Als Eschers «irre» Tochter mit ihrem Maler durchbrannte

Eine skandalöse Liebesaffäre stand am Anfang der Gottfried-Keller-Stiftung. Nun zeigt das Landesmuseum ein Best-of.

Das Stauffer-Porträt von Lydia Welti-Escher. Foto: Gottfried-Keller-Stiftung

Das Stauffer-Porträt von Lydia Welti-Escher. Foto: Gottfried-Keller-Stiftung

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Weiss-in-Weiss-Malerei war damals stark in Mode, als die schöne Lydia Welti-Escher dem Maler Karl Stauffer Modell sass. Rein und unschuldig sollte es werden, dieses im Jahr 1886 entstandene Porträt der 28-jährigen Tochter aus dem Grossbürgertum. Und doch, erblickt man nicht um die leicht geöffneten Lippen ein lustvolles Lächeln?

Das Gemälde wurde zum Ausgangspunkt einer Liaison dangereuse, die Stoff für so manchen Roman abgab. Lydia, die Tochter des grossen Politikers, Wirtschaftsführers und Eisenbahnunternehmers Alfred Escher, war die Gemahlin des Bundesratssohns Friedrich Welti-Escher. Sie verliebte sich in den Maler Karl Stauffer und floh mit ihm nach Rom. Dort wurden die beiden auf Veranlassung von Lydias Schwiegervater, dem Bundesrat Emil Welti, festgenommen. Lydia landete darauf im Irrenhaus, Stauffer im Gefängnis, weil er eine Geisteskranke vergewaltigt habe.

Selbstbestimmtheit bis zuletzt

Lydia wurde nach vier Monaten aus der Anstalt entlassen und in die Schweiz zurückgebracht, wo man sie als Ehebrecherin verurteilte. Sie musste Friedrich Emil Welti mit 600'000 Franken entschädigen. Die gebildete Frau gründete danach die grösste schweizerische Kunst- und Kulturstiftung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. 1891 nahmen sich Karl Stauffer und Lydia Welti-Escher das Leben.

Der Grundstein der 1890 gegründeten Gottfried-Keller-Stiftung, die sich nicht um das Erbe des grossen Schweizer Schriftstellers kümmert, sondern um «bildende Kunst des In- und Auslands», wurde also von dieser selbstbestimmten Frau aus dem Grossbürgertum gelegt. Sie bezahlte den Ausbruch aus den bürgerlichen Konventionen mit dem Tod, wie Franz Zelger, der Präsident der Stiftung, im Katalog zur gestern eröffneten Kabinettausstellung im Schweizerischen Landesmuseum schreibt.

Mit 5 Millionen Franken Startkapital, was heute etwa 60 Millionen Franken entspräche, konnte die Stiftung im Laufe der Jahrzehnte eine über 6500 Objekte umfassende Sammlung von Kunstwerken zusammentragen. Die Schätze reichen von Gemälden Hans Holbeins über Arnold Böcklin und Ferdinand Hodler bis zu Skulpturen von Alberto Giacometti.

Im Besitz der Stiftung ist auch das Prunkzimmer aus der Casa Pestalozzi in Chiavenna, das sich im Landesmuseum befindet, oder das Chorgestühl des Klosters St. Urban LU. Rund 70 Museen und 30 Institutionen in 23 Kantonen beherbergen zurzeit Dauerleihgaben der Gottfried-Keller-Stiftung.

Ein Best-of zum laufenden Escher-Jahr

Für die Präsentation im Landesmuseum wurden die schönsten Stücke dieser Institutionen nach Zürich ausgeliehen, sodass man nun nicht nur eine gediegene Gemäldeausstellung besichtigen kann, sondern auch in den Genuss hochkarätigen Kunsthandwerks kommt. Erwähnt seien das vergoldete Büstenreliquiar des heiligen Petrus aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, das sich normalerweise im Musée d’histoire du Valais befindet. Oder der heilige Christophorus aus dem Basler Münsterschatz aus dem 15. Jahrhundert, der sonst im Historischen Museum in Basel steht.

Büstenreliquiar des heiligen Petrus. Foto: Gottfried-Keller-Stiftung

Die Glanzlichter der Sammlung werden jetzt ausgestellt, sagt Franz Zelger, weil die Stiftung im Escher-Jahr 2019 (Alfred Escher wurde am 20. Februar 1819 geboren) auf ihr Wirken und ihre Schätze aufmerksam machen möchte. Die Gottfried-Keller-Stiftung ging übrigens in den 80er-Jahren beinahe in Konkurs. Sie wurde vom Bund gerettet.

Der jährliche Ankaufsetat von 400'000 Franken wird inzwischen vom Bund finanziert, und die Neuerwerbungen geschehen oft auf Wunsch der kantonalen Museen, die sich hälftig an den Kosten beteiligen.

Bis 22. April. Vom 24. März bis zum 28. Juli zeigt das Museo d’arte dellaSvizzera italiana (Masi) in Lugano mit Werken aus der Gottfried-Keller-Stiftungdie wichtigsten Etappen der Schweizer Kunstgeschichte.

Erstellt: 14.02.2019, 15:02 Uhr

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