Ein Besessener

Im russischen Perm wurde der Grieche Teodor Currentzis, was er ist: ein Charismatiker, ein Star, ein Guru. Besuch beim Dirigenten des Jahres.

Einen Taktstock braucht er nicht, das Orchester versteht ihn bestens, wenn er die Arme tanzen lässt: Dirigent Teodor Currentzis. Foto: Wjatscheslaw Prokofjew (Getty)

Einen Taktstock braucht er nicht, das Orchester versteht ihn bestens, wenn er die Arme tanzen lässt: Dirigent Teodor Currentzis. Foto: Wjatscheslaw Prokofjew (Getty)

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Die Fahrt durch die Aussenquartiere von Perm gleicht einer Zeitreise zurück in die Sowjetunion. Plattenbauten, Brachland, Schlaglöcher: Beklommenheit. «Es ist hier ein bisschen wie im Kloster», sagt Teodor Currentzis. «Auch Klöster liegen weit weg von der Zivilisation: hoch oben im Himalaja, auf dem Berg Athos in Griechenland, in Sibirien. Es sind Orte, an denen man meditieren, seine Kräfte sammeln und sich selbst wie in einem Spiegel sehen kann.»

Mitten im Zentrum Perms steht – zwischen tadellos restaurierten Häusern – das Opern- und Balletttheater. Hier ist Currentzis, der 44-jährige Grieche mit russischem Pass, seit fünf Jahren Intendant. Von aussen ein klassizistisches Gebäude aus der Zarenzeit. Hinter den Kulissen herrscht Renovationsbedarf. Ringsum ein Park mit einer dominanten Lenin-Statue. Tauben hocken auf Lenins Haupt, Kinder und Hunde tummeln sich zwischen den Bäumen, auf einem Open-Air-Klavier darf klimpern, wer mag.

Auf dem Spielplan steht Verdis «Traviata» in der Regie des US-Altmeisters Robert Wilson. Stilisierte Kunstfiguren, auf der Bühne in magisches Licht getaucht, das kommt auch beim russischen Publikum an. Und Teodor Currentzis liefert dazu einen ebenso lichten, transparenten Klang. Sein Orchester Music Aeterna steht im Orchestergraben, statt zu sitzen. Des Klanges und der Dynamik wegen, sagt Currentzis. Auch er selbst, gross, sehr schlank, schwarzhaarig, blass, ist ständig in Bewegung.

Die Instrumente verschmelzen mit den wunderbaren Stimmen des russischen Ensembles, und immer wieder dringen, ganz zart, wie aus weiter Ferne, Verdis Banda-Klänge durch. Verzaubert folgt man dieser italienischen Spur durch den Currentzis-Abend in Perm. Frenetischer Jubel, die Zuschauer gehen in die russische Nacht hinaus, als hätten sie die «Traviata» zum ersten Mal gehört. Das ist Currentzis. So liebt man Currentzis. Und so will es Currentzis.

Zwei Orchester, viele Probleme

Aber nicht alle in Perm sind von Currentzis und seinem extravaganten Stil begeistert. «Als Teodor vor fünf Jahren mit Chor und Orchester nach Perm kam, war ich zuerst auch skeptisch. Jetzt hingegen liebe ich seine Musik», sagt die Kulturjournalistin Julia Batalina. «Er ist unkonventionell und hat eine lebendigere Atmosphäre nach Perm gebracht.» Mancher Zuschauer schätzt jedoch das Heimische, Russische, Vertraute. Das ist Currentzis’ Sache nicht. Sein Publikum ist jünger, es kommt heute auch aus Moskau und St. Petersburg angereist. Etliche Permer fühlen sich übergangen. Zu ihnen gehört auch das bisherige Orchester der Oper, das zwar weiter spielt, aber nur die zweite Rolle.

«Es war ein schwieriger Prozess, ­Music Aeterna, seine 35 Musiker und 20 Chorsänger, mit dem bisherigen Orchester zusammenzubringen», bestätigt Marc de Mauny. Der Sohn eines ehemaligen BBC-Korrespondenten in Russland ist heute Manager des Operntheaters und kennt Currentzis seit dem gemeinsamen Musikstudium in St. Petersburg. «Zwei Ensembles, das wurde ein Raumproblem, aber auch ein menschliches Problem.» Und ein finanzielles wohl dazu – zumal der kulturfreundliche Gouverneur, der Currentzis aus Nowosibirsk nach Perm geholt hatte, ersetzt wurde und der Rubelkurs nach den Sanktionen gegen Russland auf Talfahrt ging.

