Der Schweizer Draufgänger

Der Fotograf, Pilot und Abenteurer Walter Mittelholzer war ein gewiefter Unternehmer. Das Landesmuseum gibt nun Einblicke in seine Arbeiten.

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«Auf der einen Seite die gemächliche Kamelkarawane, bei der man an räuberische Araber und an ‹schwarzes› Elfenbein denkt, auf der anderen Seite unser Fokker, der mit 160 Stundenkilometern über die Wüste dahinbraust.»

So kommentiert Walter Mittelholzer in seinem Buch den dritten Afrikaflug über den Tschadsee 1930–1931. Die Aufnahmen zeigen rennende Zebras, retortenartige Kolonialstädte, webende Afrikaner oder Schlangendompteure auf dem Markt. Zu der Zeit war er bereits ein berühmter Flugpionier und Fotograf. 1927 hatte er als Erster den Kilimandscharo überflogen, begleitet vom Geologen Arnold Heim, dem Mechaniker Hans Hartmann und dem Reiseschriftsteller René Gouzy. Die Stopps zum Tanken, für Nahrung und Güter waren präzise geplant, Sponsoren hatten Zahlungen geliefert, oft gegen versprochene Artikel, Fotobände oder für Werbemöglichkeiten.

Den Pionier im Blut

Mittelholzer zeigte schon früh seinen Ehrgeiz. Nach seiner Fotografenlehre fand der St. Galler Bäckerssohn eine Stelle bei der Schweizer Armee, die für ihre erste Fliegertruppe einen Leiter der fotografischen Abteilung suchte. Das Fliegen war und blieb jedoch Mittel der Fortbewegung, das er nie sehr gut beherrschte. Das zeigen seine intuitive Art der Fliegerei und die simplen Navigationshilfen: bloss Uhr, Karte und Kompass, aber kein Funk. Und auch den Karten traute er nicht. Seine Leidenschaft galt dem Unbekannten und Neuen. So landete er auf seinem Afrikaflug auch schon, um einen ägyptischen Fischer nach dem Weg nach Alexandria zu fragen. Um den unruhigen Luftmassen auszuweichen, wurde oft nur wenige Meter über dem Boden geflogen, wodurch seine enorm detaillierten Aufnahmen zustande kamen. Die Schief- und Kipplagen der Bilder zeigen aber genauso, wie risikoreich und dem Wetter ausgesetzt die Fliegerei damals war.

Die kleinen Flugzeuge Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts erlaubten kaum Gepäck. Die Dunkelkammer flog aber stets mit. Auch wenn dafür nach einer Panne am Viktoriasee die Gefährten Heim und Gouzy mitsamt Gepäck und Druckluftstarter zurückbleiben mussten, da ansonsten der Fokker nach einer Panne aufgrund der Höhe nicht mehr hätte starten können. Die Maschine musste daraufhin vom Mechaniker von Hand angekurbelt werden. So war aber die Arbeitsstube stets dabei und erlaubte, rasch weitere Abzüge anzufertigen und auf sich ändernde Lichtverhältnisse genau zu reagieren. Neben den guten Beziehungen und der sorgfältigen Planung der Haltestellen ermöglichte das Material zudem, zeitnah von den Reisen zu berichten und von unterwegs die Magazine mit Bildern und Neuigkeiten zu beliefern.

