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Entschied die Liebe über den Ankauf von Kunst?

Die Graphische Sammlung der Nationalbibliothek hat Werke eines Künstlers erworben, der heute mit der Leiterin dieser Sammlung verheiratet ist.

Sie ist vergleichsweise klein, mit relativ vielen Aufgaben betraut – und neuerdings mit Fragen konfrontiert: die Graphische Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern. Fragen müssen gestellt werden, seit Redaktion Tamedia bekannt wurde, dass Susanne Bieri, die Leiterin der Abteilung, mit einem Künstler verheiratet ist. Und dass sie in den Jahren vor der Eheschliessung hohe Beträge für Werke dieses Künstlers ausgegeben hat.

Susanne Bieri leitet die Abteilung der Nationalbibliothek seit 1995. 2013 heiratete die inzwischen promovierte Kunsthistorikerin den Künstler Vaclav Pozarek, der 1968 aus der Tschechoslowakei in die Schweiz gekommen war. Mit seinem «hintergründigen Humor» stehe der Grafiker und Plastiker unter anderem in der Tradition der konkreten Kunst, heisst es im «Lexikon zur Kunst in der Schweiz». Pozarek, der auch in weiteren Sammlungen des Bundes mit Werken vertreten ist, kann also als respektabler Künstler gelten. Hat aber im Fall der Graphischen Sammlung ausschliesslich der Sachverstand über den Ankauf seiner Werke entschieden? Und wurden dabei die Relationen gewahrt?

Zeichnung aus Vaclav Pozareks Serie «Library of Sculpture», 2006–2011. Quelle: Graphische Sammlung der Nationalbibliothek Bern.
Zeichnung aus Vaclav Pozareks Serie «Library of Sculpture», 2006–2011. Quelle: Graphische Sammlung der Nationalbibliothek Bern.

Der jährliche Etat der Graphischen Sammlung fällt relativ klein aus: Rund 100'000 Franken standen in den vergangenen 15 Jahren im Durchschnitt für Ankäufe zur Verfügung. Wenig Geld, wenn man bedenkt, dass die Graphische Sammlung gemäss ihrer Selbstdarstellung nicht nur Fotos, Ansichtskarten, Plakate und Druckgrafiken aus der Zeit des 17. bis 20. Jahrhunderts ankauft und archiviert. Sie sammelt auch Editionen, Originalgrafiken und Portfolios von zeitgenössischen Künstlern. Wiederholt hat sie dabei Werke von Vaclav Pozarek erworben. Gemäss einer Übersicht, die das Bundesamt für Kultur (BAK) für Redaktion Tamedia zusammengestellt hat, waren es seit 1995 insgesamt zwanzig Ankäufe: Editionen, Linolschnitte, Zeichnungen, Entwürfe und Druckvorlagen.

Der jährliche Etat der Graphischen Sammlung fällt relativ klein aus: Rund 100'000 Franken pro Jahr in den letzten Jahren.

Darunter stechen zwei Positionen hervor: 2007 wurden sechs Kunstblätter von Vaclav Pozarek erstanden – zu einem Gesamtpreis von 30'000 Franken. Das war ein Viertel des damals zur Verfügung stehenden Budgets. Zu einem weiteren grösseren Ankauf kam es 2012. Damals erwarb man eine 35-teiligen Zeichnungsserie mit dem Titel «LOS, Library of Sculpture» für 42'000 Franken.

«Über die Ankäufe der Graphischen Sammlung hat die Leiterin, also Susanne Bieri, entschieden», teilt über seine Medienstelle das BAK mit, dem die Nationalbibliothek und also auch die Graphische Sammlung unterstellt sind. Nur die Auszahlungen seien von einer weiteren Mitarbeiterin der Nationalbibliothek visiert worden. Seit 2008 ist diese zweite Person gemäss BAK «ein Mitglied der Direktion». Zuvor konnte es auch jemand anderes sein, etwa die Assistentin von Susanne Bieri.

Nach Aussagen von Bieri sind sie und Vaclav Pozarek erst seit Ende Dezember 2012 ein Paar. Von Unregelmässigkeit in der Graphischen Sammlung und einer allfälligen Befangenheit ihrer Leiterin will man im Bundesamt denn auch nichts wissen: Das BAK sieht «keinen Anlass», an dieser Angabe seiner Abteilungsleiterin zu zweifeln. Bieri sei «über die geltenden Ausstandsregeln im Bilde», wird mitgeteilt. «Gemäss der üblichen Praxis» habe sie eine entsprechende Erklärung unterschrieben, dass sie bei einer allfälligen Befangenheit in den Ausstand treten würde. Und zwar «schon vor Bekanntwerden ihrer Beziehung mit Herrn Pozarek».

