noch aussergewöhnlich, denn jede Erzählung ist immer bereits Interpretation. Und sie ist Diskurs, sobald es jemanden gibt, der zuhört. Man ist auch dann Teil des Diskurses, wenn man alles, was man hört, abschmettert und als Unfug oder Übertreibung ansieht. Selbst die schlechten Witze über sexuelle Belästigungen sind ein Zeichen für jenes untergründige Wissen, das wir uns allmählich aufbauen: dass es mehr aufzuarbeiten gibt, als man bisher ahnte, und dass uns die Sache noch lange beschäftigen wird.

Die Debatten, die wir unter #MeToo zusammenfassen, sind nicht verschwunden, sondern finden nur nicht mehr vorwiegend auf Twitter, sondern an vielen Orten statt: an Symposien, in Firmenzentralen, an Restauranttischen, auf Schulhöfen und in WG-Küchen. Sowohl Twohey/Kantor als auch Farrow bekamen für ihre Reportagen einen Pulitzerpreis. Die Geschichte von Twohey und Kantor soll verfilmt werden, was für ein breites Interesse spricht. Dass der Diskurs, der angeblich die Kunst zerstören wollte, Vorlage für einen Kinofilm wird, ist zudem der beste Beweis für das Gegenteil – unabhängig davon, wie der Film wird.

Erstellt: 18.05.2018, 14:18 Uhr

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