Exilautor rechnet mit Xi Jinpings China ab

Ma Jians Werke dürfen in China nicht erscheinen. Sein neuer Roman erzählt von einem Funktionär, den die Vergangenheit einholt.

Der Propagandist des «Traums von China» und zwei, die ihn träumen sollen: Strassenszene in Peking.

Der Propagandist des «Traums von China» und zwei, die ihn träumen sollen: Strassenszene in Peking.

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Ma Jian ist der wohl wichtigste chinesische Exilschriftsteller, wenn man so will, der Ai Weiwei der Literatur. Etwas weniger auffällig und öffentlichkeitswirksam als dieser, zugegeben. Während der Künstler mit Ausstellungen, Installationen und Aktionen weltweit Furore macht, sitzt Ma Jian in seiner Londoner Reihenhausidylle und schreibt. Mit ihm wohnen dort seine Frau Flora Drew, die zugleich seine Übersetzerin ist, und seine vier Kinder.

Nach China lassen ihn die Behörden seit Jahren nicht mehr reisen, noch viel länger sind seine Bücher verboten, nämlich gleich nach dem ersten. Von «Zeig mir deine Zunge» über die Repression in Tibet wurde die gesamte Auflage beschlagnahmt und eingestampft. Die folgenden, darunter «Die dunkle Strasse» über die Ein-Kind-Politik, oder «Roter Staub» über seine dreijährige Reise durch die äusseren Provinzen, vor allem aber «Peking Koma», der 900-Seiten-Roman über das Massaker auf dem Tiananmen-Platz, konnten nur in Hongkong erscheinen.

Mas Name darf in China nicht öffentlich erwähnt werden. Als ich bei einem Treffen mit Pekinger Literaturwissenschaftlern nach ihm fragte, erntete ich nur verlegenes Hüsteln und den ausweichenden Satz: «Haben von ihm gehört.»

Ma Jians neuer Roman ist ein schmaler Band, keine 200 Seiten dick, aber er hat es in sich. Und er ist von hoher Aktualität. Sein Titel parodiert jenen «Traum von China», den Xi Jinping, der starke Mann des Landes, 2012 nach dem Besuch einer Propagandaausstellung formulierte.

Er versteht darunter die «Grosse Wiedergeburt» Chinas nach einem «Jahrhundert der Erniedrigung»: zunehmenden Einfluss nach aussen (verkörpert derzeit durch die neue Seidenstrasse) und «Harmonisierung» nach innen – mehr Wohlstand, mehr Überwachung. Die «Xi-Gedanken», vage genug, um auf alles angewandt und für jedes in Anspruch genommen zu werden, sind inzwischen im Parteiprogramm, aber auch in der Verfassung verankert.

Privatbad im Büro und ein Dutzend Geliebte

Ma Jians Held ist Direktor eines «Traum von China»-Amtes, mit zahlreichen Mitarbeitern und Privilegien (ein Privatbad im Büro) sowie einem Dutzend Geliebten. Ein Parteibonze, der ständig Ideen und Kampagnen zur Verbreitung der Xi-Gedanken vom Stapel lassen soll. Darunter fallen solche, die es tatsächlich in China gibt – etwa eine Massengoldhochzeit –, aber auch abstruse Pläne wie den «Traum von China»-Chip, der perspektivisch allen Chinesen eingepflanzt werden und deren eigene, individuelle Träume durch den kollektiven China-Traum ersetzen soll.

Dieser Ma Daode hat aber, was das Land als Ganzes nicht haben darf: eine Vergangenheit. Während die Kehrseite des nationalen Aufstiegs – Katastrophen mit vielen Millionen Toten wie die Hungersnot nach dem «Grossen Sprung nach vorn» – offiziell tabu ist, steigen in Ma Daode die Gespenster der Kulturrevolution auf, an der er als Jugendlicher beteiligt war.

Er hatte, mit anderen Mitgliedern der Roten Garden, seine Lehrer gedemütigt und gequält, vor allem aber seine Eltern denunziert. Ihr Haus wurde geplündert und verwüstet, sie selbst erniedrigt und geschlagen; schliesslich brachten sie sich um, indem sie Unkrautvernichtungsmittel tranken.

Hunderte junger Kommunisten kamen bei den Kämpfen verfeindeter Fraktionen ums Leben, viele mit Maos Namen auf den Lippen.

In jener Phase der Kulturrevolution in der Provinzstadt Ziyang waren die Roten Garden in rivalisierende Fraktionen zerfallen, es kam zu bürgerkriegsähnlichen Kämpfen mit Messern und Scheren, Pistolen und Maschinengewehren; Hunderte junger Kommunisten kamen ums Leben, viele mit dem Ruf: «Lang lebe der Vorsitzende Mao.» Jede Fraktion berief sich auf ihn (so wie in den Weltkriegen Soldaten aller Nationen glaubten, Gott sei mit ihnen).

