Analyse

Altstars und Ängstlichkeit

Seit Anfang Jahr 2011 ist der neue SRF-Direktor Ruedi Matter im Amt und hegt ambitionierte Ziele. Was hat er erreicht? Tagesanzeiger.ch/Newsnet zieht Bilanz, Sendung für Sendung.

Hochgesteckte Ziele, tiefe Quote: Der neue SRF-Direktor Ruedi Matter.

Hochgesteckte Ziele, tiefe Quote: Der neue SRF-Direktor Ruedi Matter.

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Seit Anfang 2011 ist Ruedi Matter als neuer Superdirektor bei SRF im Amt. Gleich zu Beginn kündigte er an, welche inhaltlichen Ziele er in Bezug auf das Programm des Schweizer Fernsehens verfolgt: mehr Relevanz, mehr Kultur, mehr Mitteparteien in der «Arena». Nun sind mit der neuen Sendestruktur nach der Sommerpause sowie neuen Gefässen auch schon die ersten Massnahmen umgesetzt, um diese Ziele zu erreichen. Zeit also, eine erste Bilanz zu ziehen: Wie kommen die neuen Sendungen an? Welche Veränderungen überzeugen, welche nicht? Greifen die neuen Sendeplätze? Nachfolgend die Analysen der einzelnen Sendungen sowie ein Fazit.

«Schawinski»: Gross war die Aufregung, als Matter seinen neuen Talkhost vorstellte. Die Premiere von «Schawinski» war weniger erfreulich: Roger Schawinski wirkte nervös, es hagelte Kritik. Die zweite Sendung klappte besser, auch der Marktanteil konnte von 18 Prozent auf 19 Prozent gesteigert werden – für den späten Sendeplatz ein beachtliches Resultat.

«Grüezi Deutschland»: Wie ticken die Deutschen? Dieser Frage ging Frank Baumann in einer fünfteiligen Serie nach. Herausgefunden hat er trotz Mini-Gesprächen mit Angela Merkel oder Hans-Dietrich Genscher nicht viel. Wir hingegen schon: Frank Baumann ist seit «Ventil» einfach nicht mehr richtig lustig. Und bissig schon gar nicht. Die Sendung musste denn auch viel Prügel einstecken.

«Ab in die Küche»: Die neue Kochsendung auf SF sollte das erfolgreiche, aber in die Jahre gekommene «Al dente» ersetzen. Doch die ambitionierte Mischung aus «Pleiten, Pech und Pannen», Comedy und Psychologiestunde vermochte die Zuschauer nicht zu überzeugen und wurde von SF schon nach der ersten Staffel abgesetzt. Vielleicht lag es ja daran, dass SF-Allzweckwaffe Sven Epiney nicht mehr moderierte?

«Arena»: Manche Sendungen muss man nicht neu erfinden, aber von Zeit zu Zeit steht eine Renovation an. Für Matter war eine solche bei der Politrunde «Arena» angesagt. Er hatte genug von der lauten Konfrontation zwischen links und rechts, also zwischen SP und SVP. Die sei sachlich nicht mehr gerechtfertigt, sagte Matter in einem Interview. Stattdessen sollen die «Mitteparteien in angemessener Weise zur Sprache kommen».

So plätscherte die Sendung in den letzten Wochen und Monaten vor sich hin. Und welche «Arena»-Ausgabe warf die grössten Wellen? Ausgerechnet das Duell zwischen Daniel Jositsch und Christoph Mörgeli, zwischen zwei eloquenten Exponenten von SP und SVP. So unbarmherzig sind eben die Reaktionen: Sobald in der «Arena» gepoltert wird, geht ein Aufschrei durch die Menge, wenn aber sachlicher und leiser diskutiert wird, kräht kein Hahn danach.

