«Es gibt keinen Tod zum Nulltarif»

Provokant: Der 81-jährige Berner Musiker und Autor Urs Frauchiger schreibt in seinem neuen Buch über unser kurioses Verhältnis zum Sterben und zur Endlichkeit. Ein Hausbesuch.

Urs Frauchiger kritisiert die «Wehleidigkeit» der heutigen Gesellschaft, wenn es ums Sterben geht. Foto: Valerie Chetelat

Urs Frauchiger kritisiert die «Wehleidigkeit» der heutigen Gesellschaft, wenn es ums Sterben geht. Foto: Valerie Chetelat

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Nein, eine bequeme Abkürzung mittels Lift gibt es nicht. Dieser Aufstieg will zu Fuss bewältigt sein. Ganz zuoberst im Treppenhaus steht Urs Frauchiger. Zur Begrüssung sagt er vergnügt: «Es gibt Leute, die mich hier oben kaum finden, weil sie glauben, es gehe nicht mehr weiter.» Hier hat er viel Platz zur Entfaltung, der «esprit d’escalier».

In seinem neuen Buch ist das Phänomen des «Treppenwitzes» ebenfalls Thema – der geistreiche Gedanke, der einem zu spät, eben beim Hinausgehen auf der Treppe, einfällt und deshalb in einer Diskussion nicht mehr vorgebracht werden kann. Er habe noch «einige Tassen im Schrank», hat der 81-Jährige vor dem Treffen geschrieben, aber das Gedächtnis spiele ihm manchmal Streiche: «Zwar habe ich noch keine Inhalte verloren. Nur mit der unmittelbaren Abrufbarkeit kann es hapern.»

Er hat Tee gemacht und sitzt nun zum Gespräch bereit im Wohnzimmer neben dem Cheminée. Urs Frauchiger ist, technisch betrachtet, seit 16 Jahren Pensionär, «aber dieser Ausdruck passt nicht zu meinem Naturell». Der ausgebildete Cellist und Musikpädagoge, aufgewachsen im Emmental, kann auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken: Mit seinen über 500 Radiosendungen «Top Class Classics» und der Fernsehsendung «Concerto Grosso» wurde Frauchiger einem breiten Publikum bekannt. Er war Generalsekretär der europäischen Musikhochschulen, Direktor des Berner Konservatoriums und von 1991 bis 1996 Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia.

«Nie mehr so wie vorher»

Eine erfolg- und abwechslungsreiche «vita activa» liegt hinter ihm. Als streit­barer, auch mit polemischem Temperament gesegneter Autor und Publizist ist er weiter präsent – aber dennoch: Wie schwer ist ihm der Übergang zur «vita contemplativa» gefallen? Im Leben wie in der Musik gehörten Übergänge zu den spannendsten Momenten, entgegnet Frauchiger: «Natürlich bringen sie Reibungen mit sich, ohne die wären sie keine echten Übergänge.» Wichtiger als die Reibungsverluste sind für ihn aber die Reibungsgewinne. «Diese schaffen die Innenspannung, aus der Kreativität wächst. Ein klägliches Leben, das nichts als reibungslose Übergänge kennt.»

Vor einigen Jahren entkam Frauchiger einer lebensbedrohenden Krebserkrankung. Nach der Chemotherapie musste er monatelang künstlich ernährt werden. Er stand auf der Brücke zwischen Leben und Tod und hat überlebt. Zum «Vermächtnis des Krebses» gehört auch ein Tinnitus. Es sei schon schlimm, sagt Frauchiger, Konzerte besuche er nur noch in Ausnahmefällen. Jetzt hält er sich mehr an das «innere Erklingen» von Werken. Bis zur Romantik gelinge ihm dies einigermassen, immerhin habe er 20 Jahre in einem Quartett gespielt: «Aber weiter vorne in der Musikgeschichte wirds kompliziert, eine Mahler-Sinfonie kann ich im Kopf nicht hören.»