«Perm ist nichts für Feiglinge»

Dennoch haben sich sogar Musiker aus Mitteleuropa entschlossen, nach Russland zu kommen, um bei Music Aeterna einzusteigen. Einer von ihnen ist der Flötist Martin Sandhoff. Dreissig Jahre war er beim Concerto Köln, einem der führenden historisch orientierten Ensembles. «Die Kollegen in Deutschland haben mich für bekloppt gehalten, als ich nach Perm gezogen bin», sagt er lachend. «Perm ist sicher nichts für Feiglinge. Aber es ist eine tolle Entdeckung. Es ist hemmungslose Leidenschaft.»

Drei Jahre lebt Sandhoff nun schon hier und bereut den Schritt nicht. «Currentzis fährt beim Dirigieren fort, wo andere aufhören. Er erwartet auch von uns, dass wir ans Limit gehen. Dabei geht es nicht nur um technische Qualität», sagt Sandhoff. «Wir wollen keinen Schoko-Mozart. Als Musiker hat man hier immer das Gefühl, wir machen ein Fass auf. Das ist das grösste Geschenk für uns.» Und wie ist das mit dem politischen Druck? «Den spürt man nicht. Mir kommt es hier vor wie in Versailles beim Sonnenkönig.»

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Sonnenkönig: Da ist wohl etwas dran. Jedenfalls hat Currentzis in Perm sein Imperium errichtet. Mit viel Arbeit und Hingabe, aber auch mit einem Hang zur Selbstdarstellung, der zuweilen irritieren mag. Optisch erfindet er sich immer wieder neu: mal dramatisch mit grossem Hut und weitem Mantel, mal mit verzwirbelter Zöpfchen-Frisur oder mit Plüschbommeln auf den Schuhen. Neuerdings trägt er gern selbst entworfene schwarze Schuhe mit roten Schnürsenkeln. Dazu hautenge schwarze Hosen mit weiter Kosakenbluse.

Im Frack kann man ihn sich kaum vorstellen. Einen Taktstock braucht er auch nicht. Das Orchester versteht ihn bestens, wenn er vorsingt, die Arme in der Luft tanzen lässt, mit den Fingern schnippt; und wenn er die Töne in seinen Händen weich knetet oder messerscharf zerhackt. Dann wieder akzentuiert er Klänge ganz zart, wie mit Pinselstrichen.

So wie jetzt. Currentzis probt «Tristia», eine Komposition des Franzosen Philippe Hersant, in einer riesigen Turnhalle am Rand des Stadtzentrums. Die Probe dauert schon geraume Zeit, aber das scheint niemanden zu stören. Gewerkschaftlich begrenzte Zeiten gibt es nicht. Gemurrt wird auch nicht. «Tristia» beruht auf Gedichten, die französische Häftlinge geschrieben haben. Teodor Currentzis hat Gedichte von russischen Strafgefangenen dazugenommen. «Es geht um die Gefängnismonotonie, um Poesie und starke Worte», sagt Hersant. «Musikalisch habe ich in verschiedenen Stilen komponiert; bei den Russen habe ich mich an der Volksmusik orientiert.» Die Arbeit mit Currentzis hat Hersant überwältigt: «Teodor ist ein Genie. Er versteht sofort alles. Das habe ich noch nie erlebt.»

Andere Meinung, keine Zensur

Es ist die letzte Probe. Pauken grummeln leise, bedrohlich; brutale Männerstimmen schreien ihr Elend in den Raum, begleitet von Donnergrollen und Akkordeonklangfetzen. Dann leiser Männergesang, rhythmische Frauenstimmen, süss und gebrochen, und immer wieder, wie sanfte Wellen, das Akkordeon dazu. Mittendrin Currentzis: Jeans, T-Shirt, nichts Extravagantes. Er verausgabt sich beim Dirigieren, geht völlig auf in diesen suggestiven Liedern der Einsamkeit.

Tags darauf, bei der mitternächtlichen Uraufführung, wird auch das Publikum bei Kerzenlicht zuhören und das Eingesperrtsein fast physisch nachvollziehen – in Perm, einer Stadt, in der es jahrzehntelang ein Lager des Gulag gab. Heute befindet sich dort mit «Perm 36» das einzige Gulag-Museum Russlands. «Kunst darf nicht ignorieren, was in unserem Leben geschieht,» schreibt Currentzis im Programmheft, «aber ich glaube nicht an politische Kunst.» Aber: Ist «Tristia» denn nicht politisch? «Ich meine, wir sollten Politik nicht zu ernst nehmen», sagt Currentzis. «Alles ist korrupt, wir kennen das seit mehr als 1000 Jahren. Wir müssen auf die Freiheit in unserem Leben achtgeben. Sie ist das Kostbarste, was wir haben.»

