Ein guter Amerikaner

William Binney hat 32 Jahre für die NSA gearbeitet, als Codeknacker und Technikchef. Heute verteidigt er den Schutz der Privatsphäre.

Kämpfer gegen die totale Überwachung: William Binney (73). Foto: Dermot Tatlow (Laif)

Kämpfer gegen die totale Überwachung: William Binney (73). Foto: Dermot Tatlow (Laif)

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Staatstrojaner, Kabelaufklärung, Vorratsdatenspeicherung: Man muss kein allzu grosser Prophet sein, wenn man annimmt, dass wesentliche Gefechte um unsere Freiheit zukünftig im unsichtbaren Raum des Digitalen ausgefochten werden – oder darum herum. Demnächst auch in der Schweiz: Im September steht die Abstimmung über ein neues Nachrichtendienstgesetz an. Dieses soll dem Geheimdienst unter anderem die Möglichkeit geben, in Computer einzudringen sowie den grenzüberschreitenden Datenverkehr zu überwachen, an dem wir fast alle täglich teilnehmen: wenn wir Suchmaschinen wie Google benutzen, wenn wir uns bei Facebook einloggen oder ein E-Mail-Konto bei einem Anbieter mit Sitz im Ausland haben.

In der Abstimmung ums neue Nachrichtendienstgesetz wird es also einmal mehr um den grundsätzlichen, scheinbar unlösbaren Konflikt gehen: zwischen dem Wunsch nach Verbrechensbekämpfung mit möglichst allen Mitteln – und der Gefahr, damit unsere Privatsphäre oder gar demokratische Grundrechte zu beschneiden. Entsprechend schwierig scheint eine Entscheidung. Gerade angesichts der jüngsten Attentate und Amokläufe.

Die andere Sicht

Anders sieht dies William Binney. Der amerikanische Mathematiker ist davon überzeugt, dass Sicherheit und Schutz der Privatsphäre miteinander vereinbar sind. Und nicht gegeneinander abgewogen oder gar getauscht werden müssen. Binney weiss, wovon er spricht: Bis zum 11. September 2001 war der Codeknacker für die National Security Agency (NSA) tätig. Dann wechselte er die Seiten: Als im Oktober 2001 mit dem Patriot Act die totale Überwachung legalisiert wurde, verliess Binney die NSA unter Protest. Nach 32 Jahren, in denen er für den Nachrichtendienst tätig war. Zuletzt als Technikchef der NSA.

A GOOD AMERICAN Trailer 01 DE from Friedrich Moser on Vimeo.

Gerade eben ist ein Dokumentarfilm über den heute 73-Jährigen fertig geworden. «A Good American» heisst er und erzählt Binneys ­Leben: wie der Sohn eines Veteranen des Zweiten Weltkriegs nicht an die Front in Vietnam wollte und sich deshalb für eine Karriere beim Nachrichtendienst entschied; wie er im Kalten Krieg für die NSA gegen die Russen arbeitete. Und wie er nach 1989 ein vollautomatisches Überwachungssystem entwickelte, genannt Thin Thread. Dieses Programm sammelte nicht nur Daten, es analysierte sie auch. «Ich wollte den Menschen als Fehlerquelle ausschliessen», sagt Binney dazu im Film. Damit wurde er zu einem Pionier des digitalen Nachrichtendiensts.

Eine Inspiration für Snowden

Bereits während des Vietnamkriegs begann sich Binney auf das zu konzentrieren, was wir heute Metadaten nennen: Angaben zu Kommunikationspartnern, mithilfe derer sich Beziehungsnetze und Verhaltensmuster studieren lassen. Selbst dann, wenn man den Inhalt der Nachrichten nicht entschlüsseln kann oder will. «Menschliches Verhalten ist von Mustern bestimmt. Dem auf die Spur zu kommen, ist berauschend», sagt Binney dazu in «A Good American».

