Welche Brüste auf Facebook erlaubt sind

Wieso Nacktheit von Facebook teils toleriert und teils zensiert wird. Die geleakten internen Schulungsunterlagen von Facebook könnten kaum widersprüchlicher sein.

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Was unterscheidet Tizians «Venus von Urbino» vom «Raub der Sabinerinnen» von Giambologna nebst dem, dass es sich beim Ersten um ein Gemälde und beim Zweiten um eine Skulptur handelt? Die Venus darf auf Facebook verbreitet werden, Giambolognas Werk jedoch nicht. Dies geht zumindest aus den internen Schulungsunterlagen für Facebook-Mitarbeiter hervor, die der britischen Tageszeitung «The Guardian» zugespielt wurden.

Facebooks Absichten sind klar: Das soziale Netzwerk soll nicht anecken, soll alles Heikle vom Newsfeed entfernen und somit keinen Benutzer mehr vor den Kopf stossen. Nur gibt es in etwa so viele Ansichten, ob ein Thema nun als heikel wahrgenommen wird oder nicht, wie es Nutzer auf der Plattform gibt – und das sind zurzeit fast zwei Milliarden Menschen. Facebook hat sich eine Sisyphusarbeit auferlegt, die es nicht zur Befriedigung aller Nutzer ausführen kann.

Man könnte meinen, dass gewisse Themenbereiche relativ einfach in schwarz und weiss zu unterteilen sind, beispielsweise Pornografie oder Gewaltdarstellungen. Doch auch in den Ausführungen zu diesen Themen ist Facebook teilweise erstaunlich ambivalent. So werden Bilder oder Videos mit expliziten Gewaltdarstellungen toleriert, da sie «zur Sensibilisierung von Nutzern beitragen können». Sobald das visuelle Element mit einem unterstützenden oder verherrlichenden Text gepostet wird, soll es gelöscht werden.

Nur bildende Künste

In Sachen Kunst wird der Entscheid, ob ein Bild oder Video auf Facebook «zugelassen» oder «abgelehnt» wird, aufgrund solcher Finessen nicht einfacher. Nacktheit gehört seit der Antike zur Kunst wie heutzutage ein Facebook-Account zum Teenager. Laut den internen Schulungsunterlagen lässt Facebook Abbildungen von Nacktheit zu, solange sie in «Kunst wie Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen abgebildet ist». Neuerdings sollen auch digital erschaffene Nacktheit und handgefertigte Abbildungen von sexuellen Handlungen erlaubt sein. Nicht erlaubt bleiben aber «digital erstellte sexuelle Handlungen». Facebook selbst sieht jedoch ein, dass es schwierig sei, diese Grenze durchzusetzen, da «die Unterscheidung zwischen Kunsthandwerk und digital erstellten Abbildungen schwierig ist».

Diesen Richtlinien zufolge ist es demnach nur logisch, dass die «Venus von Urbino» abgebildet werden darf: Es handelt sich um ein Gemälde, das von Tizian mit künstlerischem Handwerk erstellt wurde. Wieso jedoch die Skulptur Giambolognas nicht publiziert werden darf, ist unergründlich. Auch diese Skulptur ist eine im Handwerk erschaffene, künstlerische Arbeit und entspricht somit eigentlich den Auflagen von Facebook. Trotzdem wird sie in den Schulungsunterlagen mit «Ablehnen» markiert. Vielleicht ist der englische Titel ausschlaggebend für die Zensur: «The Rape of the Sabine Women», wobei das englische Wort «rape» sowohl für Raub oder Entführung, im allgemeinen Sprachgebrauch jedoch eher für Vergewaltigung benutzt wird.

Die Grenzen sind nicht klar zu definieren

Fraglich ist auch, unter welchen Aspekten Facebook die zeitgenössische Kunst behandelt, die beispielsweise Spencer Tunick einschliesst. Die Schulungsunterlagen zu «digitaler Nacktheit und echter Kunst» beinhalten nur bildende, jedoch keine Konzept- und Performance-Kunst. Gelten für Künstler wie Spencer Tunick demnach Facebooks standardmässige Nacktheitsrichtlinien (keine primären Geschlechtsteile, keine weiblichen Brustwarzen), was relativ einfach umgangen werden kann, indem er ebendiese Körperteile entweder digital zensiert oder überdeckt? Oder sollten besondere Regeln für Kunstschaffende, die mit nackten Körpern arbeiten, geschaffen werden?

Auch über Bilder von Helmut Newton oder Günter Rössler, Pionieren der Aktfotografie, müsste diskutiert werden. Gerade Helmut Newtons 1981 veröffentlichte Serie «Big Nudes» war nebst seinem persönlichen Höhepunkt auch ein neuer Standard in der Aktfotografie. Dadurch könnte das Männermagazin «Playboy», das mit seiner Fotografie ebenfalls einen künstlerischen Anspruch verfolgt, darauf bestehen, dass seine Bilder unzensiert auf Facebook verbreitet werden können. Auch die umstrittene Performancekünstlerin Milo Moiré könnte insistieren, dass ihr Kunstverständnis effektiv als Kunst angesehen und auch so behandelt wird.

Wo Facebook die Grenze zieht, ist trotz des Leaks der internen Schulungsunterlagen nicht klar ersichtlich und zeugt von der Komplexität der Themen, zu welchen auch gesellschaftlich nicht immer Konsens besteht.

Erstellt: 24.05.2017, 10:12 Uhr

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