«Bis die Frau in ihren Opferstrategien kollabiert»

Psychospiele sind allgegenwärtig. Zwei Lebenscoachs, die ein Buch darüber geschrieben haben, erklären wieso.

«Wir suchen ständig nach Intensität und Zuwendung – in positiver wie auch negativer Richtung»: Stephan Schwarz über die Dynamik von Psychospielen.

«Wir suchen ständig nach Intensität und Zuwendung – in positiver wie auch negativer Richtung»: Stephan Schwarz über die Dynamik von Psychospielen. Bild: Myung Jung Kim/Keystone

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Cornelia und Stephan Schwarz, wann haben Sie zuletzt ein Psychospiel gespielt?
Cornelia Schwarz: (lacht) Wahrscheinlich gerade gestern. Es ist ja so, dass wir alle ständig Einladungen kriegen für Spiele. Entweder von aussen oder von innen.

Stephan Schwarz: Ich würde sagen, die meisten Spielchen, die ich anzettle, sind Spielchen mit mir selbst. Wir können Psychospiele mit uns selber spielen. Wir brauchen nicht immer externe Partner dazu.

Gibt es ein typisches Beispiel für das Psychospiel an sich?
Stephan Schwarz: Ein berühmtes Psychospiel in Firmen ist: «Meins ist besser als deins» oder «Ich bin besser als du». Das verstehen schon die Kinder. Das Spiel wird meist mit einer gewissen arroganten Haltung gestartet und sagt den anderen unterschwellig «Ihr seid alles Deppen». Die Deppen nehmen dann für einen Moment die Opferrolle ein, bis sie die Rolle wechseln und sich alle gegen den arroganten Typen verbinden. Daraus wird ein Spiel angezettelt.

Cornelia Schwarz: Ein anderer beliebter Prototyp ist einer, den wir mit uns selbst starten – nämlich mit Selbstmitleid. Wir gehen in die Welt hinaus und fangen an zu jammern. «Ach, ich bin zu dick», «Mein Chef ist so gehässig» oder «Mir ist alles zu viel». Wir suchen uns jemanden, der zuhört und uns helfen will. Der wird zu einem «Retter» und macht dem «Opfer» dann Vorschläge. Dabei will das «Opfer» gar keine Veränderung, es will nur jammern und jemanden, der ihm Zuwendung schenkt. Weil der andere ihm helfen und ihn «retten» will, landen sie im Spiel. Weil das Opfer nichts annimmt, hat der Retter irgendwann keine Geduld mehr, wird wütend und geht nicht mehr auf den anderen ein. Das «Opfer» wird dann selber zum «Retter» und fragt ihn, was er denn habe. Schlussendlich drehen sich beide in einem endlosen Karussell von Spielen und sie sind unglücklich.

Ob in Beziehungen, der Familie, in der Firma oder auf dem Schulhof – überall sind wir mit Psychospielen konfrontiert. Warum?
Stephan Schwarz: Wir suchen ständig nach Intensität und Zuwendung – in positiver wie auch negativer Richtung. Deshalb spielen wir ständig Dramen. Das ist wie ein Computerprogramm in uns. Wenn in Liebesbeziehungen ein Drama besteht, dann ist das meist intensiver, lebendiger und spürbarer als jeder Liebesrausch.

Kann man immer definieren, wer die Schuld an einem Psychospielchen trägt?
Stephan Schwarz: Es geht mehr um die Unwissenheit von sich selber, und darum, sich selber nicht richtig wahrzunehmen, als um die Schuldfrage. In Beziehungen ist es oft so, dass der eine dem anderen durch sein Verhalten gewissermassen ein Drama anbietet und man verhakt sich ineinander. Zum Beispiel der böse Patriarch, der sich ein «Opfer» ausgesucht hat, auf dem er rumhackt. Aber das «Opfer» bietet sich auch an, weil es eine masochistische Grundstruktur hat und den Patriarchen damit wahnsinnig macht. Und das «Opfer» geniesst es, negative Zuwendung zu kriegen, statt Selbstverantwortung zu übernehmen, weil es das nicht besser kennt.