Der Titel des Films, den der Österreicher Friedrich Moser gedreht hat, ist nicht ironisch zu verstehen. Im Gegenteil, für Binney ist die amerikanische Verfassung heilig. Insbesondere der vierte Zusatzartikel, mit dem die Privatsphäre der US-Bürger vor Übergriffen des Staates geschützt werden soll. Deshalb war Binney schon immer gegen die totale Überwachung. Auch als er noch für die NSA arbeitete: Für Binney geht es nicht um die Frage, ob die Geheimdienste Daten auswerten dürfen, sondern vielmehr, wie sie dies tun. Deshalb programmierte er für Thin Thread eine Verschlüsselungstechnik: Wer sich hinter einem Datensatz verbirgt, sollten die NSA-Analysten erst sehen, wenn ein konkreter Verdacht vorliegt, womit die Privatsphäre geschützt werden könnte. Der damalige Direktor der NSA entschied sich jedoch für ein anderes Programm, genannt Trailblazer, das mithilfe von Privatfirmen entwickelt wurde und das Mehrfache von Binneys Thin Thread kostete.

Einer der ersten Warner

Nach seiner Demission wurde William Binney zu einem der ersten Whistleblower, die sich gegen die Sammelwut der NSA aussprachen. 2012 schaltete die «New York Times» auf ihrer Webseite den Dokumentarfilm «The Program» von Laura Poitras auf. Darin erzählt Binney, wie FBI-Agenten 2007 mit vorgehaltener Waffe sein Haus durchsuchten. Und er gibt Auskunft über das Stellarwind-Programm, das den USA die Überwachung aller Telefone, E-Mails und Finanztransaktionen erlaubt, die US-Territorium kreuzen. Der Film soll Edward Snowden dazu animiert haben, mit Poitras in Kontakt zu treten und der späteren Oscar-Preisträgerin sein Material für «Citizenfour» anzuvertrauen.

Binney selbst wurde zum Kronzeugen, der immer dann konsultiert wird, wenn die demokratischen Grundrechte von der digitalen Überwachung tangiert werden: 2014 vom Deutschen Bundestag über das Ausmass der NSA-Affäre; Anfang dieses Jahres von einem Ausschuss des britischen Parlaments, der über ein neues Geheimdienstgesetz debattiert. Immer gibt sich Binney dabei kämpferisch: in seinen Voten gegen die Massenüberwachung – und für sein eigenes Thin-Thread-Programm, mit dem man die Geheimdienste fit für die Demokratie machen könnte.

Binneys Aussagen bleiben nicht un­widersprochen. Kürzlich sind Michael V. Haydens Memoiren erschienen. Der NSA-Direktor von 1999 bis 2005 schreibt, sie hätten Thin Thread eine Chance gegeben. Aber auch nach mehreren Monaten sei die Leistung des vollautomatischen Programms nicht besser gewesen als die eines Menschen. «Es gab zu viele falsche Hinweise auf Vorgänge, die angeblich von Wert hätten sein sollen.» Auch Binneys Argument, dass die Daten von Thin Thread verschlüsselt werden, lässt Hayden nicht gelten: «Kritisiert wurde die NSA nicht für den Missbrauch der Daten, die sie sammelte, sondern dafür, dass sie diese überhaupt besass. Das ist etwas, was man auch mittels Verschlüsselung nicht verbessern kann.» Denn auch dafür müssten die Daten im Besitz der NSA sein.

Gab es Fehler beim Entscheid?

Doch auch Trailblazer, das Binneys Thin-Thread-Programm vorgezogen wurde, hat nie funktioniert – trotz Kosten von mehreren Milliarden Dollar. Im Kampf um die Freiheit geht es nicht zuletzt um sehr viel Geld: gerade für die private Überwachungsindustrie, die für das Sammeln und Analysieren des wachsenden Datenverkehrs immer grössere Speicherzentren bauen kann – und die Binney deshalb eine «sich selbst leckende Eiscreme-Kuh» nennt.