Der letzte grosse Ankauf wurde just in dem Jahr vollzogen, in dem der Künstler und die Leiterin ein Paar geworden sind.

Nachweisen lässt sich aber auch, dass der letzte grosse Ankauf just im Jahr vollzogen wurde, in dem der Künstler und die Leiterin der Graphischen Sammlung nach eigenen Angaben ein Paar geworden sind. So wurde die Zahlung für die zweite Tranche der Zeichnungsserie «LOS» am 18. Dezember 2012 genehmigt. Von Susanne Bieri und der damaligen Leiterin der Finanzen und des Controllings, welche «die Direktion der Nationalbibliothek bei der Rechnungskontrolle vertritt», wie das BAK auf Nachfrage erklärt. Ende desselben Monats wurden Bieri und Pozarek ein Paar. Also nur wenige Tage nachdem der letzte grosse Ankauf zwischen dem Künstler und der Bibliothek zum Abschluss gekommen war.

Bei der Frage nach einer allfälligen Befangenheit sei «nicht das Datum der Auszahlung der letzten Tranche des vereinbarten Kaufpreises ausschlaggebend» (das wäre der 18. Dezember 2012), «sondern das Datum des Abschlusses des Kaufvertrags, also in dem Fall a priori der 3. Juli 2012», schreibt das BAK.

Ursprünglich war es vorgesehen, die zweite Tranche von «LOS» erst 2013 zu bezahlen. «Wie vereinbart stelle ich Rechnung in zwei Tranchen (2012 und 2013)», schreibt Vaclav Pozarek in der Rechnung für die ersten Blätter von «LOS», die Redaktion Tamedia vorliegt. Dass eine Zahlung vorgezogen werde, sei aber nicht unüblich, teilt das BAK mit. Dies sei möglich, wenn die vereinbarte Leistung erbracht wurde, genügend Geld im Budget vorhanden ist und alle Beteiligten damit einverstanden sind. All dies sei beim Erwerb von Vaclav Pozareks Zeichnungsserie «LOS» der Fall gewesen.

Im April 2013 sei die Direktorin der Nationalbibliothek über die Eheschliessung zwischen Bieri und Pozarek in Kenntnis gesetzt worden, sagt das Bundesamt. Also nur wenige Monate nach Abschluss des Ankaufs von «LOS». Das scheint selbst der Nationalbibliothek etwas schnell gegangen zu sein: Die Direktion liess den letzten Kauf von Pozarek-Werken «durch einen externen Experten überprüfen», wie das BAK schreibt. «Dieser bestätigte, dass der Preis marktüblich ist.»

Diese Überprüfung liegt vor: Es handelt sich um eine E-Mail eines Kunstexperten aus der Westschweiz.

Diese Überprüfung liegt Redaktion Tamedia inzwischen vor: Es handelt sich um eine E-Mail eines Kunstexperten aus der Westschweiz, in der dieser hervorhebt, dass er kein Spezialist für Gegenwartskunst sei. Tatsächlich beschäftigt sich der Experte, dessen Name Redaktion Tamedia bekannt ist, in seinen Gutachten mit Kunst des 17. bis 19. Jahrhunderts. Zudem hebt der Experte hervor, dass er die angeschafften Pozarek-Werke selbst nicht gesehen hat, noch nicht einmal weiss, um was es sich genau handelt, weder bezüglich Sujet noch Format, Technik oder Konservierungszustand. Auch sonst sei eine Einschätzung des Marktpreises schwierig, da von Pozarek damals nur drei Werke zur Versteigerung gekommen seien, wie der Experte schreibt. Und dass dabei nur zwei Werke für jeweils 2772 Euro verkauft worden seien; ein kleinformatigeres Werk zu einem Schätzwert von 1664 Euro habe 2011 keinen Abnehmer gefunden.

Die beiden Pozarek-Werke, die 2009 auf Auktionen verkauft wurden, «reichen im Grunde nicht, um eine Einschätzung abzugeben», schreibt der Kunstexperte. Es sei ihm letztlich unmöglich, zu beurteilen, ob der Kauf sinnvoll war. Er schreibt lediglich, dass der von der Nationalbibliothek bezahlte Preis aufgrund der beiden anderen Verkäufe im Prinzip («a priori») gerechtfertigt scheint.

