Wie «Schweiz aktuell», aber frecher

Die Schweiz hat ein neues digitales Medium: «Nau». Wir haben reingeschaut.

Die Reporter von «Nau» stellen sich vor.


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Seit einer Woche gibt es in der Deutschschweiz ein neues Nachrichtenportal: «Nau». Lanciert wurde das Medium von der Livesystems Holding, jener Firma, die seit zehn Jahren in zahlreichen öffentlichen Verkehrsmitteln die Bildschirme von Passenger-TV betreibt. Auf diesen gibt es neben Werbung und Fahrgastinformationen eben auch News zu lesen – bis anhin von Lokalzeitungen, neu von der «Nau»-Redaktion.

Für das Projekt hat Livesystems eine Redaktion mit 45 Journalisten neu aufgebaut. Darunter Namen, die man kennt: Micha Zbinden und Christof Vuille waren lange für die «Blick»-Gruppe tätig, Nadine Brügger kennt man von SRF «Gesundheit heute» und Tama Vakesaan als SRF-Youtuberin.

Die Journalistinnen und Journalisten bespielen neben den Bildschirmen in Bus und Tram auch eine Website und eine App. Finanzieren will sich das neue Medium über Werbung. Livesystems-Chef Yves Kilchenmann gab sich im Voraus gegenüber «Der Bund» positiv: Die Werbeumsätze mit Aussenbildschirmen würden wachsen; Website und App hätten das Potenzial, weitere Kunden anzuziehen. Kilchenmann geht davon aus, dass die Redaktion mittelfristig über die zusätzlichen Werbeeinnahmen getragen ist. «Ich rechne damit, dass die Gewinnschwelle spätestens in fünf Jahren erreicht wird.»

Lokalkolorit, Schnurris und Stadtoriginale

Die Ausgangslage für den Erfolg steht nicht schlecht: Die Bildschirme von Passenger-TV sind in 2300 Fahrzeugen des öffentlichen Verkehrs montiert, gut 1,3 Millionen Menschen sehen deren Inhalte jeden Tag. Den bisherigen, automatisch eingespeisten Regionalnachrichten fehlte oft die nötige Knappheit. Die neuen, massgeschneiderten Beiträge von «Nau» dürften also automatisch Aufmerksamkeit generieren – und den einen oder anderen auf die Website oder App locken.

Inhaltlich setzt «Nau» auf News, Regionalität und Live-Videos. Bedienen will man vor allem die Pendler. Auf der Website stechen die Videos besonders ins Auge. Gut ein Drittel der Journalisten ist als fliegende Reporter in Zürich, Bern, Basel, St. Gallen, Frauenfeld und Luzern unterwegs. Deren Live-Beiträge sahen in der ersten Woche von «Nau» so aus: eine Reportage zum Abschied des Zürcher Kult-Trampiloten Peider Filli, ein Besuch beim gemüsehobelnden Marktschreier an der Olma, ein Gespräch mit Pedro Lenz über dessen neuen Gedichtband. Viel Lokalkolorit also, ein paar Schnurris und Stadtoriginale. Das ist charmant und unterhaltsam, ein bisschen wie «Schweiz aktuell», einfach frecher.

Der «Nau»-Reporter unterwegs mit Trämler Peider Filli. (Video: Youtube/«Nau live»)

Fraglich ist, ob tatsächlich alle Video-Reportagen stets live gestreamt werden müssen. Die Reporter von «Nau» wollen «ungefiltert» und «fresh» sein, das ist legitim. Manchmal, etwa beim Thema sexuelle Belästigung, würde der interessierte Zuschauer jedoch ein in Ruhe gefilmtes und produziertes Video-Interview vorziehen.

Es wird sich zeigen, wie sich «Nau» neben «20 Minuten» und «Watson» behaupten wird. Das Pendler-Medium hat «Nau» nicht neu erfunden. Aber der Fokus aufs Lokale könnte den Unterschied ausmachen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2017, 09:44 Uhr

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