Familie mit mindestens 43 Kindern

Ein niederländischer Fruchtbarkeitsmediziner nutzte in sehr vielen Fällen sein eigenes Sperma, um Nachwuchs zu zeugen. Ist das jetzt eine Familie? Besuch bei einem Geschwistertreffen.

Vier der Halbgeschwister, die sich erst seit kurzem kennen. Foto: Remko de Waal (AFP)

Vier der Halbgeschwister, die sich erst seit kurzem kennen. Foto: Remko de Waal (AFP)

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Noch vor einem Jahr wäre Martijn auf der Strasse an ihnen vorbeigegangen, ohne Gruss. Fremde waren sie. Heute sitzt er mit fünf seiner Geschwister in einem Restaurant in Den Haag, weil man da beim Essen aufs Meer schauen kann und sie das Meer so mögen. Die Kellnerin kommt und fragt: «Sind Sie vollständig?» «Nein», sagt eine Schwester, «es fehlen 37 Leute.» Alle lachen. Die Kellnerin schaut verdattert, weil sie den Witz nicht verstanden hat. Eigentlich ist es ja auch kein Witz: Martijn, Sanne, Antje*, Frederik*, Laura* und Marsha haben 37 weitere Halbbrüder und Halbschwestern.

Vielleicht hat die Kellnerin ihre Geschichte in den Nachrichten gehört: Bis 2004 war die anonyme Samenspende in den Niederlanden erlaubt. Tausende wandten sich mit ihrer Sehnsucht nach einem Baby an den Arzt Jan Karbaat. Er war in den Niederlanden die Koryphäe der künstlichen Befruchtung. Schon in den 1950er-Jahren experimentierte er mit Samenspenden, später führte er eine Kinderwunschklinik. 2017 kam ans Licht, dass Karbaat oft sein eigenes Sperma verwendet hatte. Menschen aus ganz Europa lassen seitdem ihre DNA analysieren. 43 Erwachsene wissen, dass Jan Karbaat ihr Vater ist, und es könnten noch viel mehr sein: 200 Geschwister – das ist eine konservative Schätzung.

In den Medien wird über den Karbaat-Gerichtsprozess berichtet. Für Martijn und seine Geschwister zählt ein anderer, persönlicher Prozess: die Annäherung aneinander. Kann man nachträglich eine Familie werden? Will man das? Nur wegen ein paar gemeinsamer Gene, die zudem von einem Grössenwahnsinnigen stammen? Und dann die grosse Frage: Was macht Familie überhaupt aus?

Keine geteilte Vergangenheit

Die Abendsonne blendet. Martijn sitzt als Erster am Tisch, die Hemdsärmel hochgekrempelt, vor sich ein Pils. Über die gemeinsame Whatsapp-Gruppe «Welkom» hat er alle 24 Geschwister eingeladen, die in seinem Smartphone gespeichert sind. So macht er das alle paar Wochen oder Monate. Manche antworten selten, andere nie, aber eine Handvoll Geschwister sagt meistens zu. Nach einem Drittel Pils kommt Antje herein, Küsschen links, rechts, links. Martijn sagt, das mit dem Meer sei so eine Gemeinsamkeit, und fuchtelt wellenförmig mit den Händen. Zwar trägt sie fast jeder Mensch in sich, die Liebe zum Meer, aber wenn man noch unsicher miteinander ist, tut es gut, das Verbindende hervorzuheben. Drei Schwestern umarmen Martijn. Frederik schüttelt allen die Hand. «Haben wir Zeit für eine Vorspeise?», fragt Martijn. Frederik blickt demons­trativ auf seine silberne Digitaluhr. «Wir haben alle Zeit der Welt», sagt er, es klingt wie ein Wunsch. Denn genau das fehlt ihnen ja: gemeinsam erlebte Zeit, eine Vergan­genheit. Vielleicht lassen sich die fehlenden Jahre bei Chili-Cheese-Nachos nachholen.

2009 musste Jan Karbaat seine Klinik schliessen. Die Spenderlisten waren schlampig geführt, er hatte sich nicht mal die Mühe gemacht, Augenfarben richtig einzutragen. In Interviews soll er damit geprahlt haben, vielfacher Vater zu sein. Wurde er damit später konfrontiert, leugnete er alles: Das sei doch verrückt! Trotzdem liess er verfügen, dass seine DNA auch posthum nicht untersucht werden darf. Niemand sollte seinen Ruf zerstören.

Das älteste mit Karbaats Hilfe gezeugte Kind ist heute um die 60, das jüngste 9. Hier am Tisch sind alle in ihren Dreissigern. Antje und Sanne spielen zusammen Fussball, Sanne und Marsha trinken Wein am Küchentisch, Marsha und Martijn gehen mit ihren Töchtern raus.

Alle wollen immer Drama

Eine Sache nervt Martijn an den Journalisten: Immer zoomen sie auf das Negative an ihrer Geschichte, immer wollen sie Drama. Im April 2017 starb Jan Karbaat mit 89 Jahren. Als würde jemand einen Schritt zur Seite machen, eine Sekunde bevor ein schwerer Gegenstand vom Gerüst fällt. Einen Moment später brach Karbaats Lügengebäude in sich zusammen. Aber da konnte ihn niemand mehr für seine Taten zur Rechenschaft ziehen. Auch seine 43 Kinder nicht. 

Hätten sie nicht allen Grund, wütend auf ihn zu sein? Frederik scrollt mit dem Zeigefinger durch die Doku über sie, die das niederländische Fernsehen eben zeigte. Darin eine Schwarzweissaufnahme von Jan Karbaat. «Ich habe Karbaat noch nie richtig gesehen», sagt Frederik. Da ist er also: ihr biologischer Vater, plötzlich mit am Tisch. Jetzt stellen die Geschwister Fragen: Wie fühlt sich das an? «Ähm, schon komisch», sagt Frederik. 

