Wie die Schweiz lustig wurde

Junge Stand-up-Komiker füllen landesweit Säle. Sie lernen von Youtube und schaffen eine neue Volkskultur.

Kam aus dem Kongo via Südafrika nach Niederlenz: Charles Nguela ist der Shootingstar der Stand-up-Komiker-Szene. Foto: Mirco Rederlechner (SRF)

Kam aus dem Kongo via Südafrika nach Niederlenz: Charles Nguela ist der Shootingstar der Stand-up-Komiker-Szene. Foto: Mirco Rederlechner (SRF)

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Zuerst macht er ein paar Tanzschritte. Und lässt sich dann vom Publikum begrüssen, als stünde ein zweiter Barack Obama oder gar ein schwarzer Jesus auf der Bühne: Applaus für Charles Nguela, Comedian und Shootingstar der Stand-up-Szene. Nguela, im Kongo geboren, dann über Südafrika nach Niederlenz AG gekommen, ist wie ein Komet im Licht erschienen, er hat sich selber zum Godfather of Black Swiss Comedy gemacht und wird dafür gefeiert.

Mit ihm rocken heute noch andere junge Schweizer Stand-up-Künstlerinnen und -Künstler die Bühnen. Wenn Gabirano, der Berner Instagram- und Youtube-Star, mit seinem Programm «Seg öppis Lustigs» auftritt, ist das Zürcher Volkshaus ausverkauft, und Bligg sitzt in der ersten Reihe. Wer nicht dabei sein kann, klagt in den sozialen Medien: «bro wieso chunsch weni i de ferie bi?»

Ist die Schweiz von sich aus lustig geworden? Die Entwicklung hat viel mit Hamburg zu tun. Mit einem Rechtsanwalt. Und natürlich mit dem Schweizer Fernsehen.

1992 ging «Benissimo» auf Sendung, ab und zu traten dort auch Komiker auf. Beat Schlatter und Patrick Frey, Ursus und Nadeschkin, Giacobbo/Müller oder Kliby & Caroline machten Witze. Am Fernsehen wurde Humor an einem Samstag oder vielleicht noch über Weihnachten ausgestrahlt. Da gabs die Aufzeichnung des Arosa-Humor-Festivals. Anfang der Neunzigerjahre herrschte in Sachen Bühnenkomik in der Schweiz also ein ziemliches Vakuum.

Zur gleichen Zeit startete in Hamburg der Quatsch Comedy Club, und seine Shows verwandelten Stand-up in Rock ’n’ Roll. Der Club war «ein Ort, wo eben nicht diskutiert wurde über Gürtellinien oder darüber, ob ein Witz politisch ist – sondern darüber, ob du lustig bist oder nicht», sagt der deutsche Comedian Michael Mittermeier über die Anfänge seiner Karriere.

Über Danny Gundelfinger, Rechtsanwalt von Beruf, Impresario aus Berufung, kam Stand-up-Comedy in die Schweiz. Auf seiner offenen Bühne im Zürcher Weissen Wind liess er alle, die sich für lustig hielten, ihr Ding machen. Wer im Publikum motzte, dem sagte man: Geh doch selber auf die Bühne. Hier begannen die Karrieren von Stefan Büsser, Sven Ivanic, Joël von Mutzenbecher. Das Open Mic war der Ausgangspunkt für ihren weiteren Weg.

1999 rief Gundelfinger den Swiss Comedy Award ins Leben. Am Anfang waren noch deutsche Comedians dabei, bald aber kristallisierte sich eine Schweizer Szene heraus. Unter den Finalisten waren: Michael Elsener, Fabian Unteregger, Stéphanie Berger. Seit 2016 betreibt Danny Gundelfinger eine feste Spielstelle, es ist das Comedy-Haus am Albisriederplatz in Zürich. Wenn hier ein Comedian für sein Programm eine Kuh im Saal braucht, kann sie Danny Gundelfinger organisieren. Und er weiss auch, dass Kühe für die Komik trocken gefüttert sein müssen.

Comedy als Selbstlern-Tool

Das Büro von Lorenz Hauser an der Zürcher Geroldstrasse ist das Epizentrum der Schweizer Stand-up-Comedy-Szene. Sie bekommt mit Hauser, dem Netzwerkkünstler, ein Ausrufezeichen. Denn er sagt, Stand-up habe eine eigene Sprache und einen eigenen Drive, sie sei jünger, frecher als Mischformen wie Music-Comedy, Magic Comedy, Kabarett. Nur Stand-up kann das, was auch Slam-Poetry geschafft hat, nämlich: eine Bewegung auslösen.

