Eine Umarmung erklärt die ganze Welt

Stephan Eichers neues Album «Homeless Songs» beglückt mit umwerfenden Chansons und könnte ihm zu einer internationalen Renaissance verhelfen.

Seine neuen Lieder sind aus der Wut geboren: Stephan Eicher.

Seine neuen Lieder sind aus der Wut geboren: Stephan Eicher. Bild: Susanne Keller

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als die Gruppe The Residents 1980 ihr «Commercial Album» veröffentlichte, staunte die Musikwelt nicht schlecht: 40 Songs fanden sich auf dem Album, jedes mit nur einer Minute Spieldauer. Die Band war der Meinung, dass die Essenz eines Popsongs bloss sechzig Sekunden dauere, die dann einfach repetiert würden. Das Album hielt in der Folge gar Einzug in die permanente Ausstellung des MoMA in New York.

Bei Stephan Eicher war das Ergebnis vor einiger Zeit ähnlich, die Gefühlslage indes eine komplett andere. Er war sauer. Und er gab den trotzigen, aber durchwegs sympathischen Rammschädel: Nachdem ihm seine Plattenfirma das Aufnahmebudget um 60 Prozent gekürzt hatte, lieferte er ihr ein Album ab, das bloss 40 Prozent eines üblichen Tonwerks enthielt. Zwölf Songs nämlich, Gesamtlänge: 12 Minuten. Ein abgespecktes «Commercial Album» also. Das Werk trug den Arbeitstitel «Homeless Songs».

Die Plattenfirma wiederum deutete die Aktion als Arbeitsverweigerung und veröffentlichte das Album nicht. Es kam zum langjährigen und noch immer nicht beigelegten Rechtsstreit, in dessen Verlauf ein Anwalt von Eicher Schadenersatz von über einer Million Franken gefordert haben soll.

Alles kaputt

Jetzt sind die «Homeless Songs» nun doch erschienen. Von der Ursprungsidee ist allerdings nicht viel übrig geblieben. Immerhin: Der Titeltrack dauert bloss etwas über eine Minute, doch in dieser lässt sich ganz gemütlich schunkeln. Man könnte das Ergebnis als Americana bezeichnen, die mit aufwendigen Streicher-Arrangements veredelt wurde.

Auch «Broken» bringt es nur auf 45 Sekunden, spielt sich am Flügel ab, im Hintergrund schmachtet das Streichquartett, und Eicher schluchzt einzig die Zeile «Everything is broken» ins Gesangsmikrofon. Grossartig ist das. Und das Lied gibt eine Ahnung davon ab, dass die Eicher-Welt tatsächlich aus den Fugen geraten war, auch wenn die Veröffentlichung des Albums ein Indiz dafür ist, dass zwischen Stephan Eicher und dem französischen Ableger seines Labels eine Annäherung stattgefunden hat.

Trotzdem sind sieben Jahre verstrichen, seit dem letzten internationalen Eicher-Album. Sieben Jahre der Not, die den Berner zu teilweise ganz brillanten Ideen angestachelt hat. So tourte er mit extra für ihn entwickelten Automaten durch die Welt, weil die Plattenfirma auch den Tour-Support reduziert hatte und er keine Musiker bezahlen mochte. Ausserdem spielte er mit dem Berner Traktorkestar lärmige Versionen älterer Songs ein oder gab Konzerte für ein liegendes Publikum.

Wer sich auf die radikal-trotzigen «Homeless Songs» gefreut hat, wird womöglich leise enttäuscht sein. Das Album ist ein Werk der Kompromisse. Die Idee mit den Einminuten-Songs wurde aufgeweicht (es findet sich mit «Niene dehei» gar ein Sechsminüter im Programm), und es tauchen mit «Gang nid eso» und «Still» zwei bereits veröffentlichte Lieder aus der rotweinseligen Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Martin Suter auf.

Einfach, aber nicht simpel

Erfreulich ist «Homeless Songs» vor allem wegen der französischen Nummern. Und ganz besonders mit der anbetungswürdigen Pianoballade «Prisonnère» – einem Lied, in dem Eicher das Kunststück vollbringt, mit einer Umarmung die ganze Welt zu erklären. Die Kombination Flügel und Chanson funktioniert auch ganz wunderbar im Stück «Je n’attandrai pas» oder im feierlichen «La fête est finie», das er zusammen mit Axelle Red und Miossec eingesungen hat. Zeitlose Chansons, die nie unter Kitschverdacht geraten, sind ihm hier gelungen. Einfach und doch nicht simpel. Gefühlig und doch nie gefühlsduselig.

Auch die Vorab-Single «Si tu veux (Que je chante)» ist von diesem Kaliber. Sein französischer Texter, der Schriftsteller Philippe Djian, hat ihm Zeilen voller stiller Lebensweisheit geschrieben. Es ist eine fragile Romantik, die sich durch dessen Lieder zieht. Dramen und Katastrophen rumoren ganz unterschwellig – wie ein fernes Gewitter, wie ein Wetterleuchten an einem schwülen Sommerabend.

Wie schön wäre es doch, wenn ihn dieses versonnene (wenn auch leicht verzettelte) Werk in Frankreich wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken würde. Dort ist Le Eicher – neben Roger Federer und Jean Ziegler – noch immer einer der meistgeschätzten Schweizer. Wenn sein verärgertes Label mitzieht, könnte ihm dort ein erspriesslicher Lebensherbst als verehrter, singender und nachdenkender Welterklärer blühen. In ein Museum für moderne Kunst wird er es mit diesem Album indes eher nicht schaffen.

Stephan Eicher: «Homeless Songs» (Universal)

Erstellt: 20.09.2019, 13:03 Uhr

Artikel zum Thema

Stephan Eichers Millionenstreit mit seiner Plattenfirma

SonntagsZeitung Der Anwalt des Musikers wollte über eine Million Franken Schadenersatz von Universal Music. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...