Das Entscheidende an dieser Prüfung sei indes nicht die Einsicht in die eigene Endlichkeit gewesen, sagt Frauchiger. «Wer die nicht schon vorher gewonnen hat, wird sie kaum durch den Krebs gewinnen.» Nein, die existenzielle Einsicht sei eine andere: «Es wird nie mehr sein wie vorher. Damit muss man leben, und daraus erfährt man das ganz neue Glück dieser letzten Lebensphase.»

«Ein Plädoyer für den eigenen Tod»

Seit fast 30 Jahren ist der Musiker und Autor in der Berner Altstadt zu Hause. Sein «Türmchen» nennt er seine Dachwohnung, im Sommer ist sie lichtdurchflutet, der Blick gegen Osten geht zur Aare und zur Kornhausbrücke, gegen Westen zur Nydeggkirche, deren Glockenspiel Frauchiger liebt. Das «Türmchen» also: Die Verbindung zu Michel de Montaigne und seinen «Essais» liegt nahe und wird von Frauchiger auch bewusst erwähnt. Seine «Essais» schrieb der französische Adlige in seiner Turmbibliothek, nachdem er sich 1571 aus dem aktiven Leben zurückgezogen hatte. Montaigne beschäftigte sich mit dem Sterben als Lebensziel. Der Tod war für Montaigne Teil seiner Reflexionen zur Lebenskunst. Von ihm stammt der Satz: «Wer die Menschen sterben lehrt, lehrt sie leben.» Frauchigers Buch trägt den Titel «Woran um Himmelswillen sollen wir noch sterben?» und versteht sich als «Plädoyer für das eigene Leben und den eigenen Tod».

Es sei ein Buch für diejenigen, «die meinen, ein solches nicht nötig zu haben», sagt Frauchiger und fügt hinzu: «Mein Buch ist kein Rezeptbuch für das schmerzfreie Leben und noch weniger ein Wohlfühlbuch.» Es liefere weder fertige Lösungen noch Auflösungen von Widersprüchen. «Es berichtet, wie ich das Alter erfahre und was ich dazu denke. Alles Missionarische ist mir fremd.» Gab es denn in seinem Leben keine Phase, in der er den letzten Lebensabschnitt verdrängt hat? «Keine einzige.» Er hoffe, es töne nicht «bluffig», wenn er sage, dass er schon als Vierjähriger beim Tod des Grossvaters begriffen habe, dass sein Leben endlich sei.

Ihm sei es wichtig, sagt Frauchiger, dass die «unabdingbare Ganzheit von Geburt, Leben und Tod aufscheint im Buch, weil dieses Bewusstsein verloren gegangen ist.» Er wird «verruckt» ob der «Wehleidigkeit», die bei uns im Zusammenhang mit dem Sterben herrsche: Er habe nichts gegen die Palliativmedizin, aber wenn man die letzten Dinge auf ein «Tuts weh?» verkleinere, dann sei das für ihn fast obszön angesichts des herrschenden Leids auf der Welt: «Es gibt keinen Tod zum Nulltarif.» Ebenso gebe es kein «mehrheitsfähiges Sterben», schreibt er und wendet sich gegen alle Bemühungen des Staates, sich hier einzumischen. Jeder Mensch sei allein für sein Sterben verantwortlich, das gelte auch für die Inanspruchnahme ­aktiver Sterbehilfe.

Wie Spuren im Sand

Kurz bevor der Abstieg im Treppenhaus ansteht, kommt das Gespräch noch auf das, was nach dem Tod ist. Frauchiger bezeichnet sich als Agnostiker, «nicht als Atheisten, das wird oft verwechselt». An eine personale Unsterblichkeit kann er nicht glauben. Zu oft hat er am Meer erlebt, wie die Brandung seine Fussspuren im Sand löschte und «vor mir die Weite des Horizonts sich öffnete». Er trinkt einen letzten Schluck Tee. «Ich glaube, unsere irdische Existenz wird entschwinden und in ein Anderes über­gehen, von dem wir nichts wissen.»

Urs Frauchiger: Woran um Himmelswillen sollen wir noch sterben? Elfundzehn-Verlag, Zürich 2017, 100 S., ca. 30 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2017, 19:44 Uhr

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