Ein Protest, der nicht gebrüllt wird

Warum immer so laut? Es gibt subtile Mittel, um seine Unzufriedenheit kundzutun. Und manche Autokraten fürchten sich davor.

Komponiert neuerdings auch Protestlieder: Burt Bacharach. Foto: Getty Images

Komponiert neuerdings auch Protestlieder: Burt Bacharach. Foto: Getty Images

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Burt Bacharach ist bisher nicht als Protestsänger aufgefallen. Dabei hatte er Zeit dafür. Der 90-jährige Amerikaner hat Hunderte von Hits geschrieben, die oft vom Jazz inspiriert waren und durch ungewöhnliche Akkordfolgen und wechselnde Rhythmen auffielen, unüblich in der Tanzmusik. Er feierte Erfolge mit Sängerinnen und Sängern wie Dionne Warwick, Dusty Springfield, Aretha Franklin, Cilla Black und vielen, vielen anderen. Er bekam sechs Grammys, drei Oscars; er platzierte 73 Songs in den US-amerikanischen Billboard-Charts und 52 in der englischen Hitparade.

Nun hat Bacharach den «Guardian» mit seiner Ankündigung überrascht, sich jetzt mit Protestliedern profilieren zu wollen. Als Motivation nennt er das Verhalten von Donald Trump. Ein 90-jähriger Hitparadenschreiber im Widerstand – warum nicht? Man muss nicht brüllen, um seine Unzufriedenheit zu artikulieren; manchmal reicht eine Anspielung, die selbst Diktatoren nicht behagt.

«What the World Needs Now», in Vietnam oft gehört.

Adolf Hitler zum Beispiel verlangte in den deutschen Theatern deutsche Kunst, liess aber Aufführungen von Schillers «Räuber» verbieten, nachdem es in München zu Zwischenapplaus gekommen war. Auch der «Wilhelm Tell» wurde aus der Schule gestrichen. Als Algerien in die Unabhängigkeit entlassen wurde, reagierte der erste Präsident mit einem Polizeieinsatz in der Zeitung, die eine Karikatur von ihm veröffentlichen wollte.

Tradition des leisen Protestes

In China geriet die Kommunistische Partei wegen zweier verdrehter Augen ausser sich. Eine Journalistin hatte damit die Frage ihrer Platznachbarin kommentiert, die von der Partei platziert worden war. Die ironisch verdrehten Augen gingen ins Netz – und wurden von den chinesischen Machthabern panikartig gelöscht.

Das Augenverdrehen der Journalisten, die das chinesische Regime in Panik versetzte.

Max Frisch schrieb in seinem Berliner Tagebuch von den Lachern, die er in Ost-Berlin vor Parteifunktionären bekam, als er aus einem seiner Fragebögen den Satz «Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?» vorlas. Beim Freistoss einer Berliner DDR-Mannschaft skandierten die Zuschauer «Die Mauer muss weg» und lachten sich halb tot. Auch Loriot, als Humorist nicht für politische Satire bekannt, reagierte bei einem Auftritt in Ost-Berlin schlagfertig. Es seien hier mehrere Hundert Personen versammelt, sagte er, die beim Aufbau des Sozialismus fehlen würden: «Dass mir das nicht einreisst.»

Der unaufdringliche Protest hat Tradition. Das British Museum widmete ihm kürzlich eine Ausstellung, in der Ian Hislop, Chefredaktor des Satiremagazins «Private Eye», der Renitenz in der abendländischen Kultur nachging. Er fand einiges. Zum Beispiel den Salzstreuer im streng reformierten England, der alle Insignien des Katholizismus in sich trug. Frech das Bibel-Transkript von 1611, das eines der zehn Gebote zu «Thou shallst commit adultery» umdefinierte: Aufforderung zum Ehebruch.

Das wirksamste Protestmittel bleibt die Vieldeutigkeit. Als die Garagenband The Kingsmen 1963 eine lallende Version von «Louie Louie» veröffentlichte – der Sänger war bei der Aufnahme betrunken gewesen –, soll ihre Version dermassen mit Obszönitäten versetzt gewesen sein, dass das FBI Undercover-Agenten an die Konzerte schickte.

Sie gingen, sie hörten, sie hörten rückwärts, sie kamen zurück. Und schrieben dem FBI-Chef J. Edgar Hoover einen 120-seitigen Bericht mit der Anmerkung, vermutlich würden die Fans hören, was sie hören wollten. Sie wollten. Sie hörten.

Erstellt: 14.05.2019, 20:40 Uhr

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