An dem Dokumentarfilm «A Good American» hat Binney mitgewirkt, weil er mit ihm für sein nächstes Ziel kämpfen will: Zugang zu einem Bericht des US-Verteidigungsministeriums zu erhalten, in dem zahlreiche Fehler beim Entscheid für das Programm Trailblazer festgehalten seien. Möglich werden soll dies dank dem Freedom of Information Act, der es Bürgern erlaubt, Einsicht in Regierungsunterlagen zu verlangen – nach Massgabe der US-Justiz, an die Binney als guter Amerikaner unerschütterlich glaubt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2016, 18:13 Uhr

Kurzinterview

«Hacker könnten die Geheimdienste kontrollieren»

Im September stimmt die Schweiz über eine ausgebaute Überwachung im neuen Nachrichtendienstgesetz ab. Was halten Sie davon?

Damit wird die gleiche Philosophie verfolgt wie in anderen Demokratien – oder was davon noch übrig ist. Alle übernehmen den Wir-sammeln-alles-Ansatz, den die USA und die Briten eingeführt haben und der offensichtlich nicht mit den Prinzipien einer demokratischen Gesellschaft vereinbar ist. Nicht zuletzt ist dieser Big-Data-Ansatz auch ineffizient.

Warum?

Die Sammelwut bindet nur Kapazitäten, die für die frühzeitige Erkennung von Verbrechen nötig wären. Das haben die jüngsten Anschläge nochmals deutlich gezeigt: Heute müssten Menschen sterben, bevor die Geheimdienste mit ihren Nachforschungen beginnen können. Das steht aber im Widerspruch zu den Aufgaben der Nachrichtendienste.

Inwiefern?

Mit dem Wir-sammeln-alles-Ansatz wird die Arbeit zu einem forensischen Prozess, also zu einer kriminaltechnischen Untersuchung: Man verfolgt jene, die Verbrechen begangen haben. Die Nachrichtendienste sind aber dafür da, vor geplanten Taten zu warnen, sodass diese verhindert werden können.

Sie haben mit «Thin Thread» ein vollautomatisches System für die Überwachung entwickelt. Wie funktioniert das genau?

«Thin Thread» arbeitet mithilfe von mathematisch-logischen Ansätzen, mit denen man die Verhaltensmuster von potenziellen Verbrechern studieren kann: Man untersucht Reisebewegungen in Länder wie Syrien, Afghanistan oder den Irak. Man studiert Netzwerke, Websites und Internetnutzer, die mit Pädophilie, Terrorismus oder Gewalt zu tun haben und bildet so Verdachtszonen, auf die man sich konzentriert.

Man späht also lediglich potenzielle Täter aus?

Genau, alle anderen Personen bleiben unbehelligt. Man nimmt ihre Daten nicht in die Analyse rein, man würde sie nicht speichern. Damit könnte man auch die Effizienz der digitalen Nachrichtendienste steigern. Selbst die Anschläge von 9/11 hätten mit diesem zielgerichteten Ansatz verhindert werden können.

Kann die Zivilgesellschaft überhaupt kontrollieren, wie Nachrichtendienste arbeiten?

Das ist schwierig. Es bräuchte eine Gruppe von technisch sehr gut ausge­bildeten Personen, am besten Hacker, denen man nach einer Prüfung die ­Erlaubnis gibt, dass sie sich unangekündigt die Daten der Nachrichtendienste anschauen können. Andernfalls könnten die Geheimdienste nicht kontrolliert werden.

In der Schweiz soll eine parlamentarische Kommission die Arbeit des Nachrichtendienstes überwachen. Ist das ein Mittel?

Nur wenn die Mitglieder dieser Kommission über sehr gute technische Kenntnisse verfügen. Ansonsten gibt es keine Möglichkeit, dass irgendein Land überprüfen kann, was der eigene Nachrichtendienst tut. Selbst die Regierungen werden von ihren Geheimdiensten ausspioniert. Das ist zumindest in den Vereinigten Staaten sowie in Grossbritannien gegenwärtig der Fall.

Mit William Binney sprach Andreas Tobler

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