Der Kaufpreis aber, den die Bibliothek dem Experten genannt hatte, war falsch: Er musste von 28'000 Franken ausgehen, als er seine Einschätzung vornahm. Bezahlt wurden 42'000 Franken. Aber auch diese Differenz ist für die Nationalbibliothek kein Problem: Von den Verkaufspreisen der bei Auktionen verkauften Pozarek-Werke rechnete man hoch auf die Serie – mit einem Wert von 2000 Euro für ein Blatt. «Damit kommen wir für 35 Blätter auf 70'000 Euro. Der Ankaufspreis von 42'000 Franken ist also in Ordnung.» Die Anfrage an den Experten sei zudem nur «informell» gewesen. Und habe darauf abgezielt, «zu klären, ob der bezahlte Preis in auffälliger Weise vom Marktüblichen abweichen sollte». Das sei nicht der Fall.

Kann man darüber hinweggehen, dass der Experte seine E-Mail mit einem Ausdruck von Besorgnis schliesst?

Aber kann man von einem Einzelwerk auf den Wert einer Serie schliessen? Und kann man darüber hinweggehen, dass der Experte seine E-Mail mit einem Ausdruck von Besorgnis schliesst, dass die Nationalbibliothek «so viel Geld für hochspekulative Kulturgüter ausgibt»?

Das Spekulative liege «in der Natur einer solchen Sammlung», meint das BAK, da es schwierig sei, den Wert von Werken zeitgenössischer Künstler in Hinblick auf die Zukunft einzuschätzen. Bei Pozarek habe man es aber mit einem Werk zu tun, «dessen Wert im Laufe der Zeit nicht abgenommen hat». So habe die Eidgenössische Kunstkommission 2015 den Ankauf zweier Objekte anderen Genres von Pozarek für 46'000 Franken empfohlen. Und die Direktion des BAK ist dieser Empfehlung gefolgt. Auf welche Grundlage man sich bei der Festsetzung dieses Ankaufspreises gestützt hat, lässt sich nicht mehr ermitteln, da es dazu keine schriftlichen Unterlagen gibt.

Spekulativ oder nicht: Ungewöhnlich ist mit Sicherheit, dass die Graphische Sammlung so hohe Beträge für einzelne Werkgruppen eines Künstlers ausgegeben hat, wie es bei Vaclav Pozarek der Fall war. Das BAK verweist auf zwei andere Künstler, von denen Werke zu Ankaufspreisen von 78'000 beziehungsweise 100'000 Franken erworben wurden. Hierbei handelt es sich aber um umfangreiche Arbeitsarchive, die das Schaffen der jeweiligen Künstler umfassend dokumentieren.

Letztlich wurden von keinem anderen Künstler Einzelwerke zu einer so hohen Gesamtsumme angekauft wie von Vaclav Pozarek.

Letztlich wurden von keinem anderen Künstler Einzelwerke zu einer so hohen Gesamtsumme angekauft wie von Vaclav Pozarek: Zwischen 1995 und 2012 waren es 125'000 Franken, welche die Nationalbibliothek für die zwanzig Pozarek-Ankäufe aufgewendet hat. Das ist mit Abstand der Höchstwert. Von einem weiteren Künstler kaufte die Graphische Sammlung im gleichen Zeitraum lediglich Einzelwerke im Wert von 76'600 Franken.

Dies geht aus den Informationen und Unterlagen hervor, die das BAK zugänglich macht. In diesen Dokumenten fehlt aber eine Erklärung für einen Betrag von 18'000 Franken, den das BAK 2003 an Vaclav Pozarek überwies; die Buchhaltungsdetails aus diesen Jahren seien nicht mehr zugänglich, schreibt das Bundesamt.

Die Direktion des BAK lässt über ihren Sprecher aber ausrichten, dass sie von den Sachverhalten Kenntnis nimmt, die aus den Anfragen von Redaktion Tamedia hervorgegangen sind. «Das BAK wird die Verfahren bei Ankäufen durch die Graphische Sammlung der Nationalbibliothek überprüfen und im Bedarfsfall anpassen.» Ausserdem wolle man analysieren, «ob anderweitige Abklärungen und Massnahmen angezeigt sind. Weitere Angaben dazu machen wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht.»

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