«Erasmus für alle»

Dokfilmer Raphaël Glucksmann kandidiert fürs EU-Parlament. Der Franzose hat grosse Ziele: Die Linke vereinen und alle Europäer durch Europa reisen lassen.

Jugendliche vor dem Institut de France: Wer Europa aus persönlicher Anschauung kenne, interessiere sich mehr für den Kontinent, glaubt Glucksmann. Foto: Charles Bowman (Alamy)

Jugendliche vor dem Institut de France: Wer Europa aus persönlicher Anschauung kenne, interessiere sich mehr für den Kontinent, glaubt Glucksmann. Foto: Charles Bowman (Alamy)

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Er ist zwei Jahre jünger als Emmanuel Macron, hat dieselbe Schule und Uni besucht – und ist fast so ambitioniert: Raphaël Glucksmann, Sohn des Philosophen André Glucksmann. Als Spitzenkandidat einer Sammelbewegung will er ins Europaparlament. Sein Gesellschaftsvertrag fürs 21. Jahrhundert, ein Bestseller, erscheint nun auf Deutsch («Die Politik sind wir!», Hanser). Wir begegnen einem Politiker im Wahlkampf, der am Kaffeehaustisch seine Vision für ein zukünftiges Europa entwirft.

Bei den letzten Europawahlen lag die Beteiligung bei rund 40 Prozent. Warum kandidieren Sie für ein Parlament, das kaum interessiert?
Die tiefe Wahlbeteiligung ist tatsächlich katastrophal, wenn man bedenkt, dass 80 Prozent aller unserer Regeln und Gesetze von der EU bestimmt sind. In Frankreich sehen wir uns mit den «gilets jaunes» seit sechs Monaten mit einem Zorn konfrontiert, der in der Politik keine Entsprechung findet. Die einzige Antwort auf die Wut kommt von den Rechtspopulisten, was extrem gefährlich ist. Darin sehe ich denn auch die Aufgabe der Bewegung Place publique, die wir im November gegründet haben: Wie können wir die verschiedenen Kräfte der Linken bündeln, damit wir eine echte Alternative zu Marine Le Pens Front National sind?

Die Gelbwesten und die Nationalisten lassen den Verdacht aufkommen, sie wollten alles gegen die Wand fahren, damit sich fundamental etwas ändert.
Sicherlich. Ich versuche, die Wut der «gilets jaunes» ernst zu nehmen – wie auch die populistischen Bewegungen. Man kann sich nicht damit begnügen, sie als Faschisten oder Nationalisten abzukanzeln. Das funktioniert nicht mehr. Was ich zu verstehen versuche, ist die darunterliegende Dynamik: In Italien war es vor zehn Jahren noch unvorstellbar, dass ein Führer der separatistischen Lega Nord im Süden Italiens ein Dorf besucht und sich dort – wie heute mit Salvini – die Hälfte der Bevölkerung auf den öffentlichen Plätzen zusammenfindet, um ihn anzufassen, zu hören und zu spüren. Bedeutet dies, dass die alle Faschisten sind? Nein, Salvini verkörpert vielmehr ein politisches Versprechen, das die Linke nicht mehr erhebt.

Was für ein Versprechen?
Es entspricht ziemlich genau dem Brexit-Slogan «Take back control». Verbunden damit ist das Versprechen, das Schicksal eines Landes liege in den Händen eines Volkes, also wenn Brüssel oder der Markt etwas verlangt, dann kann ich Nein sagen, weil wir ein Volk sind, das sein Schicksal meistert. Und das ist genau das, was Salvini tut: Er macht Politik in einem noblen Sinn. Es ist schrecklich, das zu sagen, weil ich alles ablehne, was Salvini tut. Aber es gibt bei ihm eine Rückkehr zum Ursprung der Politik, an dem ein Kollektiv oder ein Volk steht, das sich seiner Bestimmung, seiner Zukunft annimmt. Das ist das, was die Linke nun auch erreichen sollte: Sie sollte auf die grundlegenden Fragen antworten – und ein Angebot machen, das ebenso kohärent und tief greifend ist wie dasjenige der Nationalisten.

