Wie aus Hippies Yuppies wurden

Die Biografie von Jann Wenner, Mitbegründer des «Rolling Stone»-Magazins, offenbart, wie schnell sich die amerikanische Gegenkultur im Kapitalismus auflöste.

Der junge Verleger: Jann Wenner 1970, drei Jahre nach der Lancierung des «Rolling Stone». Foto: Bettmann Archive

Der junge Verleger: Jann Wenner 1970, drei Jahre nach der Lancierung des «Rolling Stone». Foto: Bettmann Archive

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Journalist: «Waren Sie jetzt mit Mick ­Jagger im Bett oder nicht?»

Jann Wenner: «Ich werde mich hüten, diese Frage zu bejahen oder zu ­verneinen.»

Also nicht. Oder doch? Jann Wenner, der reiche und einflussreiche, bewunderte und gehasste Zeitschriftenverleger, der im Herbst 1967 in San Francisco das Musikmagazin «Rolling Stone» mitlancierte, damals als 21-jähriger Student ohne Abschluss, und es zu einem internationalen, multimillionären Erfolg führte mit fremdsprachigen Ausgaben in über zwanzig Ländern: Er ist im Laufe seiner fünfzigjährigen Karriere mit vielen ins Bett gegangen. In jeder Beziehung.

Zwei frühere Versuche einer Biografie sind an seiner Obstruktion gescheitert. Auf Wenners Drängen hat sich Joe Hagan daran gewagt, Redaktor beim «New Yorker», ein angesehener politischer Reporter. Hagan hat vier Jahre lang recherchiert, Hunderte von Interviews geführt, mit Wenner lange Gespräche aufgenommen und sogar dessen Privatarchiv auswerten dürfen, denn Wenner hat alles über sich aufbewahrt. Hagans jetzt erschienene, 500-seitige Enthüllungsbiografie handelt von den vier Dingen, die Jann Wenner am meisten liebt: Sex, Drogen, Rock ’n’ Roll – und Geld.

Keine Frauen, keine Schwarzen

Je tiefer man sich in das Buch hineinliest, das nach dem Stones-Album «Sticky Fingers» benannt ist, desto vielschichtiger erlebt man dessen Hauptfigur. Wie hat dieser Mann solche Widersprüche ausgehalten?

Da ist Wenners schneller Intellekt und seine unbändige Begeisterung, seine risikofreudige Offenheit für neue Themen, Formen und Leute. Da ist aber auch eine Masslosigkeit gegenüber allem, sie machte ihn zum taumelnden Kiffer, zum Alkoholiker, Kokser und Bulimiker, der nächtelang durchmachte und wochenlang nicht auf der Redaktion auftauchte. Da ist der Geldverschwender als Egoist, der sich das Teuerste kaufte und die Mitarbeiter miserabel bezahlte. Da ist der Autodidakt mit höchsten Ansprüchen, der Jahre brauchte, um für seine Redaktion Faktenchecker anzustellen, welche die peinlich vielen Fehler ihrer Reporter korrigierten.

50 Jahre «Rolling Stone». (Videos: Youtube)

Vor allem gab sich Wenner gerne liberal und links und unterstützt bis heute die Demokraten, doch sein Blatt wurde von weissen, machistischen Männern dominiert. Frauen wurden im «Rolling Stone» lange zu Groupies sexualisiert oder heruntergemacht wie zum Beispiel die Songschreiberin Joni Mitchell. Schwarze Musiker wurden weitgehend ignoriert, weil sich Titelgeschichten mit ihnen nicht verkauften. Wichtige Trends wie Disco, Punk, Hip-Hop oder Techno hat das Magazin kleingeschrieben oder verpasst, es blieb auf die Helden seiner Gründerjahre fixiert.

