Er kämpft um mehr als sein Quartierblatt

Der Kleinstverleger Fredy Haffner lanciert eine Debatte um die Zukunft der Zeitungen.

Wehrt sich gegen den Niedergang der Zeitungen: Fredy Haffner. Foto: PD

Wehrt sich gegen den Niedergang der Zeitungen: Fredy Haffner. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die «Höngger Zeitung» erscheint seit 91 Jahren. Aber ob es sie noch lange gibt? Seit letztem Sommer erlebt auch die Zürcher Quartierzeitung das, was der «Tages-Anzeiger» und viele andere kleine, mittlere und grosse Zeitungen seit Jahren durchmachen: einen Einbruch bei den Inseraten, der hartnäckig anhält.

Verleger Fredy Haffner, seit sieben Jahren an der Spitze des Blatts, empfängt in der Wohnküche der Redaktion am Meierhofplatz, tischt einen Espresso auf und schildert die Lage: Klar, der eine oder andere langjährige Werbekunde sei schon immer mal ausgestiegen. Allerdings seien immer auch neue nachgerückt. Bis zu diesem Sommer 2018. Und nun ist auch noch der Umsatz pro Inserent auf einen gefährlich tiefen Stand gesunken. Haffner will nicht dramatisieren, sicher nicht, aber: «Wenn nichts passiert, ist das mittelfristig existenziell gefährlich.»

Anfang Jahr hat sich Haffner dann gesagt: Es muss etwas passieren, ich muss die Leute aufrütteln. Zusammen mit seiner kleinen Mannschaft in Redaktion und Verlag entwickelte er eine Idee: Eine Sonderausgabe ganz ohne Inserate und ganz ohne redaktionellen Inhalte. «Die Leute sollen sehen und erleben, was sie verlieren würden, wenn es ihre Zeitung einmal nicht mehr gäbe.»

«Es wäre bedrohlich für die Gesellschaft, wenn eine solche Zeitung stirbt.»Fredy Haffner, Verleger der «Höngger Zeitung»

Der «Höngger» wird alle zwei Wochen gratis verteilt, 13'200 Exemplare stecken dann in den Briefkästen des Quartiers. Es geht – normalerweise – ausschliesslich um die ganz grossen Themen. Aufgehobene Parkplätze am Kettberg. Der Alltag bei der Familie Huber Haller mit ihrem Buben, der am Down-Syndrom leidet. Die 132. Mitgliederversammlung des Frauenvereins. Der 3:2-Sieg des FC Höngg gegen den FC Winterthur 2.

Genau: All das, was den Hönggern wichtig ist, was aber kein anderes Medium für meldenswert hält. «Alles, was wir bringen, passiert im Quartier oder berührt das Quartier», sagt Haffner. «Wir haben ein glasklares Konzept, wir sind kein Käseblatt.»

Haffner war vor seiner Verlegerkarriere Schaufensterdekorateur, Krankenpfleger und Hausmann. Er weiss, wovon er spricht, wenn er ohne Wimpernzucken dem «Höngger» gesellschaftliche Relevanz zuschreibt: «Es wäre bedrohlich für die Gesellschaft, wenn eine solche Zeitung stirbt.»

Ideen sind da

Die Sonderausgabe erschien, ohne Inserate, dafür mit einer einzigen Todesanzeige: «Presse, freie, Jg. unbekannt, verwitwet von Fake News». Die wenigen Artikel drehten sich nur um eines: den Zustand der Printmedien im Allgemeinen und der Lokalzeitungen im Besonderen. Das Echo war gross, im Quartier und weit darüber hinaus. Die Medienbranche reisst sich um Interviews mit Haffner.

Nach der Sondernummer füllte ein Podium mit Medien- und Werbeprofis, moderiert von Fernsehmann Röbi Koller, den reformierten Kirchgemeindesaal. Und die Geschichte soll eine Fortsetzung haben, nicht versanden. Fredy Haffner will nicht jammern, sondern sich wehren, etwas gegen den Niedergang tun.

Was genau? Haffner hat Ideen – das sichere Rezept hat er nicht. Aber danach suchen auch seine Kollegen bei den grossen Verlagen. Schon lange.

Erstellt: 22.05.2019, 17:59 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir kämpfen mit allen Mitteln für die Freiheit, dies weiterhin zu tun»

Essay Unabhängige Redaktionen recherchieren Fakten, welche die Betroffenen der Öffentlichkeit vorenthalten möchten. Gedanken zur Verleihung des Zürcher Journalistenpreises. Mehr...

100 Prozent Journalismus. Keine Märchen

Porträt Gabor Steingart will den Journalismus mal wieder neu erfinden – auf einem Schiff in Berlin und mit Geld des Springer-Verlags. Mehr...

«Vieles ist Mainstream»: Ueli Maurer kritisiert die Medien

Der Bundespräsident ärgert sich über die Berichterstattung zur AHV-Steuer-Vorlage. Und er kritisiert die Medien auch pauschal. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...