Dunkle Geschäfte mit bunter Baumwolle

Das Landesmuseum Zürich inszeniert die Schweizer Beteiligung am «Indiennes»-Fieber.

Indiennes-Stoff mit Lebensbaummotiv, wohl Neuenburg, um 1800. Copyright: Schweizerisches Nationalmuseum, ehem. Sammlung Petitcol

Indiennes-Stoff mit Lebensbaummotiv, wohl Neuenburg, um 1800. Copyright: Schweizerisches Nationalmuseum, ehem. Sammlung Petitcol

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Auch Handelswege haben ihre Starallüren. Wie lebendig etwa der Mythos der antiken Seidenstrasse nach wie vor ist, beweist gerade China mit seiner milliardenschweren «Belt and Road»-Initiative. Der Nimbus der alten Handelsroute, entlang der nicht nur Seide verkauft, sondern auch Kultur, Religion und Wissen verbreitet wurden, wird vom heutigen China als ein Symbol seiner wirtschaftlichen Vormachtsstellung genutzt.

Dem indischen Baumwollhandelsweg fehlt zwar der seidene Glanz, doch hat sich in der letzten Zeit unter den Historikern die Erkenntnis durchgesetzt, dass es gerade die prosaische Faser des Baumwollstrauches war, aus welcher die wirtschaftliche Ordnung unserer Zeit gewebt wurde. Wie etwa der deutsche Historiker und Harvard-Professor Sven Beckert in seiner preisgekrönten Abhandlung «King Cotton» nachweist, hätte nämlich ohne die Baumwolle und ohne den mit ihrem Anbau und ihrem Handel eng zusammenhängenden Sklavenhandel kein europäischer Kapitalismus entstehen können.

Der Stoff und die Sklaven

Es ist darum als ein besonders aktueller Beitrag zu werten, wenn das Zürcher Landesmuseum sich in der Ausstellung «Indiennes» des Baumwollhandelswegs annimmt und darin Überraschendes zutage fördert: dass die Schweiz, obwohl keine Kolonialmacht, im frühkapitalistischen Baumwollsystem eine zentrale Rolle spielte, als Produzent und als Händler der beliebten Stoffe – und manchmal auch als gleichgültiger Ermöglicher des menschenverachtenden Tauschs Stoff gegen Sklaven.

Wandbehang (Palampore) von der Koromandelküste, Indien, um 1700-1750. Copyright: Schweizerisches Nationalmuseum, ehem. Sammlung Petitcol

Die «Indiennes», also die «Indischen Stoffe», waren schon seit dem 17. Jahrhundert in Europa beliebt. Mit der Bezeichnung subsumierte man alle Arten von farbenfroh und exotisch bedruckten Baumwolltextilien, die ursprünglich aus Indien stammten, bald schon aber aus der indischen und amerikanischen Baumwolle in Europa hergestellt wurden. Die bedruckte Baumwolle war so hübsch wie Seide und für die ärmeren Bevölkerungsschichten eine interessante Alternative zu Leinen und Wolle.

Die Schweiz ist in das Indienne-Geschäft zunächst mal hineingeraten, als sie die Hugenotten aufnahm, nachdem ihnen Ludwig der XIV. in Frankreich die Religionsfreiheit beschnitt. Diese brachten Know-how und Kapital in die Schweiz. Als Frankreich danach 1686 die Herstellung bemalter Stoffe aus protektionistischen Gründen verbot (um die französische Seidenproduktion zu schützen), profitierte die Schweiz nochmals.

Basis der Industrialisierung

Sie wurde so zum Warenumschlagplatz eines avant la lettre globalen Geschäfts: Sie führte Baumwolle und Farbe aus Europa, Afrika, Amerika und Asien ein und exportierte rund 95 Prozent seiner «Indiennes» – nicht zuletzt auch nach Indien, was einer regelrechten Schubumkehr des Handelsstroms gleichkam. 1830 gab es in Genf, Neuenburg und Biel um die 21 Indienne-Fabriken, die beinahe 3000 Arbeiter beschäftigten. Dank diesem starken Baumwollzweig konnte sich die Schweizer Wirtschaft während der Industriellen Revolution behaupten, und einige Schweizer Firmen, die damals gross wurden, prägten später die Schweizer Entwicklung und Kultur, allen voran das Handelshaus Gebrüder Volkart aus Winterthur.

Weberei in Calicut, Ende 19. Jh. Die Basler Mission gründet in Indien nicht nur Schulen und Spitäler, sondern auch Webereien und Ziegeleien, wo die zum Christentum bekehrten Inderinnen und Inder beschäftigt werden. Copyright: Archiv der Basler Mission, Basel

Am Anfang der Zürcher Ausstellung steht allerdings nicht die akademische Aufarbeitung der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, sondern – wie es sich für ein Museum gehört – die hauseigene Sammlung. Namentlich ein jüngerer Ankauf von 2017: 150 alte Indienne-Stoffe aus der französischen Textilsammlung Xavier Petitcol. Dank diesem Erwerb konnte das Haus auch eine wichtige historische Lücke schliessen, denn bisher war die Schweizer Beteiligung am europäischen Indienne-Fieber wenig dokumentiert. Unter anderem lässt sich anhand eines in der Sammlung vorhandenen Stoffmusters mit «afrikanischen» Motiven erstmals sicher belegen, dass die Schweizer Manufakturen wissentlich Stoffe produzierten, die als Zahlungsmittel im Sklavenhandel eingesetzt wurden.

Gefahr der Verzettelung

Rund um diesen Stoffschatz inszeniert das Haus nun, wie der Untertitel der Ausstellung suggeriert, «Tausend Geschichten». Prachtvolle Riesenfoulards mit Lebensbaummustern und baumwollene Himmelbetten erfreuen das Auge, während die Besucher auf viele interessante Abwege gelockt werden: Es wird etwa das Verhältnis Gandhis zur unbedruckten Baumwolle als einem emanzipatorischen Attribut thematisiert, die Entwicklung der Textilmetropole Mumbai/Mumbai skizziert und die unternehmerische Rolle der Basler Mission in Indien umrissen.

Dieser Versuch, das Thema in alle Richtungen auszuweiten, gerät der Ausstellung am Ende aber zum Nachteil. Er mag die am Internet geschulte, sprunghafte Neugier des modernen Besuchers abholen, befriedigt aber nicht nachhaltig. Statt tausend Geschichten, denkt man sich, hätte man lieber eine einzige Geschichte gehört. Eine, die tief schürft und einen nicht mehr loslässt.

Ausstellung: «Indiennes. Stoff für tausend Geschichten», Landesmuseum Zürich, bis 19.1.2020

Erstellt: 06.10.2019, 13:49 Uhr

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