Am häufigsten kam Mick Jagger aufs Cover des Magazins, nämlich 31-mal; er bekam im Übermass, was Jann Wenner am wichtigsten war: Beachtung. Wenners Bewunderung für Jagger und Jaggers kalkulierte Beziehung zu Wenner gehören zu einem der interessantesten Stränge in Hagans Biografie. Das gilt auch für die spannungsvolle Beziehung zwischen Wenner und John Lennon, die fast Freunde wurden und sich dann verkrachten. Wenner hatte Lennon über die Beatles-Jahre befragt und daraus später ein Buch gemacht, was ihm Lennon explizit untersagt hatte. Die beiden sprachen nie mehr miteinander.

Ein moderner Journalismus

Trotz all diesen Fehlern und Fehleinschätzungen: Der «Rolling Stone» hat den amerikanischen Journalismus inspiriert. Jann Wenner war ein Pionier. Er hatte als Erster in den Sechzigern erkannt, dass die wachsende Gegenkultur der USA ernst genommen werden musste. Etablierte Medien wie «Time» oder «Newsweek» ignorierten sie, dilettantische Fanzines und Studentenzeitungen wurden ihr nicht gerecht.

Der «Rolling Stone», den Wenner mit dem Jazzkritiker Ralph Gleason im November 1967 lancierte, wozu er Geld von seinen Schwiegereltern auslieh, erschien mit einem klassisch wirkenden, unaufgeregten Layout und sorgfältigen Schwarzweissbildern. Bald etablierte er sich als Magazin für Musikhörer, Musiker und die Musikindustrie. Wenner und seine Leute, alles Männer, führten lange Interviews mit Musikern wie Bob Dylan, Pete Townshend und John Lennon auf der Höhe ihrer Intelligenz.

Das Team verfasste elegant geschriebene Tourberichte, Festivalreportagen, kompetente Plattenkritiken, dazu kamen die exzellenten, grosszügig aufgemachten Fotografien. Und es gab Szenenklatsch, die viel beachteten «Random Notes». Viele der besten amerikanischen Musikjournalisten haben bei «Rolling Stone» gearbeitet, bis sie sich – unweigerlich – mit dem Chef verkrachten: Greil Marcus, Lester Bangs, Cameron Crowe oder Jim DeRogatis. «Jann ist ein Freund jeder Band, die acht Millionen Platten verkauft», sagte Letzterer. Wenner feuerte ihn am selben Tag.

Freie Drogen, freie Liebe, Leben auf dem Campus, in Kommunen, Kritik am Vietnamkrieg: «Rolling Stone» feierte das junge Amerika.

Er selber dachte von Anfang an über die Musik hinaus, wollte auf die amerikanische Gesellschaft einwirken. Das Magazin handle nicht nur von Musik, schrieb Wenner schon in seinem ersten Editorial, sondern von den «Haltungen und Themen, die sich in der Musik ausdrücken». Das konnte eine Menge heissen, wie die folgenden Ausgaben zeigten: Freie Drogen, freie Liebe, Leben auf dem Campus, in Kommunen, Kritik am Vietnamkrieg, anders gesagt: «Rolling Stone» feierte das junge Amerika.

Mit der Auflage der neuen, inzwischen vierfarbig bebilderten Zeitschrift stieg das Interesse der Werbung an dieser neuen, jungen Kaufkraftklasse, die der «Rolling Stone» alle zwei Wochen erreichte. Und mit dem Erfolg des Magazins wuchs der Ehrgeiz seines Gründers. Wenner gelang es, den «Rolling Stone» als politisch liberale Publikation zu etablieren, die auch schwierige Themen recherchierte: Umweltkatastrophen, Betrugsskandale, brutale Armee- und Polizeieinsätze.

Mick Jagger und Arhmet Ertegun nehmen Wenner in die «Rock'n'Roll Hall of Fame» auf (Oktober 2010).

Dass er einen Instinkt für die richtigen Themen und Leute hatte, bezeugen alle, mit denen Joe Hagan geredet hat. Wenner hat die unbekannte junge Fotografin Annie Leibovitz und ihre Porträts weltberühmt gemacht. Er hat Schreiber wie den chaotischen und obsessiven Ichautor Hunter S. Thompson oder den Schriftsteller Tom Wolfe lang und breit schreiben lassen. Den einen liess er durch amerikanische Wahlveranstaltungen taumeln und druckte sein erste Buch «Fear and Loathing in Las Vegas» vorab.