Wie soll das gelingen?
Indem wir die soziale Frage mit der ökologischen verheiraten. Ich glaube nicht, dass es für zwei Parteien, also für eine grüne und eine sozialliberale, Platz hat. Ja, es gibt keine Legitimation für die Sozialdemokratie, die sich nicht mit der ökologischen Frage beschäftigt. Das Bewusstsein, dass wir nicht mehr viel Zeit haben, die ökologische Katastrophe abzuwenden, erlaubt uns auch die gewünschte Konkretisierung des europäischen Projekts, das für viele zu abstrakt wurde.

Rechte werden das Migrationsthema weiter bewirtschaften.
Klar, es gab 2015 einen Höhepunkt bei den Migranten, der mit dem Syrienkrieg zusammenfiel. Heute hat sich die Lage beruhigt. Und ich glaube, dass sich selbst mehrere Millionen Migranten perfekt integrieren lassen, wenn wir ein europäisches Asylregime schaffen, das verhindert, dass die ganze Last bei Italien oder Griechenland liegt. Macron hat in seinem Wahlkampf versprochen, den Humanismus zu erneuern. Aber stattdessen hat er Panik ausgelöst und eine repressive Politik ermöglicht. Ich habe Zöllner besucht, die mir gesagt haben, dass ihr Fokus inzwischen voll und ganz auf der Jagd nach Migranten liege statt auf der Kontrolle von Waren. Es wird auch immer wieder gesagt, die Mehrheit der Franzosen sei gegen die Öffnung der Tür für Flüchtlinge. Tatsächlich gab es aber Hunderte und Tausende, die in Frankreich ihre Tür geöffnet haben, als 2015 der sogenannte Flüchtlingsstrom einsetzte – im Sinne des Humanismus. Von denen spricht niemand.

Bei gewissen Quartieren in Paris fragt man sich, ob die Integration geklappt hat.
Selbstverständlich gibt es diese Quartiere, in denen 80 Prozent Muslime leben. Wir sprechen heute so viel von Globalisierung, man müsse flexibel und mobil sein. Aber de facto ist es so, dass ein Jugendlicher in Paris sein Leben lang nichts mit einem Alterskollegen in der Picardie zu tun hat, obwohl die beiden nur zwei Autostunden auseinander leben. Um diese Ghettoisierung aufzubrechen, bin ich für einen universellen Zivildienst!

Ein Universal-Zivildienst?
Ja, jeder Jugendliche in Frankreich – und natürlich auch in Europa – muss sein Umfeld für ein Jahr verlassen und andernorts für die Gemeinschaft arbeiten. Nicht nur, um die Ghettoisierung zu durchbrechen, sondern auch diese ganze neoliberale Ideologie, die uns sagt, wir seien individuell und frei, es brauche keine Gemeinschaft mehr. Das Ergebnis davon ist gerade eine Ghettoisierung der Gesellschaft, wie wir sie auch auf Facebook erleben können: Jeder bleibt für sich einsam. Dagegen gilt es,die Idee einer Öffentlichkeit zu verteidigen.

Wollen Sie deshalb einen Zivildienst einführen?
Nicht nur, für Europa gibt es ein Projekt, das mir vorschwebt: mit Erasmus. Absolventen dieses Austauschprogramms zeigen sich offen gegenüber Europa und der Welt, interessieren sich für die anstehenden Wahlen und für die öffentlichen Debatten. Aber Erasmus war für eine Elite, die vielleicht 3 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Das heisst, wir müssen Erasmus demokratisieren, es für alle zugänglich machen unter 25.

Wer soll das bezahlen?
Das ist die zentrale Frage. Wir brauchen eine Erhöhung der Steuern für europäische Projekte, auch wenn das eine sehr unpopuläre Forderung ist. Aber ich sehe hier einen Spielraum: mit einer Steuer für Importe, einer CO2-Steuer und für Aktionäre, deren Dividenden in den Vereinigten Staaten mit 24 Prozent, in Europa mit gerade mal 19 Prozent besteuert werden. Nicht zuletzt braucht es auch einen Kampf gegen Steuerdumping, ein grosses Thema der «gilets jaunes», denn wie kann ich akzeptieren, dass ich als Café-Besitzer in Frankreich 30 Prozent Steuern zahle, während Starbucks auf der anderen Strassenseite nur 5 Prozent abgeben muss? Es gibt Momente, in denen die EU totalitär und ungerecht ist, in der sie irrational wirkt. Dem gilt es entgegenzutreten. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 21.05.2019, 22:51 Uhr

Raphaël Glucksmann ist Dokumentarfilmer, Werber und Journalist. Foto: Emmanuel Foudrot (Reuters)

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