Albträume bei Tag

All das – die Gräuel der Kämpfe und die eigene Schuld – steigt in Ma Daode hoch. Er albträumt davon in der Nacht, aber die Bilder suchen ihn auch tagsüber heim. In offiziellen Ansprachen gleitet er immer wieder in die Vergangenheit, vergaloppiert sich, redet sich um Kopf und Kragen. «Seine Erinnerungen sind wie Bälle auf einem Teich. Je kräftiger man sie unter Wasser drückt, desto höher springen sie in die Luft, wenn man sie loslässt.» Weil der «Traum von China»-Chip noch auf sich warten lässt, will er mithilfe eines Scharlatans einen Trank des Vergessens brauen, um die Gespenster zu bannen. Damit ist seine Karriere – und bald auch sein Leben – endgültig zu Ende.

Ma Jians Roman von der Wiederkehr des Verdrängten ist natürlich eine Parabel: Was er am Beispiel eines hundsnormalen – also beschränkten, korrupten, unersättlichen – Funktionärs durchzieht, meint das ganze Land. Eine Milliarde Menschen von ihrer Vergangenheit abzuschneiden und sie allein auf eine vage, aber strahlende Zukunft einzuschwören, wird national zu ähnlich pathologischen Folgen führen wie im Falle des «Traum von China»-Direktors.

Sein Werk ist in China verboten, sein Name verfemt: Ma Jian. Foto: Joel Saget (AFP)

Ma Jian führt die Parabel mit grosser Konsequenz und bitterem Sarkasmus durch. Kulturrevolution und Propaganda, Mao und Xi geraten seinem Helden immer mehr in- und durcheinander, bis zur Engführung, als die Kämpfe der 1960er-Jahre mit der gewaltsamen Räumung eines Dorfes in der Gegenwart überblendet werden. Starben damals die Gegner jeweils mit Mao auf den Lippen, so glauben sich die Dorfbewohner mit einem riesigen Poster Xi Jinpings schützen zu können – gegen den neuen Mao wird doch kein Bulldozer anzufahren wagen?

In den letzten, delirierenden Kapiteln sieht sich Ma Daode von den Toten der Kämpfe umgeben. Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen, hat der spanische Philosoph George Santayana gesagt; dies gilt umso mehr für den, der sie nicht kennen will.

Der Roman ist zweifellos auch ein Stück Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit des Autors.

«Traum von China» ist voller dramatischer, erschütternder Szenen. Nicht zufällig trägt der Held denselben Familiennamen wie der Autor: Dieser hat zwar nicht seine Eltern in den Tod getrieben, aber, wie er mir einmal bei einem Besuch in London erzählt hat, an einer Bestrafungsaktion gegen seinen eigentlich geliebten und verehrten Kunstlehrer teilgenommen. Auch im Roman wird eine Lehrerin von Schülern mit Tinte übergossen und dann in einen Teich geworfen. Der Roman ist sicher auch ein Stück Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte – eben das, was Chinas Führer ihrem Volk verweigern.

Es ist aber auch, auf knappem Raum, ein starkes Stück Literatur. Zu den Höhepunkten zählt eine Szene in einem Nachtclub, den Ma Daode in seiner Eigenschaft als hoher Funktionär, dem alles erlaubt ist, «testen» will. Die Hostessen tragen die Uniformen der Kulturrevolution (natürlich ohne zu wissen, was das war), und das schönste Zimmer ist dem Boudoir aus Maos Privatzug nachgebildet.

Hier darf sich der Bonze von drei Mädchen gleichzeitig verwöhnen lassen und als kleiner Mao fühlen. So kann er die Gegenwart für einen Moment vergessen: die eifersüchtige Ehefrau, das Chaos der Geliebten, die ihn zu erpressen versuchen, das Heim für entlarvte korrupte Bürokraten als ständige Drohung.

Anders als George Orwells Zukunftsvision «1984» muss Ma Jian fast nichts erfinden und kaum übertreiben. Dem Orwell, «der schon alles gewusst hat», ist der Roman übrigens gewidmet. Und Ai Weiwei? Der hat für Ma Jian die Titelillustration entworfen. Einen toten Baum, dessen Äste sich in alle Richtungen davonmachen.

Ma Jian: Traum von China. Roman. Aus dem Englischen von Susanne Höbel. Rowohlt, Hamburg 2019. 190 S., ca. 34 Fr.

Erstellt: 20.09.2019, 08:20 Uhr

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