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Regisseur Stallone probt am liebsten mit sich selbst

Das Zurich Film Festival ehrte Sylvester Stallone. In einer «Master Class» erzählte er von seiner Arbeit als Drehbuchautor und Regisseur.

Wir wollen nicht klagen. Man sieht Sylvester Stallone nicht alle Tage von so nah. Sein Brustkorb ist beeindruckend und seine Stimme von angenehmer Grabestiefe. Man hätte einfach gedacht, eine exklusiv gehaltene «Master Class» am Filmfestival Zürich sei eine Veranstaltung von grösserer analytischer Üppigkeit; und das Nähkästchen, aus dem der hier geehrte Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur am Samstag plauderte, enthalte mehr originelles Geheimnis und lehrreiche Details einer erfolgreichen künstlerischen Praxis.

Aber es ging auch so. Das Werkstattgespräch, geführt vom englischen Filmjournalisten und Buchautor Peter Cowie, dauerte eine Stunde und war eher charmante Konversation als tief bohrende Befragung. Jedoch erwies sich Sylvester Stallone in diesem Rahmen als ein liebenswürdiger, ernsthafter, eloquenter Partner. Die Selbstsicherheit war in schönem Gleichgewicht mit der Selbstironie. Anekdoten gaben den ab und zu vorkommenden Allgemeinplätzen eine persönliche Farbe. Und vielleicht war im Nähkästchen halt auch nicht mehr drin.

Man wusste schon, dass eine unglaubliche Hartnäckigkeit Stallone zum Star gemacht hatte. Seine grundsätzliche Botschaft, die ernst durch jede Ironie schien, war bekannt: dieses «Gib nicht auf!», das ihn mit seinen Lebensrollen verbindet, dem Boxer Rocky Balboa und der in der mönchischen Seele friedfertigen Kriegsgurgel John Rambo, für deren erste Auftritte er das Drehbuch schrieb («Rocky», 1976, und «First Blood», 1982). Er schöpfe auch als Autor aus sich selbst, sagte er, und das hiess: Er erzähle Geschichten vom Erfolg amerikanischer Unterhunde, auf die zunächst keiner einen Cent gesetzt hätte.

Es redete ein bescheidener Handwerkers, der seinen goldenen Boden gefunden hat. Eine leichte Verlegenheit verriet, dass er es doch für etwas übertrieben hielt, als der Moderator Cowie ihn als schreibenden und spielenden Regisseur in eine Reihe mit einem obsessiven Genie wie Orson Welles stellte. Allerdings flösste einem die Konsequenz Respekt ein, mit der Stallone offenbar sein Schreiben und seine Inszenierungen (zuletzt «Rambo IV») der gradlinigen Emotionalität einer Geschichte unterwirft. Er leiste sich keine künstlerischen Umwege aus formalem Ehrgeiz, sagte er; und man könnte ihn deshalb fast einen besessenen Dienstleister nennen, dem nie die Kunst über die Bedürfnisse des Publikums geht.

«Spontan und frisch»

Da schälten sich dann ein paar Stallone-Gebote fürs gute Drehbuch heraus: dass Schreiben Verzicht und Anpassung sei; dass auch starke Charaktere ein paar seriöse Defekte brauchen, damit sie dem Publikum an Herz wachsen; und dass man mutig sein solle im Gebrauch von Sentimentalität.

Am liebsten führe er ja Regie. Er probe gern, und am leichtesten habe er es immer mit sich selbst. Wie er das hasse, wenn junge Schauspieler ihre Dialoge nicht richtig lernten, um sie «spontan und frisch» zu halten! «Ihr haltet sie nicht frisch, ihr haltet sie einfältig», sage er dann; und scheints kann er jemandem ziemlich deutlich mitteilen, wo Gott hockt, wenn es um die darstellerische Gefühlsdisziplin geht. Auch das war ein Stallone-Gebot – leicht abgemildert durch die Einschränkung, dass man auch einmal zufrieden sein müsse. Er habe das als Regisseur von «Staying Alive» (1983) in der Zusammenarbeit mit John Travolta erfahren, den schon das sanfteste kritische Lüftchen umwerfe.

Zurzeit arbeitet Stallone an einem Film über Edgar Allan Poe, seinen Lieblingsdichter. «Rambo V» soll folgen. Eine Dame getraute sich und fragte, ob er sich als «ernsthaften Filmemacher» bezeichnen würde; aber da kam sie gerade an den Rechten: Er sei Filmemacher, sagte er; «ernsthafte» Filmemacher, seiner Erfahrung nach, seien Leute, «die sich einen Scheiss drum kümmern, ob jemand sehen will, was sie machen».

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