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Was das iPhone für den Hörer, ist der Kindle für den Leser

Amazon scheint geschafft zu haben, was anderen Firmen seit über 20 Jahren nicht gelang: die Entwicklung eines massentauglichen elektronischen Lesegeräts.

Der Kindle ist in den USA seit fast einem Jahr auf dem Markt und auf dem besten Weg, aus der Nische der Technologiefreaks auszubrechen. Das elektronische Lesegerät greift bereits auf einen Bestand von über 180'000 Büchern zu, doppelt so viele wie beim Start, und deckt mehr als 10 Prozent des Umsatzes von Amazon ab. Es ist leicht zu handhaben, leistungsfähig und macht Bücher zur Hälfte des Preises von gedruckten Ausgaben verfügbar. Zwei Hindernisse muss der Anbieter Amazon noch beseitigen: Das Gerät ist mit 359 Dollar viel zu teuer. Und es muss technisch aufgerüstet werden, damit es ausserhalb der USA zu brauchen ist.

Amazon betrat kein völlig unbekanntes Gelände, als es den Kindle (engl. für «anzünden, anfeuern», gesprochen «kindl») vor einem Jahr lancierte. Mehrere Technologiefirmen hatten davor versucht, das gedruckte Buch ins digitale Zeitalter zu überführen, waren aber alle gescheitert. Das aussichtsreichste Projekt stammte von Sony. Der japanische Konzern warf im Oktober 2006 den Reader auf den Markt; ein elegantes Gerät mit einer brandneuen Technik.

Dabei ging es darum, ein Buch auf einem Bildschirm so darzustellen, dass fast kein Unterschied zum Druck zu erkennen war.

Die E-Ink-Technik geht nicht von der herkömmlichen, auch von Computern benutzten Bildschirmdarstellung aus, sondern verwendet magnetisch aufgeladene Kügelchen. Je nach elektrischem Impuls drehen sie auf Weiss oder Schwarz, und sie bleiben in dieser Position stehen. Das Resultat: Bücher im E-Ink-Verfahren können ohne Hintergrundbeleuchtung, auch im grellen Sonnenschein, gelesen werden. Sie bleiben stabil, selbst wenn die Batterie leer ist. Und sie verbrauchen so wenig Strom, dass ein Lesegerät ohne Aufladung bis zu einer Woche lang läuft.

Der Bahnhofskiosk in der Tasche

Amazon übernahm diese Technologie und gab Sony in zweierlei Hinsicht das Nachsehen: Der Onlineladen machte seine eigenen riesigen Buchbestände verfügbar und ergänzte das Gerät mit einem Telecomanbieter (in den USA ist dies Sprint): Dies erlaubt, den Kindle permanent auf den neuesten Stand zu bringen. Dafür bezahlt der Nutzer nichts. Der Kindle lädt automatisch die neuesten Bestände nach, aus denen die Nutzer auswählen können. Ein Bahnhofkiosk also im Taschenbuchformat.

Jedes geladene Buch kostet aufgerundet 10 Dollar; etwa die Hälfte des reduzierten Amazon-Preises für ein gedrucktes Exemplar. Das Angebot wird permanent ausgebaut; jeden Monat kommen rund 10'000 neue Titel hinzu. Der Kindle kann 200 Bücher speichern; mit einer Tastatur kann man Randbemerkungen anbringen. Ist der Speicher voll, können die Bücher auf einem Computer gelagert werden.

Ein perfektes Produkt? Das ist der Kindle noch nicht. Das Design wirkt schwerfällig, kantig und anfällig für Fehlmanipulationen. Der Schalter zum Ein- und Ausschalten etwa befindet sich auf der Rückseite; was dazu führt, dass der Kindle aus dem kunstledernen Umschlag rutscht, wenn er in Betrieb genommen wird. Die Taste zum Hauptmenü des Geräts ist zu klein, beim Umblättern flackert die Seite leicht. Die Abstufung zwischen Schwarz und Weiss ist zu wenig kontrastreich. Das Angebot an Zeitungen, Zeitschriften und Blogs ist dürftig, aber immerhin bietet Amazon neben Bücher auch andere Medien an.

Das Gerät ist etwa so gross wie ein Taschenbuch; auf einer Seite hat indessen weit weniger Stoff Platz als im gedruckten Buch, weshalb eine schnelle Durchsicht nur schwer möglich ist. Illustrationen sind vorhanden, aber nur in rudimentärer Form. Zeitungen und Blogs werden nur in einer gerafften Fassung angeboten und nicht permanent aufdatiert. Der Kindle ist eben «nur» ein elektronisches Buch, kein Laptop und kein Handy.

Bei Apple gelernt

Amazon-Chef Jeff Bezos hat den Kindle klar auf Erfolg getrimmt und offensichtlich einiges von Apple-Chef Steve Jobs gelernt. Der Kindle ist intuitiv zu bedienen. Kommt er mit der Post an, ist er in wenigen Minuten lesebereit. Man muss weder Programme herunterladen noch einen Computer einsetzen. Die Integration von Gerät und Inhalten ist gelungen, genau wie beim iPod von Apple. Auch ist der Preis für ein Buch mit 10 Dollar akzeptabel.

Bezos hat aber auch eine Unart von Jobs übernommen. Er umgibt den Kindle mit einem Geheimnisschleier und lässt die Nutzer im Unklaren darüber, wann die nächste Ausgabe zu erwarten ist und welche Neuerungen vorgesehen sind. Dies mag für das Image gut sein, aus Sicht der Nutzer ist es eher ärgerlich. Amazon Deutschland teilte auf Anfrage lediglich mit, man wisse, «dass viele Kunden auch ausserhalb der USA daran interessiert sind, den Kindle zu kaufen, und dementsprechend wollen wir den Kindle auch in anderen Ländern zur Verfügung stellen. Ankündigungen zum Wann und Wo haben wir noch nicht gemacht.»

Bereits 240'000 Geräte verkauft

Die Unsicherheit hängt damit zusammen, dass Amazon das Gerät zunächst nur für das amerikanische Telecom-Übertragungsnetz entwickelt hat. Der Kindle kann ausserhalb der USA nicht aufdatiert und nachgeladen werden. Das Gerät dürfte kaum vor dem Frühling 2009 in Europa zu kaufen sein und hoffentlich zu einem deutlich tieferen Preis. 359 Dollar sind zu hoch und dürften viele Leser abschrecken. Wenn das iPhone auch in dieser Hinsicht das Vorbild darstellt, dann wird Amazon den Kindle deutlich ermässigen müssen und den Profit mit dem Verkauf der Bücher machen.

Der Trend spricht für diese These. Die Technologiewebsite Techcrunch schätzt, dass bereits 240'000 Geräte abgesetzt wurden, womit Amazon auf den Spuren von Apple wäre, das im ersten Jahr 360'000 iPods verkaufte. Und noch besser sieht es bei den Büchern aus. Amazon setzt in den USA gemäss Branchenschätzungen 12 Prozent der Bücher über den Kindle ab und könnte innert zweier Jahre damit einen Umsatz von 750 Millionen Dollar erzielen.

Natürlich haben die Verlage Angst vor dem Kindle. Sie befürchten, das Gerät mache die gedruckten Ausgaben überflüssig. Diese Angst scheint unbegründet. Nach Schätzung eines Analysten kaufen Besitzer eines Kindles online Bücher für 120 bis 150 Dollar – und zwar zusätzlich zu den gedruckten. Wer einmal angezündelt wurde, kann das Lesen nicht mehr lassen.

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