Eine präzise Sprache ist eine gerechte Sprache

Kritik an Political Correctness widerspricht der Forschung – und sich selbst. Eine Replik auf Martin Ebels Essay.

Die Frage ist umstritten: Muss Sprache gerecht sein? Foto: Shutterstock

Die Frage ist umstritten: Muss Sprache gerecht sein? Foto: Shutterstock

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Sprache muss so viel. Sie soll das Anwesende benennen und das Abwesende vorstellbar machen. Wir wollen uns mit ihr genau ausdrücken, und doch muss sie vereinfachen. Sprache soll meinen individuellen Bedürfnissen genügen, aber gleichzeitig auch denen der ganzen Sprachgemeinschaft. Dabei ist heute eine Frage besonders umstritten: Muss Sprache auch gerecht sein?

Unsere Sprache hat eine lange Tradition und verändert sich laufend. In der Diskussion darüber verhandeln wir unsere Vorstellungen über die Gesellschaft, über den Umgang mit Macht, über Werte und Rechte. Das ist der Grund, weshalb viele Debatten zu erbitterten Auseinandersetzungen führen. Verständlich also, dass Martin Ebel die Notwendigkeit für eine Auslegeordnung gekommen sah. Sein Ausgangspunkt: Political Correctness regt alle auf.

Der Garn der rechten Legende

Schon bei diesem Aufhänger ist jedoch Einspruch angebracht. «Jedes Reden über das Unwesen der Political Correctness spinnt weiter am Garn einer einflussreichen rechten Legende», hat der Kulturwissenschaftler David Eugster im Februar in einem Essay festgehalten. Diese Legende besagt, eine mächtige Gruppe linker Feministinnen auferlege der Bevölkerung Sprech- und Denkverbote. Unter dieser Perspektive ist auch die Empörung über PC verständlich. Hilfreicher ist es jedoch, sich der Frage nach einer gerechten Sprache mit wissenschaftlichen Argumenten zu nähern. Gerade für eine geschlechtergerechte Sprache sprechen nämlich starke Gründe.

Ein wesentlicher: Gerechte Sprache ist genauer, denn sie macht alle Menschen sichtbar. So verwendet die Lin­guis­tin Senta Trömel-Plötz für das Konzept der geschlechtergerechten Sprache folgende einfache Definition: «Gerecht ist eine Sprache, die Frauen und Männer gleichwertig und gleichberechtigt benennt.» Das scheint ein guter Ausgangspunkt, um den gesellschaftlichen Umgang mit Sprache zu reflektieren.

Die Psycholinguistik zeigt, dass Sätze mit dem generischen Maskulinum genau so gelesen werden, wie sie dastehen: in erster Linie auf Männer bezogen.

Wie so vieles regelt die Gesellschaft auch die Sprache über Konventionen. Im «Tages-Anzeiger» ist es wie in anderen Zeitungen üblich, mit männlichen Personenbezeichnungen auch Frauen mitzumeinen. Das Problem bei dieser Norm, dem generischen Maskulinum, ist ihre einseitige Ungenauigkeit. Spricht jemand etwa von «Straftäterinnen», sind klar Frauen gemeint. Beim generischen Maskulinum gilt das umgekehrt aber nicht: Mit «Straftätern» kann eine rein männliche Gruppe gemeint sein – oder ein beliebiges Mischverhältnis. Sprachlich eliminiert bereits ein Mann in der Gruppe alle Frauen.

Psycholinguistische Forschungsergebnisse weisen denn auch nach, dass das generische Maskulinum als inklusive Formulierung gar nicht funktioniert. In Experimenten können die Interpretationen von Menschen gemessen werden. Die Resultate haben gezeigt, dass Sätze mit dem generischen Maskulinum zunächst nicht einschliessend gelesen werden, sondern genau so, wie sie grammatisch dastehen: in erster Linie auf Männer bezogen.

Das hat Konsequenzen. Werden Frauen etwa bei Berufsbezeichnungen nicht nur mitgemeint, sondern explizit genannt, trauen sich Mädchen auch eher zu, diesen Beruf zu ergreifen, wie wissenschaftliche Befunde zeigen.

Fundamentaler Widerspruch

Bleibt die Frage, ob verbale Turnübungen wirklich zu einer gerechteren Gesellschaft führen. Niemand behauptet, alle Probleme liessen sich ausschliesslich durch neue sprachliche Formulierungen lösen. Doch – so möchte man zurückfragen – wie soll denn der ganze Rest an Ungerechtigkeit bewältigt werden, wenn schon kleine sprachliche Anpassungen als zu mühsam empfunden werden?

Kommt dazu: Sprachliche Benachteiligung ist oft gleichbedeutend mit tatsächlicher Benachteiligung. Findet eine intersexuelle Person auf amtlichen Dokumenten keine Bezeichnung für ihr Geschlecht, existieren beim Staat, der ihre Rechte schützen sollte, nicht einmal Kategorien, um die Person wahrzunehmen.

Gerechte Formulierungen hässlich zu finden, ist kein hinreichender Grund, sie abzulehnen.

Die Kritik an geschlechtergerechter Sprache blendet nicht nur sprachwissenschaftliche Einsichten aus, sie enthält auch einen fundamentalen Widerspruch. Subjektive Betroffenheit und Gefühle seien argumentativ unzulänglich, heisst es oft. Die Sprache könne nicht an die Befindlichkeit kleiner Gruppen angepasst werden. Gleichzeitig leitet sich die Kritik selbst aber direkt aus subjektiven sprachästhetischen Empfindungen ab.

Gerechte Formulierungen hässlich zu finden, ist kein hinreichender Grund, sie abzulehnen. Diese Vorurteile verstellen dann auch den Blick auf linguistische Vorschläge, die dem Geschlecht weniger Bedeutung beimessen: Gerade kreative Lösungen wie «Profx» zielen darauf ab, inklusive, geschlechtsneutrale Formulierungen anzubieten. Dafür spielen sie mit den Möglichkeiten der Sprache.

Dass Sprache so viel muss, macht sie kompliziert. Und verordnen lässt sie sich nicht: Darüber besteht Einigkeit. Wenn aber unsere Sprache dazu führt, dass selbst das Anwesende nicht benannt wird, dann sollten wir diese Sprache überdenken – und dabei wissenschaftliche Argumente anhören. Auf dem Weg hin zu einer gerechteren Gesellschaft scheint es sinnvoll, möglichst genaue Formulierungen zu wählen, die alle Menschen sichtbar machen. Oder einfacher formuliert: besser gerecht und präzis als ungerecht und unpräzis. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2017, 11:14 Uhr

Philippe Wampfler

Lehrer und Dozent für Fachdidaktik an der Uni Zürich. Experte für digitale Kommunikation.

Manuel Bamert

Germanist und promoviert an der ETH.

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