Und von Tom Wolfe wollte er, dass er alles über die ersten amerikanischen Astronauten recherchiere, Wenner brachte die Reportage in sieben langen Folgen. Das Magazin berichtete über Sekten, Politskandale, Atomunfälle und militärische Vertuschungsskandale, interviewte alle demokratischen Präsidentschaftskandidaten und schaffte Enthüllungen mit internationaler Wirkung. Michael Hastings’ Recherche in Afghanistan führte zum Rücktritt des damaligen Generals Stanley McChrystal.

Vor der Bühne niedergestochen

Die bekannteste Reportage des «Rolling Stone» bleibt eine ihrer ersten: Sie gilt der Katastrophe von Altamont, dem Gratiskonzert der Rolling Stones und anderer Bands vor 300’000 frierenden, verladenen Fans am 6. Dezember 1969. Die Menge wurde von einer Truppe von Hells Angels terrorisiert, welche die Stones als Sicherheitskräfte engagiert hatten. Ein junger Schwarzer, der eine Pistole hatte, wurde vor der Bühne von einem Hells Angel erstochen, während die Stones «Under My Thumb» spielten, ihr Hohelied der Unterdrückung. Als Wenner und seine Reporter das Ausmass des Unglücks und die Mitschuld des Stones-Managements realisierten, stellten sie die Zeitschrift um und füllten sie mit einer Vollrecherche, deren Unerschrockenheit dem Magazin hoch angerechnet wurde.

Jagger nahm Wenner die Recherche übel und entzog sich ihm so lange, bis er realisierte, wie leicht sich Wenner zu seinen Gunsten manipulieren liess. «Ich kontrolliere Jann mit einer Hand», soll er gesagt haben. Die beiden sind seit vielen Jahren kollegial befreundet, weil beide so sehr voneinander profitiert haben. Der «Rolling Stone» war der Newsletter der Rolling Stones.

Jann Wenners Distanzlosigkeit, schreibt Hagan, gründe in seiner Erfolgssucht; und diese habe zunehmend mit der journalistischen Integrität seiner Publikation kollidiert. Zuerst war es die Plattenindustrie, die mit drohenden Inseratenboykotten Rezensenten unter Druck setzte, oder Wenner selber schrieb schon mal eigenhändig einen Artikel um, weil er einem Musiker oder Manager einen Dienst erweisen wollte. Später griff der Chef ein, um eigene Projekte zu bewerben wie eine Fernsehsendung oder die von ihm mitbegründete Hall of Hame.

Bilder: «Rolling Stone» steht zum Verkauf

Und spätestens seit Wenner 1977 die Büros seines Magazins vom langhaarigen San Francisco ins glitzernde New York zügeln liess, war die Wende vollzogen: von Schwarzweiss zu Hochglanz, von Platteninseraten zu Werbeseiten von Big Tobacco, der Automobilindustrie, Parfüms und selbst Rekrutierungsinseraten der US-Armee. Die Berichterstattung wandte sich den Celebrities in Fernsehen, Filmen und der Popkultur zu. «Das LSD machte die Hippies zu Yuppies», hat Frank Zappa einmal gesagt, aber der hatte von Drogen keine Ahnung. Wer sich dafür interessiert, wie sich eine Gegenkultur im Kapitalismus auflöst, kann das entlang der Geschichte des «Rolling Stone» nachlesen.

Dass Hogans Biografie so viel von Sex handelt, hat mit Wenners Lebensstil zu tun. Zwar gehört seine ehemalige Frau Jane zu seinen engsten Vertrauten, er hat mehrere Kinder mit ihr, und sie nahm Einfluss auf den Stil seines Magazins. Trotzdem hatte Wenner ununterbrochen Affären mit Männern und Frauen, Kollegen, Musikern, Angestellten, Geschäftspartnern. Obwohl er bald realisierte, dass er mehr auf Männer stand, hielt er seine Homosexualität während Jahrzehnten geheim. Auch dass er Jude war, Sohn einer liberalen, zerstritten-neurotischen Familie, empfand er als Hindernis beim Aufstieg. Zudem litt er wegen seiner Figur: Wenner war klein und korpulent. «Ein schwuler Jude, der unbedingt von den weissen Protestanten akzeptiert werden wollte», sagte eine Mitarbeiterin im Buch von Joe Hogan, auch er einer von Wenners ehemaligen Mitarbeitern.

