Ernst Augustin, der Erzählmagier, ist tot

Er war Facharzt für Psychiatrie und leitete ein Wüstenhospital in Afghanistan. Daneben schuf er surrealistische Romanwelten.

Wer Augustin erlebte, diesen hochgewachsenen, eleganten Mann mit Silbermähne und dem mitten im Erzählen ausbrechenden listigen Kichern, wird ihn nie vergessen.

Wer Augustin erlebte, diesen hochgewachsenen, eleganten Mann mit Silbermähne und dem mitten im Erzählen ausbrechenden listigen Kichern, wird ihn nie vergessen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«‹Ich bin ein beweglicher Geist, ich bewege mich schnell, fast schwerelos und bin kaum zu treffen. Weil ich nie dort bin, wo man mich vermutet.› So startet ‹Der amerikanische Traum›. ‹Robinsons blaues Haus› beginnt so: ‹In einer früheren, ferneren Version dieser Geschichte sagt Daniel Defoe, er habe eines der unglaublichsten und abenteuerlichsten Leben gelebt.› Ich sage: Ich auch.» Diese leichtfüssige Lakonie, gemischt mit poetischer Präzision und oft gerissenem Witz macht die Unwiderstehlichkeit von Ernst Augustins Erzählen aus, bei dem «das hässliche Haupt der Wahrscheinlichkeit» keine Chance hat, sich zu erheben.

Augustin wurde 1927 im schlesischen Hirschberg geboren, er wuchs in Schwerin auf, studierte in Rostock und Ostberlin Medizin. Er wurde Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Dann leitete er zwischen 1958 und 1961 ein amerikanisches Wüstenhospital in Afghanistan und landete schliesslich in München. Dort lebte er in einem Haus, das einer begehbaren Fantasie dieses leidenschaftlichen Architekten surrealistischer Romangebilde gleicht.

Zwölf höchst komplexe Erzählwelten schuf er, die am besten in seinen Worten beschrieben sind: «Träume. Verschlüsselte Botschaften, Brotbäume, die Eingangspforten bilden, herabhängende Wasserschleier, so wie sie einmal – wie lange ist es her – ausgedacht wurden.» Aber es sind auch erzählte Wirklichkeiten, die Abenteuer der Kindheit ebenso wie die Sehnsucht nach Südseeferne umfassen, nach brodelnden Metropolen wie dem türmereichen New York oder dem skurrilen London, die Unwahrscheinlichkeiten der Liebe nicht zu vergessen.

Das listige Kichern

Wer Augustin erlebte, diesen hochgewachsenen, eleganten Mann mit Silbermähne und dem mitten im Erzählen ausbrechenden listigen Kichern, wird ihn nie vergessen. Wenn er durch sein Labyrinthhaus führte vom glitzernden Discokeller für den Salsa-Fan bis zur versteckten Dachterrasse, dann war das der Weg durch eine blinkend-blitzende Ausstattungsrevue, wie nur er sie erzählerisch und auch aus dem Moment heraus inszenieren konnte.

In letzter Zeit traf ihn das Schicksal hart: Seine Frau, die Künstlerin Inge Augustin, die das Haus ausgemalt hat und die Titelbilder für die Werkausgabe bei C. H. Beck schuf, starb. Ihm wurde 2009 bei der Operation eines gutartigen Tumors der Sehnerv durchtrennt, er erblindete. Am Sonntag ist dieser Meister surrealistischer Erzählmagie wenige Tage nach seinem 92. Geburtstag in München gestorben.

Erstellt: 05.11.2019, 15:55 Uhr

Artikel zum Thema

«Morgen soll uns nicht betrüben / wenn wir heute Beischlaf üben»

Der deutsche Dichter Günter Kunert ist tot. Er überlebte vier Gesellschaftssysteme und war ein heiterer Pessimist. Mehr...

Eine Karte, die nicht sticht

Kristine Bilkau hat einen so raffinierten wie berührenden Roman über eine Liebe vorgelegt, die ein Leben lang dauert, obwohl sie sich nie erfüllt hat. Oder gerade deswegen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Fliegende Körner: Ein Bauer erntet Reis auf einem Feld in Nepal. (15. November 2019) A farmer harvests rice on a field in Lalitpur, Nepal November 15, 2019.
(Bild: Navesh Chitrakar ) Mehr...