Nach Karbaats Tod durchsuchte die Polizei seine Wohnung. Sie nahm eine Zahnbürste mit, ein Haarschneidegerät und Stützstrümpfe – Überbleibsel eines Rentnerlebens und letzte Beweisstücke. Ein Gericht ordnete an, dass sie aufbewahrt werden müssen. Bis heute klagen Familien, dass die DNA endlich herausgegeben werden soll. Der Entscheid steht aus, die Schuld von Karbaat ist trotzdem bewiesen: Ein anerkannter Sohn stellte seine DNA zur Verfügung. 

Im April 2017 sah Martijn in einer deutschen Talkshow eine Aufnahme des jungen Jan Karbaat und erschrak. Er erkannte sich selbst. Aus Texas bestellte er einen DNA-Test für 79 Dollar, schickte eine Speichelprobe zurück und konnte das Ergebnis online ansehen. Dieses trug Martijn in eine Datenbank ein, die ähnlich funktioniert wie die Datingplattform Tinder, nur dass man statt nach Partnern nach Verwandten sucht. Findet das System jemanden, kommt eine Nachricht: «Sie haben ein neues Match.» Bei Martijn waren es mit einem Klick ins Postfach 26 Mails und 26 Geschwister. In eine geheime Facebook-Gruppe für Spenderkinder schrieb er noch in jener Nacht: «Im Moment bin ich hauptsächlich verblüfft und sehr glücklich über so viele nette Geschwister.» 

Der Name Karbaat ist vergessen. Da ist keine Wut, kein Hass. Nicht mal Interesse. 

Am Tisch haben alle intakte Familien, Ehepartner, Kinder. Und kleine oder grosse Karrieren: Martijn besitzt ein Blumengeschäft, Sanne behauptet, im Unternehmen ihres Vaters zu arbeiten, aber eigentlich gehört es ihr zur Hälfte, Antje wurde nach zwei Wochen im Job mit der Planung eines neuen Labors beauftragt. Intelligent sind sie, selbstständig oder in Führungspositionen. Ihre Erklärung: Das liegt in unseren Genen. Was sie gemeinsam haben, das sind die Augen, die spitze Nase und die Mundpartie. «Was könnte ich im Winter in meinem Blumenladen verkaufen?», fragt Martijn. Sanne schlägt Sperma vor, weil sie weiss, dass hier alle Sperma­witze lieben. Martijn greift sachte nach ihrem Handgelenk. Er zeigt an: Wir haben diese breiten Hände und kurzen Finger. Und wir fuchteln damit herum, wenn wir reden. Sie lachen. «Die Gene halt», sagt Martijn. Wieder ein Beschwören der Gemeinsamkeiten. Der Name Karbaat ist vergessen, an diesem Abend und an diesem Tisch wird er nicht mehr fallen. Da ist keine Wut, kein Hass. Da ist nicht mal besonderes Interesse. 

Geschwister sind etwas so Selbstverständliches, dass man die Ähnlichkeiten kaum wahrnimmt. Lernt man sie aber erst später im Leben kennen, kann man gar nicht aufhören, die Gemeinsamkeiten zu sehen. Plötz­liche Geschwister sind wie ein Spiegel, in dem sich die eigene Identität zeigt. Martijn staunt und staunt darüber. Marsha sagt, wenn sie ihre Schwestern und Brüder anschaue, dann ärgere sie sich über ihre schlechten Seiten und freue sich über ihre guten. Die schlechte: eine Ehrlichkeit, so radikal, dass sie verletzen kann. Die guten: Selbstbewusstsein, Humor und Optimismus – das hilft in der 43-Geschwister-Situation.

Nach dem Hauptgang brauchen sie keine Witze mehr. Frederik erzählt, dass seine Frau zum dritten Mal schwanger ist, dass ihr der Medienrummel zu schaffen mache. Und dass seine Tochter Klassenbeste wurde. Martijn lächelt, Antje sagt: «Wow, toll.» Sie klingt ein bisschen stolz.

Sie sind alle Wunschkinder

Vielleicht sind sie alle Familienmenschen, weil sie noch etwas gemeinsam haben: Sie waren Wunschkinder. All die Eltern, die sich an Karbaat wandten, wollten unbedingt ein Baby. Aber wie erklärt man den eigenen Kindern die plötzlichen Geschwister?

Laura sagt: «Das sind meine Cousinen und Cousins.»

Frederik sagt: «Das ist Familie, die ich nicht kannte.»

Marsha sagt: «Ich habe ganz, ganz viele Geschwister und möchte alle kennen lernen.»

Was die Halbgeschwister nun füreinander sind, kann jede und jeder nur für sich selbst beantworten. Für ihre Beziehung gibt es keine Kategorien. Es liegt an ihnen. Familie werden sie, wenn sie sich dafür entscheiden. 

Am Ende dieses Abends umarmen Marsha und Martijn alle. Sie versprechen ein Wiedersehen, bald. Sie selbst wollen noch bleiben. Als alle weg sind, gehen sie zu zweit auf die Strandpromenade. Die Dämmerung bringt den Himmel zum Leuchten: das beste Licht, um etwas festzuhalten. Und wie die beiden da entlanggehen, die Schultern in selbstverständ­licher Berührung, wäre das ein perfektes Bild für die Journalisten. Aber jetzt nicht. Jetzt wollen sich Marsha und Martijn in die nächste Bar setzen. Aufs Meer schauen und über alles reden. Zwei Menschen, die vor einem Jahr auf der Strasse aneinander vorbeigegangen wären und jetzt Geschwister sind.

* Namen geändert (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.12.2018, 21:29 Uhr

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