Wie man Wahrheit kontaminiert

Bloggerin Marie Sophie Hingst dichtete sich eine Holocaust-Familiengeschichte an. Solche Opfer-Fiktionen gibt es immer wieder – mit verheerender Wirkung.

Hochstaplerin bei der Preisverleihung zur Bloggerin des Jahres: Marie Sophie Hingst. Foto: die-goldenen-blogger.de

Hochstaplerin bei der Preisverleihung zur Bloggerin des Jahres: Marie Sophie Hingst. Foto: die-goldenen-blogger.de

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1995 brachte ein Mann namens Binjamin Wilkomirski im Jüdischen Verlag, der zur Suhrkamp-Gruppe gehört, seine traumatischen Erinnerungen an eine jüdische Kindheit in Osteuropa heraus. Das Buch wurde in 12 Sprachen übersetzt, Wilkomirski tourte in einem eigens entworfenen Gebetsmantel durch die Schweiz, trug vor Schulklassen jüdische Trauerweisen auf der Klarinette vor und erzählte in jiddischem Singsang von seinem Leid: Zwei KZ habe er überlebt, ein Mann, wahrscheinlich sein Vater, sei vor seinen Augen ermordet worden, die Mutter im KZ gestorben, später Waisenhaus und Adoption...

Als ihm Ende der Neunziger nachgewiesen wurde, dass er in Wahrheit Bruno Grosjean heisst, in Biel geboren und als Sohn einer alleinstehenden Schweizerin von einem wohlhabenden Ehepaar aus Zürich adoptiert wurde, hielt Wilkomirski/Grosjean daran fest, dass er als jüdisches Kind in die Schweiz geschmuggelt worden sei. Dort habe man ihm eine neue Identität aufgepfropft. Gegen die einfachste Methode, Klarheit über seine Identität zu erlangen, wehrte er sich, indem er die Lüge fortspann: Als Opfer des KZ-Arztes Josef Mengele lasse er kategorisch keine körperlichen Eingriffe zu – also auch keine DNA-Entnahme. Im Rahmen eines Strafverfahrens wurde dann doch ein DNA-Test bei ihm und dem noch lebenden biologischen Vater von Bruno Grosjean angeordnet, der letzte Klarheit verschaffte.

Opferbonus immunisiert teilweise

Die Geschichte dieses Betrügers kam Anfang letzter Woche wieder auf, weil sich nach Recherchen des Spiegels herausgestellt hatte, dass die Bloggerin Marie Sophie Hingst über Jahre hin ähnlich dreist gelogen haben muss: Sie betrieb den Blog «Read on my dear, read on», in dem sie gern von ihrer jüdischen Grossmutter erzählte. Sie meldete dem Archiv der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem die Namen von 22 angeblichen Holocaust-Opfern aus ihrer Familie. Als Autorin muss sie das Motivrepertoire der Erinnerungsliteratur und Traumarhetorik überzeugend beherrscht haben, schliesslich wurde sie für «Read on, my dear, read on» 2017 von den Goldenen Bloggern zur Bloggerin des Jahres gewählt. In Wahrheit stammt sie aus einer evangelischen Pastoren- und Akademikerfamilie in der Lutherstadt Wittenberg, nur drei der von ihr in Yad Vashem gemeldeten Menschen haben wirklich gelebt, jüdisch war keiner von ihnen. Als klar war, dass der Spiegel ihr Lügengebäude zum Einsturz bringen würde, liess sie über einen Anwalt erklären, dass die Texte in ihrem Blog «ein erhebliches Mass an künstlerischer Freiheit für sich in Anspruch» nähmen. «Es handelt sich um Literatur, nicht um Journalismus oder Geschichtsschreibung.»

Das ist ziemlich dreist. Ihren vermeintlichen Wert bezogen ihre Texte ja gerade daraus, dass sie auf den Erinnerungen einer Überlebenden fussten. Hätte Hingst sie als reine Fiktion in die Welt geblasen, kaum jemand hätte sich vermutlich dafür interessiert – und alle, die ihre Einträge regelmässig lasen, hätten diese in ästhetischer wie faktischer Hinsicht strenger unter die Lupe genommen als das jetzt der Fall war. Schliesslich sichert der Opferbonus nicht nur Deutungshoheit und hohe Klickzahlen, sondern immunisiert auch teilweise gegen Kritik. Das hat die Kunsthistorikerin und Autorin Anke Groener nach der Spiegel-Enthüllung gut in ihrem Blog beschrieben. Groener hatte einige «Read on ...»-Einträge von Hingst gelesen, war dem Blog dann aber ferngeblieben. Einerseits fand sie ihn zu «hübsch» geschrieben und kam mit dem «poetischen Stil nicht zurande». Andererseits schienen ihr ein paar historische Details «nicht recht zusammenzupassen». Heute ahnt sie, warum sie diesem Gefühl nicht weiter nachging: «Was bilde ich mir als Nachkomme der Tätergeneration ein, eine Opfergeschichte anzuzweifeln?»

