Er erkannte die Wachstumsschmerzen der Stadt

Mit ­Thomas Hengartner verlieren Zürich und die Schweiz einen weltoffenen Kopf. Der Volkskundler sah die Stadt als Lebensraum mit anderen Augen.

Thomas Hengartner dachte quer zu den Grenzen der Disziplinen. Foto: Sabina Bobst

Thomas Hengartner dachte quer zu den Grenzen der Disziplinen. Foto: Sabina Bobst

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Skurrile und experimentelle Denker ­zogen Thomas Hengartner an. Etwa der französische Maler-Dichter Francis Picabia, von dem Hengartner gern einen Ausspruch zitierte, der sein eigenes Wirken als Wissenschaftler und Forscher umriss: «Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann.»

Thomas Hengartner war ein Querdenker. Er dachte quer zu den Grenzen der wissenschaftlichen Disziplinen und erforschte als ausgebildeter Geistes­wissenschaftler etwa unseren Umgang mit der Technik. So war es kein Zufall, dass er 2016 als Leiter des transdisziplinären Collegium Helveticum berufen wurde. Es wirkt als gemeinsamer Thinktank von ETH, Universität und Hochschule der Künste Zürich.

Hengartners Hochsitz, von dem aus er den Blick über die unterschiedlichen Felder des Wissens schweifen liess und wo er Wissenschaftler aller Sparten zum fruchtbaren Dialog zusammenbrachte, war die frühere Sternwarte der ETH, die der Architekt Gottfried Semper 1864 erbaut hatte. Hier, in diesem «Elfenbeinturm», wie Hengartner selber sagte, setzte er die interdisziplinäre Übersetzungsarbeit von Collegium-Gründer Adolf Muschg fort.

Thomas Hengartner, 1960 in St. Gallen geboren, studierte an der Universität Bern Volkskunde und Dialektologie, ­Geschichte und Deutsche Literatur. Die damals zumindest in Bern noch betuliche Volkskunde beschäftigte sich vorab mit dem agrarischen Landleben. Hengartner aber mischte sie bald auf mit neuen Zugängen und Themen.

Das banale Alltagsleben

Seine Dissertation mit dem Titel «Gott und die Welt im Emmental» forschte nach den Gründen für die dortige Verbreitung ­religiöser Gemeinschaften. In seiner Habilitationsschrift erschloss Hengartner für die Volkskunde die Frage, was städtisches Leben ausmacht, was eine Stadt von anderen Lebensräumen unterscheidet. Immer aber richtete er, seinem Fach getreu, das Hauptaugenmerk auf das banale Alltagsleben. Er verband damit das Expertentum des Forschers mit der Laienperspektive.

1996 trat Hengartner seine erste Professur an der Universität Hamburg an, wo er sich bald profilierte als Erforscher unseres Umgangs mit Telekommunikation, Suchtmitteln oder Religiosität. Die Erkenntnisse aus seinen neugierigen Forschungsausflügen publizierte er nicht nur, sondern veranschaulichte sie auch in zahlreichen Ausstellungen, etwa im Museum für Kommunikation in Bern. 2002 erhielt Hengartner den hoch dotierten Leibnizpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der für die und zugunsten der Nachwuchsförderung vergeben wird.

2010 wechselte Hengartner an die Universität Zürich, wo er zunächst dem Institut für Populäre Kulturen vorstand. Im schnittigen Namen widerspiegelte sich sein moderner Forschungszugang. 2014 stiess er die Gründung des Instituts für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft an: Es ist eine zeit­gemässe Fusion von Kulturwissenschaft, Ethnologie und dem Völkerkundemuseum der Universität Zürich. Auch seinen neuen Wirkungsort Zürich nahm Thomas Hengartner sogleich unter die urbanistische Lupe und analysierte, was sich vor der Tür seines Institutes in Oerlikon tat und wie sich der neu entstehende Stadtteil erst nach und nach mit Leben füllte.

Zürichs Wachstumsschmerzen

Wie ein Abbild der urbanen Veränderungsprozesse kam ihm vor, dass vor seinem Bürofenster im Jahr 2012 das 127 Meter lange Gebäude der einstigen Maschinenfabrik Oerlikon im Rahmen einer Stadtteilerneuerung um 60 Meter verschoben wurde. In einer Publikation, die er mitverantwortete, fand Hengartner einen treffenden Begriff für die Nebenwirkungen von Zürichs ungestümer Urbanisierung: Die Stadt verspüre Wachstumsschmerzen, schrieb er.

Thomas Hengartners neugieriger Blick war noch lange nicht erschöpft, die Entdeckung neuer Forschungsfelder war nicht abgeschlossen, als ihn eine schwere Krankheit zurückwarf und in seinen vitalen Bemühungen bremste. Er ertrug das Leiden eindrücklich. Im Alter von erst 57 Jahren ist er nun am Auffahrtstag in seinem norddeutschen Heim viel zu früh im Kreis seiner Familie gestorben. Zürich und die Schweiz verlieren mit Thomas Hengartner einen weltoffenen Kopf.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2018, 23:39 Uhr

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