Wofür kämpft ihr an der Kosmos-Front?

Das Zürcher Kulturlokal drohe fette Beute eines rechtsbürgerlichen Agitators zu werden, heisst es. Auf dem Spiel steht aber etwas ganz anderes.

Um dieses Kulturlokal wird heftig gestritten: das Kosmos in Zürich. Bild: Doris Fanconi

Um dieses Kulturlokal wird heftig gestritten: das Kosmos in Zürich. Bild: Doris Fanconi

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Brennt Zürich mal wieder? Naheliegende Frage, seit vor etwas mehr als einer Woche die öffentliche Diskussion um das Zürcher Kosmos begann und diese innert kürzester Zeit eine Temperatur erreichte, die es mit der Sommerhitze locker aufnehmen könnte. Von einem «Kampf», einem «grossen Showdown», gar einem «Knall» war die Rede. All das sei in Zürich eingeschlagen «wie eine Bombe», hiess es in einem Medienbericht.

Wenn im zivilisierten Zürich Bomben einschlagen und einige von einem «Putsch» oder gar einem «Krieg» schreiben, gilt es, Vorsicht walten zu lassen und sich genau anzuschauen, was mit martialischer Rhetorik so kraftvoll verteidigt und zu einem politischen Endkampf hochgeschrieben wird. Folgt man den jüngsten Schlachtberichten, soll es beim Kosmos um eine Auseinandersetzung zwischen den urbanen Linken und einigen Rechtskonservativen gehen, die im Kosmos eine «fette Beute» sehen. Zu den Anführern der «Beute»-Jäger wurde der PR-Berater Edwin van der Geest hochstilisiert, der als «rechtsbürgerlicher Agitator» charakterisiert wird.

Selbst wer im Zwist ums Kosmos einen politischen «Kampf» zwischen links und rechts sieht und dafür Belege hat, wird sich die Frage gefallen lassen müssen, ob die Frontlinien jemals so eindeutig verliefen, wie sie nun inszeniert werden. Fakt ist, dass das Kosmos niemals ohne die SBB möglich geworden wäre, die bei der Planung der Europaallee dem Vorwurf der Gentrifizierung entgegentreten wollten – und die deshalb bis heute dem Kulturort sehr attraktive Mietkonditionen gewähren. Es ist fraglich, ob das Kosmos zugleich Feigenblatt für die SBB und ein Ort der intellektuellen Linken sein kann. Denn diese müssten sich doch ablehnend oder zumindest kritisch gegenüber der Gentrifizierung verhalten. Nicht zuletzt in Zürich, wo viele – gerade aus dem Umfeld des Kosmos und seiner Aktionäre – die 1980er-Jahre miterlebt haben, gar mitkämpften, als es darum ging, Freiräume zu erringen.

Heute gibt es – auch dank der 80er-Generation – in Zürich zahlreiche Kulturorte, deren Betrieb mit städtischen Subventionen unterstützt wird, die also so frei wie möglich sind. Selbst wenn das Kosmos einem «rechtsbürgerlichen Agitator» und seiner Gang zum Opfer fiele, gäb es also weiterhin Institutionen, wo aufregende linke Debatten, Kunst und Kultur stattfinden könnten.

Könnten. Tatsächlich ist es aber so, dass Zürich seit mehr als einem Jahrzehnt von einem Rückzugsgefecht bestimmt wird: Zwar finden täglich unzählige Kultur- und Diskussionsveranstaltungen statt, aber diese werden als Freizeit- oder Abendvergnügen gesehen, als Veredelung des eigenen Selbstbildes – und weniger als Teil einer alternativen Lebensform, wie es sich die Linke dies einst erträumt hatte.

Genau das war es, was das Kosmos bisher bot: Es ist ein Ort wie andere auch, wo man essen, in Büchern stöbern, ins Kino gehen und Diskussionen hören kann. Nichts Besonderes, bis der Streit aufbrach. Jene Linken, die sich nun mit voller Kraft ins Verteidigungsgefecht stürzen, müssen sich fragen lassen, wofür sie genau kämpfen (ihr eigenes Image – oder geht es um mehr?), ob ihre martialische Rhetorik angemessen ist – und ob es zurzeit nicht andere, dringlichere Schauplätze für linkes Engagement gibt. Carola Rackete und Greta Thunberg haben auf diese Fragen überzeugende Antworten gefunden.

Erstellt: 04.07.2019, 18:10 Uhr

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