Und dann der Niedergang

Dass der «Rolling Stone» immer bunter und seichter wurde, lag auch an der gesellschaftlichen Entwicklung. Wenner hatte nicht nur als Erster erkannt, dass die amerikanische Jugendkultur der Sechziger eine neue, für die Werbung attraktive Kaufkraftklasse bildete. Er registrierte in den Siebzigern früh, dass sich die Gegenkultur aufspalten würde. Eine Minderheit radikalisierte sich politisch oder trat in die Institutionen ein, manche blieben in den Drogen hängen oder in der Esoterik, die Mehrheit feierte ihren hedonistischen Lebensstil. Aids beendete die Feier, Techno und Ecstasy lancierten sie neu.

Für die Generation der Babyboomer erfand Steve Jobs die Apple-Produkte, für dieselbe Generation schrieb der «Rolling Stone» seine Artikel über Stile, Moden und Trends. Obwohl Wenner zuletzt alles machte, um seinen Inserenten zu gefallen, liess sich der Niedergang auch seiner Zeitschrift nicht aufhalten. Der «Rolling Stone» verlor Millionen von Abonnenten und verpasste den Anschluss ans Internet.

Zudem blamierte sich die Zeitschrift vor drei Jahren mit einer aufwendigen, aber falschen Enthüllung über eine angebliche Massenvergewaltigung auf einem Universitätscampus von Virginia. Im August 2015 übernahm Wenners Sohn Gus die Verlegerstelle seines Vaters, aber nicht dessen Erfolg. Letzte Woche wurde bekannt, dass Jann Wenner seine Mehrheitsbeteiligung von 51 Prozent verkaufen möchte – zum 50. Geburtstag seines Magazins. Was aus dem Heft und seinem Erfinder geworden ist im Unterschied zu dem, was beide einmal waren: Nicht einmal Jann Wenner hätte die beiden wiedererkannt.

«Das Buch verfolgt die Absicht, seine Hauptperson zu diskreditieren. Es ist ein bösartiges Buch.»Greil Marcus, Publizist

Auch in der Biografie von Joe Hagan erkennt er sich überhaupt nicht wieder. Wenner hat alle gemeinsamen Auftritte mit Hagan abgesagt, und er distanziert sich von ihm, wenn immer man ihn fragt. Eine solche Reaktion kann bei einem so narzisstischen Menschen nicht überraschen, aber es gibt manche in den USA, die Wenners Kritik teilen.

Einer der Wichtigsten, weil unbestechlich, ist der kalifornische Publizist Greil Marcus. «Das Buch verfolgt die Absicht, seine Hauptperson zu diskreditieren», schreibt er, als man ihn um eine Einschätzung bittet. Hagan habe aus Gesprächen mit ihm und vielen anderen nur das Schlechte übernommen, manchmal sogar ausserhalb des Kontextes. «Es ist ein bösartiges Buch.»

Aber es ist auch das Buch über einen vielfältigen, innovativen Mann, das sich genauso unterhaltend liest, wie er selber ist. Ausserdem kann Jann Wenner immer wieder überraschen, mit seiner Ehrlichkeit zum Beispiel. Obwohl er die Hippies als Leser brauchte und sich ihnen als Drogenfreak darbot, hielt er nichts von ihren Bongotrommeln. Ihm ging es von Anfang um den Erfolg. «Ich war immer schon ein Bourgeois», sagt er einmal, «und meine Leser waren es auch.»

Erstellt: 10.12.2017, 22:49 Uhr

Joe Hagan: Sticky Fingers. The Life and Times of Jann Wenner and Rolling Stone Magazine. New York: Random House, 500 Seiten. Die deutsche Fassung erscheint Ende März bei Rowohlt.

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