Aggressives Gejammer

Hingst hat die Waffe des Betroffenseins selbst gern in Stellung gebracht. Als im Januar 2018 eine Leserin den Wahrheitsgehalt ihres Blogs anzweifelte, antwortete Hingst in feinster Opferrhetorik: «So sitzt man da mit dem Schreiben der Lügnerin, die einen selber Lügnerin heisst, und das ist das perfide an den Lügnern: ihr schleichendes Gift, ihre stolz vorgetragenen Behauptungen, ihre Schamlosigkeit über ein fremdes Leben herzufallen, sich als Retter der Wahrheit zu inszenieren, denn die Lügner wissen schon, was sie tun und wissen auch: immer bleibt irgendetwas kleben.»

Die «Schamlosigkeit», die «Inszenierung als Retter der Wahrheit», das «schleichende Gift» – im Nachhinein steckt in diesem aggressiven Gejammer eine verblüffend treffende Selbstbeschreibung. Schliesslich sind Lügengeschichten wie die von Marie Sophie Hingst Wasser auf die Mühlen der Holocaustleugner – jetzt stimmen nicht einmal mehr die Opfernamen in Yad Vashem. Die echten Opferberichte («irgendwas bleibt immer kleben») werden durch solche erfundenen Texte kontaminiert.

Am Ende via Anwaltsverlautbarung bei der «Literatur» unterkriechen zu wollen, nachdem man die Authentizität des Geschriebenen zunächst als argumentative Waffe eingesetzt und damit biografische Opfermeriten eingefahren hat, ist besonders infam – aber unter Holocaustfabulierern recht beliebt: Als Bruno Grosjean alias Binjamin Wilkomirski nicht mehr leugnen konnte, gab er plötzlich zu Protokoll, es habe seinen Lesern von jeher frei gestanden, «mein Buch als Literatur oder als persönliches Dokument wahrzunehmen». Ähnlich die Belgierin Misha Defonseca: Erst behauptete sie in einem erfolgreichen Buch, sie habe den Holocaust nur überlebt, indem sie als jüdisches Mädchen gemeinsam mit einem Rudel Wölfe quer durch Europa gezogen sei, um ihre verschleppten Eltern wiederzufinden. Als das Ganze 2008 als reine Erfindung entlarvt wurde (ihre Eltern waren nicht nur keine Juden, ihr Vater galt auch noch als Kollaborateur), schrieb sie, ihr Buch sei «eine Geschichte, meine Geschichte (...) Es ist nicht die Wahrheit, aber meine Wahrheit.»

Blick nach Amerika

Nicht die Wahrheit, aber meine Wahrheit: Einiges deutet daraufhin, dass Hingst ernsthafte Probleme mit der Wahrheit hat. Schliesslich hat sie sich nicht nur einen Holocaust-Hintergrund erlogen, sondern auch noch andere spektakuläre biografsche Details erfunden: So behauptete sie, mit 19 Jahren im indischen Okhla ein Slumkrankenhaus gegründet und später in einer deutschen Kleinstadt Flüchtlingen Sexualaufklärung gegeben zu haben. Sie verbreitete sich zu diesen interessanten Erfahrungen auch bereitwillig in der Öffentlichkeit, gab Interviews und schrieb auf Zeit Online unter dem Namen Sophie Roznblatt über die Aufklärungssprechstunde. Fast als könne sie nicht anders, legte sie in diesem ohnehin wohl frei erfundenen Text noch einmal neue schimmernde Pailletten auf ihr biografisches Pfauenkleid: «Ich habe in Kenia laufen gelernt und, da meine Mutter als Ärztin in verschiedenen Ländern arbeitete, viele Sprachen dazu. Auf den Strassen Algiers lernte ich Arabisch – und in neun Ländern, was Heimatlosigkeit ist. Vor zehn Jahren beschloss ich, Sexualaufklärung zu meinem Thema zu machen. Damals habe ich vor dem Spiegel das Wort ,Penis' in elf Sprachen geübt.»

Lassen wir Frau Hingst mit dem elfsprachigen Penis allein und schauen zum Schluss noch mal kurz nach Amerika: Der Amerikaner Herman Rosenblat, der tatsächlich Buchenwald überlebt hat, schrieb in den Neunzigerjahren einen Text darüber, dass ein Mädchen ihm im Winter 1945 jeden Tag einen Apfel über den Zaun des KZ geworfen und ihm so das Leben gerettet habe. Jahre später habe er sie in New York wiedergetroffen, die beiden seien bis heute verheiratet. Als herauskam, dass die Geschichte um den Apfel und das wiedergefundene Mädchen erfunden war und Rosenblat sich im Nachhinein verteidigte mit dem Argument, er habe das ja nur gemacht, um die Menschen mal zu rühren, erwiderte die amerikanische Historikerin und Holocaust-Expertin Deborah Lipstadt: «Schon wenn du Kleinigkeiten erfindest, säst du damit Zweifel an allem anderen.» (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 10.06.2019, 10:46 Uhr

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