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Wieso rast die Zeit?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktorinnen und Redaktoren häufig gegoogelte Fragen.

Uhren messen sie objektiv, aber für jeden von uns läuft die Zeit anders. Foto: Keystone
Uhren messen sie objektiv, aber für jeden von uns läuft die Zeit anders. Foto: Keystone

Tut sie das denn? Auf dem Zahnarztstuhl, während einer Wurzelbehandlung, dehnt sie sich endlos. Und wenn wir auf einem zugigen Bahnsteig auf einen stark verspäteten Zug warten (was natürlich nur in Deutschland vorkommt), wollen die Zeiger der Bahnhofsuhr einfach nicht vorrücken. Schöne, beglückende Momente dagegen vergehen im Fluge, auch wenn wir mit Goethes Faust sagen möchten: Verweile doch, du bist so schön! Sie verweilen eben nicht. Die Ferien – kaum begonnen, sind sie schon vorbei.

Zeit ist also relativ. Wie schnell sie vergeht, hängt davon ab, was sie füllt und wie wir uns damit fühlen, ob wir sie geniessen oder erleiden, nutzen oder totschlagen. Sie rast gerade dann, wenn sie nicht rasen soll. Es ist überhaupt die rätselhafteste der vier Dimensionen, und seit Einstein nachgewiesen hat, dass sie mit dem Raum zusammenhängt, ist die Sache nicht leichter geworden. Gewiss ist allein, dass die Zeit nur in eine Richtung verläuft. Im Raum können wir umkehren, in der Zeit nicht. Was einmal geschah, ist nie mehr zurückzuholen.

Nur in der Mystik, in der Meditation und in bestimmten Rauschzuständen (Drogen, Liebe) kann man aus der Zeit «aussteigen», den Moment dehnen zur gefühlten Ewigkeit. Eine kurze Illusion, wie danach ein ernüchterter Blick auf die Uhr zeigt.

2019 war das kürzeste Jahr, seit ich lebe

Im Speziellen zielt die Frage auf grössere Zeiträume und deren vermutete beschleunigte Wahrnehmung im fortgeschrittenen Lebensalter. Die Vermutung ist tatsächlich mehrfach experimentell nachgewiesen worden. Die Erklärung liegt auf der Hand: In der Jugend erleben wir viel Neues, viele «erste Male», die sich einprägen und uns das Bewusstsein eines intensiven Lebens geben. Das streckt die gefühlte Zeit. Wenn wir älter werden, sind die Überraschungen seltener, es gibt mehr Routine, die Ereignisse sind bekannt und setzen sich weniger fest, das Gedächtnis rafft, fasst zusammen: Die Zeit vergeht schneller.

Die Intensität der Wahrnehmung und die Sortierfunktion des Gedächtnisses: Beides führt zu dem Eindruck einer Beschleunigung. Gemessene und gefühlte Zeit treten auseinander.

Ich bin alt genug, um sagen zu können: Ja, so ist es. Das Arbeitsleben, eben frohgemut begonnen – schon wieder fast vorbei. Und das trotz ständiger Neuerungen und Umstellungen, steigendem Arbeitsdruck und permanentem «mind change». Eigentlich genug Eindrücke für ein intensives Zeitgefühl. Trotzdem war das Jahr 2019 das kürzeste, seit ich lebe. Was tun? Vielleicht sorgt ein neues «erstes Mal» zu einer abrupten Änderung: der Ruhestand. Vielleicht vergehen die Tage dann quälend langsam?

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