Stücke wie «Tristia» in Russland aufzuführen, könnte heikel sein. «I don’t care», wiederholt er dreimal trotzig. «Ich denke nicht darüber nach, ob ich ein Problem bekommen könnte oder was ich machen müsste, um kein Problem zu bekommen.» Hat er denn in Perm Probleme gehabt? «Nicht wirklich; natürlich gab es manchmal Meinungsverschiedenheiten, aber ich mache, was ich für richtig halte. Zensur gab es nie.»

Das geschlossene Theater

Currentzis ist müde und erschöpft nach der langen Probe. Nächstes Jahr wolle er kürzertreten, sagt er. Auch, weil eines seiner wichtigsten Projekte nun endlich abgeschlossen ist: Nach «Le nozze di Figaro» und «Così fan tutte» kommt «Don Giovanni» auf CD heraus. Für die Aufnahmen wurde das Theater in Perm für zwei Wochen geschlossen und in ein Aufnahmestudio verwandelt – gleich zweimal, die erste Version musste eingestampft werden. «Alle waren damals begeistert. Aber es war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte», sagt Currentzis.

Ein Kompromiss kam für ihn nicht infrage; also noch einmal von vorn. Düster sollte dieser «Don Giovanni» sein, sagt Currentzis, viel schwärzer als der viel umjubelte Zürcher «Macbeth» – jene Verdi-Interpretation, für die ihn die ­Kritiker der Zeitschrift «Opernwelt» zum Dirigenten des Jahres wählten.

Unangepasst, exzentrisch

Auch wenn Teodor Currentzis sich vom Weltgeschehen möglichst nicht beirren lässt – seine eigene Revolution treibt er unablässig voran: «Sie besteht darin, keine Angst zu haben, mich nicht wie eine Figur auf dem Schachbrett herumschieben zu lassen, frei zu sein und freundlich gegenüber anderen.»

So erleben ihn auch die Mitglieder von Music Aeterna. Chorsängerin Eleni Stamellou sagt: «Für mich ist Currentzis eine Mischung aus Magie und Präzision, mit grossem Respekt vor dem Komponisten. Er macht, was er will.» Unangepasst, exzentrisch und talentiert, in einer russischen Provinzstadt, die dank ihm zu einem vibrierenden Zentrum der Musikwelt geworden ist.

Erstellt: 03.11.2016, 18:34 Uhr

Currentzis’ «Don Giovanni»

Abschluss einer CD-Trilogie

Mozart ist der Grösste! Das sagt Teodor Currentzis bei jeder Gelegenheit – und er dirigiert die Werke entsprechend. Auch den «Don Giovanni», mit dem er seine CD-Trilogie der Da-Ponte-Opern abschliesst: Natürlich ist die Höllenfahrt des Titelhelden so düster-­dramatisch, wie sie nur sein kann. Und na­türlich klingt das Finale der Übriggebliebenen danach heuchlerischer denn je.

Currentzis spitzt gern zu, mit perkussiven Attacken und verzärtelten Kantilenen. Aber er differenziert auch: mit Verzierungen, mit Tonfällen, mit der klanglichen Unterscheidung von kommen­tierender und «echter» Musik. So gelingt ihm nicht nur eine umwerfend turbulente Ballszene, sondern auch eine höchst präzise Charakterisierung des Personals – etwa wenn im berühmten «Là ci darem la mano» der adlige Don Giovanni ganz anders begleitet wird als das Bauernmädchen Zerlina.

Bei den Sängern hat Currentzis auf berühmte Namen verzichtet. Das Ensemble geht mit beweglichen Stimmen und Spielfreude aufs Ganze. Auch die Instrumentalisten mischen sich handfest ein, allen voran jene am Hammerklavier. Dort sitzt für einige Arien auch Maxim Emelyanychev, der ab Sonntag am Zürcher Opernhaus Mozarts «Entführung aus dem Serail» dirigieren wird, weil Currentzis gesundheitshalber absagen musste: Wenn er das so prägnant tut, wie er hier in die Tasten greift, dürfte sein Zürcher Debüt zur Entdeckung werden. (suk )

Mozart: «Don Giovanni», Ltg. Teodor Currentzis (Sony, 3 CDs).

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