Ein schlauer Fuchs

Mittelholzer hatte in vielen Bereichen seine Finger drin. Seine ethnologischen Filme waren derart beliebt, dass eifrig mit den Nachmittagsvorstellungen geworben wurde, um diejenigen am Abend zu entlasten. Das Schweizer Traditionshaus für Filmproduktionen, Praesens Film, hat er 1924 mitbegründet. Die «Schweizer Illustrierte» druckte Bilder ab und veröffentlichte Reiseberichte, die NZZ Meldungen zu seinen Unternehmungen. Hinzu kam pro Flug ein Buch. Schweizer Lebensmittelproduzenten präsentierten Mittelholzer stolz als Kaffee-Haag-Trinker oder Ovomaltine-Konsument unterwegs in Afrika. Der Ostschweizer war ein Star. Mit Fluglehrer Alfred Comte betrieb er ab 1919 die Ad-Astra-Aero-Gesellschaft, «Luftbildverlagsanstalt und Passagierflüge». 1931 fusionierte diese mit der Balair zur Swissair, deren technischer Leiter Mittelholzer wurde und durch die er die Luftfahrtgeschichte wesentlich mitprägte.

Mit Crowdsourcing gegen Bilderrätsel

Die aktuelle Ausstellung im Landesmuseum dreht die Perspektive des Fliegers um und lässt auf Bilder an der Decke blicken und auf ein Werk, das durch den Blick nach unten geprägt ist. Neben den Aufnahmen der Alpen, von Industrie und den bekannten grossen Reisen nach Persien und Afrika wird auch deutlich, mit welcher Akribie und welchem inneren Antrieb Mittelholzer sein Leben lang arbeitete. Rund 16'000 Fotografien sind im ETH-Archiv aufbereitet und online zugänglich, dazu acht Dokumentarfilme.

Um die nicht deklarierten Standorte der Bilder zu identifizieren, hatte die ETH auf die Hilfe von Crowdsourcing zurückgegriffen. Bilder wurden u. a. im TA ausgeschrieben. Wer die Orte kannte, durfte sich melden. Knapp 3200 Bilder konnten so lokalisiert werden. Mittlerweile zählt das ETH-Bildarchiv einen festen Helferstamm, der sich aktiv an der Erarbeitung des Bildbestands beteiligt. Dass Mittelholzers Luftaufnahmen wichtige Zeitdokumente sind, wird zudem durch die riesigen, immersiven Drucke deutlich, welche die Ansichten zeigen, wie sie selten zu sehen sind.

Mittelholzer war ein Vollblut-Ethnologe mit einer Leidenschaft für die Völker und Menschen fremder Gegenden. Doch sein Blick auf den «dunklen Kontinent» war nicht frei von problematischen Kommentaren, und auch vonseiten der Herausgeber wurden «moralische Retuschen» vorgenommen. Dies zeigt die Ausstellung ebenso wie auch nachträgliche, von Hand angebrachte Kolorierungen der Bilder für Vorträge oder Kommentare im Satiremagazin «Nebelspalter».

Glückspilz

Dennoch hat Mittelholzers Abenteuerlust Perspektiven mitgeprägt, welche die Fotografie veränderten. Dass sich der Blick zunehmend von der Vertikale löste und perspektivische Experimente mit Schief- und Kipplagen in der Fotografie, Kunst und Architektur aufkamen, war auch dem «airplane eye» der Flugaufnahmen zu verdanken. Das Landesmuseum gibt mit der Ausstellung Einblicke in den Kosmos des wagemutigen Abenteurers und zeigt auch einen seiner Filme. 20 Minuten über Afrika, zum Tschadsee und zurück – ein unglaubliches Reisevergnügen.

Die Flüge blieben allerdings halsbrecherische Unternehmungen. Pannen und Unfälle gab es etliche. Doch so sehr Walter Mittelholzer ein schlauer Unternehmer in der Vermarktung seiner Reisen und der Finanzierung seiner Flüge war, so sehr war er auch ein Glückspilz, was die riskanten Flüge anging. Der Tod holte ihn dann aber nicht in der Luft, sondern am Boden. Er stürzte und starb im Alter von 46 Jahren auf einer Klettertour.

Erstellt: 20.07.2018, 16:45 Uhr

Ausstellung


Bild: Landesmuseum

Die Ausstellung dauert bis am 7. Oktober 2018. Das Landesmuseum bietet diverse Führungen zum Thema an. Weitere Informationen finden Sie hier.

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