Der Balzac Siziliens: Andrea Camilleri ist tot

Seine «Montalbano»-Krimis sind Kult, in Italien erreichte die Fernsehserie Spitzenwerte wie sonst nur Fussballspiele.

24 «Montalbano»-Krimis hat er geschrieben, dazu 70 andere Werke: Andrea Camilleri. Foto: Getty Images

24 «Montalbano»-Krimis hat er geschrieben, dazu 70 andere Werke: Andrea Camilleri. Foto: Getty Images

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Andrea Camilleri hatte eine warme, tiefe Stimme, in ihr fühlte sich Italien wohl. Eingehüllt, geborgen. Die Stimme eines Vaters, eines Grossvaters. Sie war kaum aufgeraut von den vielen Zigaretten, die er rauchte. Sechzig sollen es gewesen sein, jeden Tag. Er kokettierte damit, je älter er wurde. Als Philipp Morris vor einigen Jahren die Herstellung der Filterlosen in der weichen, roten Packung aufgab, rief Camilleri in der Firma an, um sich zu beschweren. Er kaufte dann die letzten Stangen auf, die noch im Umlauf waren, zwanzig insgesamt, für besondere Anlässe.

In Wahrheit, sagte er bei unserem letzten Treffen vor einem Jahr, ziehe er ja nur noch zwei-, dreimal an einer Zigarette und drücke sie dann gleich wieder aus. Schelmisch, selbstironisch, lebt nicht alles von schönen Mythen?

Der Rauch lag kalt im Wohnzimmer an der Via Asiago, im vierten Stock, hoch über den alten Radiostudios der staatlichen RAI, für die er lange gearbeitet hatte, bevor er zum erfolgreichsten Schriftsteller des Landes wurde, dem gesellschaftskritischen und politischen Romanziere, dem Erfinder des Commissario Montalbano. Zum «Balzac aus Porto Empedocle», wie er in einer Hommage genannt wurde, als er noch lebte.

Camilleri wurde 93 Jahre alt

Camilleri ist am Mittwoch in Rom gestorben. Er wurde 93 Jahre alt. Die letzten Tage seines Lebens begleiteten die Medien mit berührender Anteilnahme, wie man das bei einem lieben Verwandten tut. Jeden Tag gab es ein neues Bulletin aus dem Ospedale Santo Spirito, an manchen Tagen auch zwei.

Porto Empedocle, eine Hafenstadt in Sizilien, war sein Geburtsort, seine Gedankenwelt auch. Vigàta, der erfundene Hauptschauplatz der Krimis, war ihr nachempfunden. Das Mittelmeer, seine Gerüche und Versprechen, es rauschte durch seine Bücher mit nostalgischer Lieblichkeit. Camilleri war in den Fünfzigern nach Rom gezogen, er war da zunächst Regisseur, der grosse Erfolg kam erst spät. Der erste «Montalbano» erschien 1994 bei Sellerio, seinem Verleger in Palermo, den er reich machen sollte. Wann immer ein neuer Fall herauskam, in diesen kleinen, feinen, blauen Büchlein des Verlags, schoss er gleich an die Spitze der Verkaufslisten.

Aus seiner Heimatstadt machte er das fiktive Vigàta: Andrea Camilleri im Hafen von Porto Empedocle. Foto: Imago

Es war Camilleri gelungen, Figuren zu schaffen, die seine «terra», die geliebte und zerrissene Insel, in ihrer Widersprüchlichkeit spiegelten, ohne sie zur Karikatur zu verzerren, zum Klischee. Die Mafia? Sie war immer da, aber sie erstickte die Handlung nicht. Camilleri schuf eine Sprache, die sizilianisch klang, Singsang des Südens, und doch allen verständlich war. Oft waren Wörter dabei, die es auch im Dialekt nicht gab, er erfand sie.

Am Ende waren es 24 «Montalbanos», dazu noch 70 andere Werke: Stücke, Romane, Sachbücher. Camilleri war ein Vielschreiber, das Schreiben schien ihm leichtzufallen. Als man ihn einmal fragte, wie er sterben möchte, sagte er: «Sitzend, auf einem Stuhl auf einer Piazza, beim Erzählen.» 25 Millionen Bücher hat Camilleri verkauft, in vierzig Sprachen wurde er übersetzt. Es half, dass auch die Verfilmung seiner Krimis so beliebt war.

«Montalbano», die Fernsehserie auf RAI Uno mit Luca Zingaretti in der Hauptrolle, erreichte regelmässig eine Quote von mehr als vierzig Prozent, einmal schauten elf Millionen zu. Das schaffen in Italien sonst nur das Musikfestival von San Remo und die Azzurri, die Fussballnationalmannschaft. «Montalbano» ist Kult und Ritual, wie es im deutschen Sprachraum der «Tatort» ist. Und «Montalbano» ist oft zeitgenössisch politisch, die Episoden verhandeln Themen der Aktualität, unlängst war die Immigration dran. Camilleri war ein Linker, das versteckte er nie.

Öffentlicher Streit mit Matteo Salvini

Seinen letzten öffentlichen Streit hatte er mit Matteo Salvini, dem Innenminister von der rechten Lega. Camilleri ärgerte sich darüber, dass Salvini sich in letzter Zeit aus politischem Opportunismus fromm gibt, völlig überraschend für alle. «Ich bin kein gläubiger Mensch», sagte er. «Doch wenn ich Salvini mit dem Rosenkranz in der Hand sehe, bekomme ich Brechreiz.» Salvini antwortete: «Schreib, dann vergehen dir die Flausen.»

Das verrauchte Zimmer an der Via Asiago war Empfangsraum und Bibliothek, die Wände waren vollgestellt mit Büchern. Gleich neben der Tür stand ein kleiner Holztisch mit einer Schirmlampe drauf, einem Aschenbecher und der obligaten Packung Zigaretten. Die harte Packung. In den letzten Jahren seines Lebens war Camilleri erblindet, war darob aber nicht bitter. Er träume dafür einfach viel bunter und schärfer, sagte er. Vor allem der Nachmittagsschlaf sei toll, der Traum sei dann immer noch ganz da, wenn er aufwache.

Zuletzt diktierte er seine Bücher, Satz um Satz, dabei kam ihm entgegen, dass er früher Regisseur war und sich alles vorstellen musste, die Bühnenbilder, die Dialoge, die Figuren mit ihren Ticks und Macken. Er brauchte sie im Kopf nur herumzuschieben. Seine Assistentin Valentina Alferj schrieb mit. Camilleri lobte ihr Verdienst bei jeder Gelegenheit. Achtzehn Jahre lang hat sie ihn begleitet, mit ihm über Wortkreationen diskutiert, ihm auch aus den Zeitungen vorgelesen. Sie zog den Vorhang in der Bibliothek, weil ihn das grelle Sonnenlicht störte, das durch die Fenster fiel.

Camilleri hatte diese wunderbare Gabe, einen Raum zu füllen mit seiner Stimme, seiner menschlichen Wärme, seinen Geschichten, einer ganzen Welt.

Andrea Camilleris Bücher werden auf Deutsch vom Zürcher Verlag Nagel & Kimche betreut. Kommende Woche erscheint «Der Teufel natürlich», 33 kurze Geschichten.

Erstellt: 17.07.2019, 22:09 Uhr

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