Michael Mittermeier war ein Türöffner, über ihn lernte Lorenz Hauser die Mitglieder des Quatsch Comedy Club kennen. Er lud sie in die Schweiz ein, das Format kam an – und wurde nach einem Jahr geändert. Die Idee hiess: Mixed Show, wo etablierte und aufstrebende, deutsche und Schweizer Bühnenkomiker auftreten. Gestern gab es die Mixed Show Nummer 21, Claudio Zuccolini präsentierte im Bernhard-Theater «sechs grandiose Comedians». Neben etablierten Künstlerinnen und Künstlern war auch ein Newcomer dabei: Timo Michels aus dem Thurgau. Er stellte die Frage: «Kann man auf der Bühne gleich lustig sein wie im Privatleben?» Natürlich nicht, auch Komiker müssen lernen, lustig zu sein.

Für alles gibt es Schulen: Kunstschulen, Theaterschulen, Filmschulen, Zirkusschulen. Stand-up-Comedy ist aber so etwas wie ein Selbstlernmodul. Natürlich bekommen Newcomer Hilfe von aussen, niemand wird für eine Mixed Show ins kalte Wasser geworfen, auch professionelle Coachings werden angeboten. Aber das meiste bringen sich Comedians selber bei – sie schauen bei Youtube, was die anderen in den USA oder in Deutschland machen. Und probieren es dann selber aus.

Der Hang zur Masse macht das Genre für manche suspekt. Sie sagen, was von Migros oder UPC gesponsert wird, sei doch reiner Kommerz. 

Viele Youtube-Filmchen macht die deutsche Rebellcomedy, Babak Ghassim und Usama Elyas haben die Gruppe 2005 gegründet. Hier finden sich Künstlerinnen und Künstler mit marokkanischen, irakischen, türkischen Wurzeln zusammen. Und ja, ein Schweizer Stand-up-Migrant ist auch dabei: Alain Frei macht im Ausland Karriere. Wenn Rebellcomedy kommt, sind die Säle voll, ob im Bernhard-Theater oder im Berner Bierhübeli. Völlig ausverkauft war im letzten Dezember die Samsung Hall in Dübendorf mit 3000 Plätzen. Es war eine grosse Party mit sehr jungen Menschen, so eine Art Comedy im Hip-Hop-Format. Das Publikum verstand: Wir sprechen die gleiche Sprache.

Nicht alle finden das lustig. «Sorry, aber das, was im Radio gesendet wurde, ist nicht einen müden Lacher wert», schreibt einer als Kommentar zu den Schweizer Newcomern. «Wenn das die neuen Comedy-Helden sein sollen, na dann gute Nacht.» Jede Generation hat ihre Lieblinge. Aber die Zahlen sprechen für Gabirano und Co.

Dieser Hang zur Masse macht das Genre für manche suspekt. Sie sagen, was von Migros oder UPC gesponsert wird, sei doch reiner Kommerz. Die NZZ geht auf Distanz und nennt Comedy-Künstler wie Kiko, Sven Ivanic oder Joël von Mutzenbecher vornehm Comédiens. Und hat natürlich auch für Anet Corti oder Gülsha Adiji die weibliche Form parat.

Auch Förderinstanzen von Pro Helvetia bis zu den städtischen Kulturkommissionen machen einen Bogen um die Comedy-Szene. Dabei wird Mitmachtheater aller Couleur überall freundlich unterstützt. Die Teilhabe hört dann bei Charles Nguela auf. Er erhält keine Subventionen für seine Programme, obwohl sie ein Teil der neuen Volkskultur sind. Wie auch Comedy-Theater in der Schweiz nicht unterstützt werden.

Zwischenschritt für die Zukunft

In Deutschland kommt ein Comedian mit 20-Minuten-Auftritten weit, manche spielen die gleiche Nummer schon seit Jahren. Allein in Berlin gibt es zwölf offene Bühnen für Stand-up, jeden Abend kann da ausprobiert werden, was lustig ist und was nicht. In der Schweiz muss nach einem ersten Erfolg das nächste Programm gleich abendfüllend sein.

Wenn jetzt junge Schweizer Comedians die Bühnen stürmen, ist das nur ein Zwischenschritt. Ihr Weg ist noch weit. Und er führt über die Grenzen hinaus. Ein Charles Nguela könnte vielleicht auch in Deutschland bestehen, so wie es Joël von Mutzenbecher heute schon tut. Auf Swissness lässt sich dort aufbauen – Emil, Hazel Brugger, DJ Bobo haben es vorgemacht. Auch Michael Mittermeier ruht sich auf seinem Erfolg nicht aus. Er ist immer wieder nach Amerika gegangen und hat auf kleinsten Bühnen neue Sachen ausprobiert. Damit das Stand-up immer Rock ’n’Roll bleibt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2018, 23:49 Uhr

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