Werden wir mit dem Alter empfindsamer?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Wahrnehmung.

Oft werden Elefanten in asiatischen Ländern mit Feuer vertrieben. Dass die Tiere dabei Feuer fangen, ist nicht selten. Foto: Hazra Sanctuary (Picture Alliance)

Oft werden Elefanten in asiatischen Ländern mit Feuer vertrieben. Dass die Tiere dabei Feuer fangen, ist nicht selten. Foto: Hazra Sanctuary (Picture Alliance)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kürzlich habe ich in dieser Zeitung das Bild eines brennenden Elefäntchens gesehen. Das war für mich kaum auszuhalten. Je älter ich werde, desto schwerer ertrage ich das Leid anderer. Ich leide wirklich mit! Ein Kollege meinte, er empfinde das ähnlich, das sei die Altersempfindsamkeit (wir sind 53). Gibt es das wirklich? M. G.
Liebe Frau G.

Eine Studie, die 2009 in der Zeitschrift «Psychology and Aging» veröffentlicht wurde, legt nahe, dass an der Vermutung Ihres Kollegen etwas dran sein könnte. Mit zunehmendem Alter reagierten die untersuchten Personen stärker mit negativen Gefühlen auf «Ereignisse, die eine Person als Herausforderung, Bedrohung oder potenziellen Verlust einschätzt». Es bleiben jedoch individuelle Unterschiede in der Stärke der Reaktion erhalten.

Jede Antwort zieht neue Fragen nach sich

Es gibt also empfindsame und weniger empfindsame Personen, die mit dem Altern jeweils (noch) etwas empfindsamer reagieren. Diese Empfindsamkeit ist kein stabiles Persönlichkeitsmerkmal, sondern wird durch vorhergehenden Stress verstärkt. Wie alle psychologischen Untersuchungen misst oder beschreibt auch diese Studie zunächst einmal genau das, was sie beschreibt und misst. Das bedeutet, wenn Sie an einem Freitagmorgen bei einer Gruppe schwedischer Dentalhygienikerinnen untersuchen, ob deren Arbeitsmotivation durch leise Popmusik gesteigert wird, dann erfahren Sie, wie schwedische Dentalhygienikerinnen kurz vor dem Wochenende auf exakt die ihnen vorgespielte Musik reagieren. Ob diese in einem Jahr noch genauso motiviert oder unmotiviert sind und ob der Befund für südschwedische Dentalhygienikerinnen ebenso gilt wie für nordschwedische, bleibt unklar.

Mit statistischen Verfahren lässt sich der Einfluss und die Wechselwirkung verschiedener Faktoren isolieren und einschätzen. Doch bleibt das Mass der ­(angestrebten) Verallgemeinerung stets ein Problem. Ob man aus dem von mir erfundenen Beispiel die Schlagzeile «Leise Popmusik wirkt motivierend» drechseln könnte, halte ich für zweifelhaft. Dasselbe gilt für «Im Alter werden wir immer empfindsamer». Denn in der Studie gehts um Stressoren, denen man ausgesetzt ist.

Zählen Zeitungsbilder dazu? Und warum weichen wir solchen erschütternden Bildern nicht einfach aus, sondern schauen sie uns zuweilen sogar mehrfach an? Entsteht vielleicht sogar eine Befriedigung aus dem gesteigerten Empfinden? Sind die in der Studie erwähnten «negativen Affekte» möglicherweise nur unter einem bestimmten Aspekt negativ? Hat Mitleid auch einen Anteil von Genuss? Sie sehen: Kaum hat man eine Antwort, hat man auch schon neue Fragen.

Erstellt: 04.02.2020, 19:21 Uhr

Artikel zum Thema

Graue Götter im Feuer

Reportage Auf Sri Lanka wächst die Bevölkerung, zugleich schrumpft der Wald. Das führt zwangsläufig zu einem Konflikt, bei dem es nur Verlierer gibt: Menschen und Elefanten. Eine blutige Tragödie. Mehr...

Meine Frau ist Psychologin – soll sie mich analysieren?

Leser fragen Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Therapie im trauten Heim. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...