Wie äussert sich das in Beziehungen?
Stephan Schwarz: Da trifft sozusagen die etwas weinerliche Frau auf den starken Mann, der dann das Gefühl hat, er müsse sich um sie kümmern und ihr helfen. Er hilft und hilft und hilft – bis die Frau in ihren Opferstrategien kollabiert. Der Mann wechselt dann seine Rolle und wird wütend. Dann gibt es ein richtiges Drama. Für die meisten Menschen laufen solche Prozesse im Unterbewussten ab.

Ein spezielles Drama beschreiben Sie in Ihrem Buch mit der Situation der USA. Sie zeigen auf, dass die USA ebenfalls ein Psychospiel spielen, indem sie seit dem Zweiten Weltkrieg immer wieder Kriege führen.
Stephan Schwarz: Wenn wir die vergangenen Kriege betrachten, dann tun die Vereinigten Staaten immer so, als würden sie als «Retter» die Menschen vom Bösen befreien. Meiner Meinung nach wissen die CIA und die grossen Organisationen in den USA, was sie tun. Sie inszenieren immer ein Drama. Sie postulieren dann auch, dass die Diktatoren sozusagen böse Verfolger sind, die ihre Menschen quälen. Die Amerikaner bieten ihrem Publikum immer einen komischen Hollywoodstreifen. Sie spielen Arnold Schwarzenegger, der die tragischen Länder vor dem bösen Saddam Hussein rettet. Auch die Flüchtlingskrise ist gewissermassen ein solches Drama.

Wie meinen Sie das?
Stephan Schwarz: Da werden beispielsweise Bilder von verbrannten Kindern in der Öffentlichkeit gezeigt, die starke Gefühle hervorrufen und unser Retterherz aktivieren. Immer dann, wenn starke Gefühle in uns entstehen, sind wir verblendet. Da wird erst einmal unser Retterherz so stark aktiviert, dass wir ihnen helfen wollen. Das ist eine natürliche menschliche Reaktion. Aber manchmal helfen wir nicht am richtigen Ort. Weil wir von den starken Gefühlen so verblendet sind, schauen wir nicht richtig hin, wie wir den Menschen wirklich helfen könnten. Da sind aber natürlich immer das interne Drama und die Machtinstanzen, die dahinter sind, also beispielsweise die Rüstungsindustrie, um die kollektive Kontrolle über die ganze Welt zu haben, aber sie nutzen natürlich immer das Drama, um die Bevölkerung miteinzubeziehen, um ihre Politik durchzusetzen.

Wie kann man denn ein Psychospiel durchschauen?
Stephan Schwarz: Ehrlich gesagt, kriegt man das nicht von heute auf morgen hin. Auch wenn man sich das Thema «Psychospiele» ein bisschen vergegenwärtigt hat. Es ist natürlich gut, man macht ein längeres Training, um mitzukriegen, welche Spielchen da gespielt werden. Aber das ist ein Prozess, der über Jahre dauert. Genauso, wie es Jahre gedauert hat, eine gewisse Rolle einzunehmen – abgeschaut von den Eltern, dem Familiensystem oder von dem Vorbildsystem, in dem man gross geworden ist.

Cornelia Schwarz: Wichtig ist das Lernen, sich regelmässig innerlich aufzuladen. Wenn das Bewusstsein zu stark nach aussen gerichtet ist, zum Beispiel durch zu viel Konsum, zu viel Druck im Geschäft oder durch fehlende Rückzugsmöglichkeiten, dann sind wir anfälliger für Dramen. Wir haben eine eigene Verantwortung, unsere inneren Batterien wieder aufzuladen. Sei das in der Natur, durch Sport, Wanderungen oder durch Meditation. Und indem wir eine gute Umgebung für uns selbst schaffen. Dann können wir wieder in die Welt hinaus und wir sind nicht mehr so anfällig für Dramen.

Erstellt: 05.09.2016, 12:09 Uhr

Cornelia und Stephan Schwarz sind Lebenscoachs. In ihrem Unternehmen bieten Sie Seminare zum Thema «Psychospiele» an. Ihr Ratgeber «Schluss mit Psychospielchen» ist kürzlich im DTV-Verlag erschienen. (Bild: Schwarz und Schwarz)

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