Als die Polizei die «Spiegel»-Büros stürmte

Der Vorwurf lautete Landesverrat: Der «Spiegel» schrieb über die Möglichkeit eines sowjetischen Angriffs, über konventionelle Waffen – und die Forderung nach A-Waffen. Heute Abend läuft der Film dazu.

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Es war eine Reifeprüfung für die junge deutsche Demokratie. Auf dem Spiel stand die Pressefreiheit. Am Freitagabend des 26. Oktober 1962 besetzten Sicherheitskräfte die Büros des «Spiegels» in Hamburg und in der Hauptstadt Bonn. Helmut Schmidt, damals Innensenator, später Bundeskanzler und heute 95-jährig, machte «schwere politische Bedenken» geltend. Die Polizeiaktion liess er dennoch laufen. «Spiegel»-Gründer Rudolf Augstein und sieben seiner Mitarbeiter wurden verhaftet.

Der Vorwurf an den «Spiegel» und sein Alphatier Augstein (dargestellt von einem guten Sebastian Rudolph) lautete auf Geheimnisverrat. Dessen ebenbürtiger Gegner war Franz Josef Strauss (Francis Fulton Smith überzeugt als politischer Berserker). Der Verteidigungsminister hatte die Polizeiaktion ausgelöst, weil der «Spiegel» den Artikel «Bedingt abwehrbereit» veröffentlicht hatte. Darin berichtete das Politmagazin, dass Strauss der Ansicht sei, die Bundeswehr sei mit ihren konventionellen Waffen nicht in der Lage, einen sowjetischen Angriff auf Deutschland zu stoppen. Deshalb brauche auch Deutschland Atomwaffen – oder mindestens Zugang zu solchen. So die Haltung von Strauss.

Amerikaner auf Augsteins Seite

Das war Zündstoff, denn just während der «Spiegel»-Affäre erreichte der Kalte Krieg mit der Kubakrise seinen gefährlichen Höhepunkt: Die Sowjets hatten auf Castros Insel Atomwaffen stationiert, deren Abzug die USA nun ultimativ forderten. Im Film wird die Originalaufnahme von US-Präsident John F. Kennedy eingespielt, als er die Blockade Kubas ankündigt. Nicht gezeigt wird hingegen der US-Botschafter in Bonn, der die «Spiegel»-Affäre genau verfolgte. Seine Telegramme sind im amerikanischen Nationalarchiv in College Park bei Washington einsehbar. Demnach waren die Amerikaner ganz auf der Seite von Augstein: Hätte Westdeutschland auch nur einen beschränkten Zugang zu Atomwaffen erhalten, wäre dies für den Kreml ein Grund gewesen, den Kalten Krieg heiss werden zu lassen.

Man muss sich vergegenwärtigen: 1962 lag der Zweite Weltkrieg gerade einmal 17 Jahre zurück, vor sieben Jahren war Westdeutschland wieder bewaffnet worden, und 1961 bauten die Kommunisten die Berliner Mauer. Deutschland war also der Brennpunkt des Kalten Kriegs, und Kennedy war äusserst skeptisch gegenüber den deutschen Wünschen betreffend Atomwaffen, weil er Moskau nicht provozieren wollte.

«Spiegel»-Redaktion als Boygroup

An ein Proseminar in Zeitgeschichte erinnert der Film von Roland Suso Richter dennoch nicht. Es ist ein spannender Politthriller, der sich mit pointenreichen Dialogen und seiner modischen Ausstattung an die erfolgreiche US-Serie «Mad Men» anlehnt – die «Spiegel»-Redaktion als Boygroup, wie Augstein-Tochter Franziska in der «Süddeutschen Zeitung» schrieb. In der Filmversion ist die «Spiegel»-Affäre verkürzt auf das Duell Augstein vs. Strauss vor gut 50 Jahren. Dafür wird das, was passiert ist, auch für später Geborene verständlich.

Zumal einem vieles bekannt vorkommt, Stichworte Edward Snowden, NSA und «Guardian». Auch die britische Zeitung machte nahe Bekanntschaft mit der Polizei, als die Vertreter der Regierung Festplatten zertrümmerten, auf denen angeblich geheimes Material von Whistleblower Snowden gespeichert war. Der Unterschied ist der, dass es heute um ein globales Überwachungssystem geht und nicht nur um eine junge Demokratie und ihr «Sturmgeschütz», den «Spiegel».

Schmidt als Schlüsselfigur

Das war jedoch genug, insbesondere, weil die deutsche Pressefreiheit noch nicht einmal volljährig war. Doch die Bundesrepublik bestand den Test: Augstein und seine Boygroup wurden aus dem Gefängnis entlassen, und das deutsche Bundesgericht wies später alle Vorwürfe gegen den «Spiegel» zurück, da keine Beweise für einen wissentlichen Verrat vorlägen. Verteidigungsminister Strauss musste zurücktreten; seine Karriere war jedoch nur unterbrochen. Er kehrte als deutscher Finanzminister und Ministerpräsident von Bayern zurück.

Einer der wenigen noch lebenden Protagonisten von damals ist Helmut Schmidt. Als Innensenator hatte er verhindert, dass eine Pro-Augstein-Demonstration in Hamburg eskalierte. Schmidt setzte sich in ein Polizeiauto und bat die Menge via Lautsprecher, in den grossen Hörsaal der Universität zu gehen. Dort habe er dann zwei Stunden lang friedlich mit den jungen Leuten diskutiert, wie er vor drei Jahren dem «Spiegel» berichtete. Für ihn ist klar, dass die «Spiegel»-Affäre eine der wichtigen politischen Wegmarken in der Geschichte der Bundesrepublik war.

Erstellt: 07.05.2014, 12:30 Uhr

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Vorschau: «Die Spiegel-Affäre» läuft heute Mittwoch um 20.15 bei ARD.

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Der Politthriller läuft am Mittwochabend um 20.15 Uhr auf ARD.

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