«Kulturplatz»: Veränderung gab es auch beim «Kulturplatz»: Die kulturelle Wochenschau des Schweizer Fernsehens wurde gestutzt und gleichzeitig neu aufgemotzt. Neu dauert die Sendung rund eine Viertelstunde weniger lang und kommt jedes Mal von einem anderen Schauplatz. Was nach einem schlankeren Programm klingt, kommt aber überladen daher. Das hat weniger mit den nach wie vor qualitativ hochstehenden Einzelbeiträgen zu tun, als vielmehr mit der Moderation dazwischen, die mit der wieder eingesetzten Eva Wannenmacher zu einer eigentlichen Showeinlage wurde.

Dick aufgetragen wirkt das Ganze, aber schliesslich wollten die Verantwortlichen dem «Kulturplatz» auch mehr Gewicht geben. Das zeigten sie aber überzeugender mit der Verschiebung der Sendung: Neu kommt sie nämlich am Mittwochabend gleich nach «10vor10» um 22.20 Uhr und nicht mehr erst um 23 Uhr. «Mit der Umstellung auf diesen prominenten Sendeplatz können wir die Positionierung der Kultur deutlich stärken», sagte Hansruedi Schoch, Leiter Programme SRF, anlässlich der Präsentation der neuen Sendestruktur. Gewiss eine Verbesserung, die dazu führen kann, dass der «Kulturplatz» von mehr Menschen besucht wird.

«Giacobbo/Müller»: Genau den umgekehrten Weg zum «Kulturplatz» geht «Giacobbo/Müller»: Die Sendung wurde am Sonntag nach hinten verschoben. Zwischen «Tatort» und dem wöchentlichen Satireprogramm läuft nun neu der «Reporter». Kein Problem, meinen die Verantwortlichen. Schoch sieht sogar Vorteile: «Vom Zuschauerprofil her passt ‹Reporter› besser zu ‹Giacobbo/Müller› als der ‹Tatort›.» Fraglich bleibt allerdings, ob die Zuschauer nun regelmässig bis 22.15 Uhr warten mögen, bis sie ihre Lach-Packung bekommen. Schliesslich ist es Sonntagabend, und die meisten müssen am Montagmorgen wieder fit im Büro stehen.

Fazit:

Das Schweizer Fernsehen tut sich mit Erneuerungen schwer und fällt mit solchen meistens auf die Nase. Dies kann man einer vernachlässigten Nachwuchsförderung ankreiden; statt neue Leute aufzubauen, setzt man bei Schlüsselpositionen auf altbekannte Gesichter. Schawinksi, Wannenmacher und Christine Maier (die vom «Club» zu «10vor10» wechselte) belegen dies. Zur ängstlichen Programmpolitik passt auch die «Tatort»-Affäre, die sich unter der Ära Matter ereignete: Die Schweizer Folge der Krimiserie wurde unter dem Vorwand mangelnder Spannung, Humor und Qualität zurückgezogen. Später kam heraus, dass man bloss einen klischierten Rechtspopulisten herausgeschnitten hatte. Die Frage steht seither im Raum: Hatte Matter Angst vor der SVP?

Im Zusammenhang mit Innovationsschwäche ist auch Beni Thurnheer zu nennen, der nun seit fast 20 Jahren «Benissimo» moderiert. Wer und was kommt nach ihm? Überhaupt die Samstagabend-Unterhaltung: «Wetten dass...?» wird in Zukunft nicht mehr übertragen, auch die Mister-Schweiz-Wahlen nicht. Auch das Konzept der Miss-Schweiz-Wahlen soll im Herbst überdacht werden. Und Castingshows wie «Die grössten Schweizer Talente» dürften auf die Dauer ausgereizt sein.

Das zeigt sich auch bei den Zuschauerzahlen: Seit April dieses Jahres ist der monatliche Marktanteil von SF unter 30 Prozent gesunken. Das scheint die Verantwortlichen nicht weiter zu beunruhigen, sagte Ruedi Matter doch zu Beginn seiner Amtszeit: «Wenn die Quote leicht sinkt, können wir das verkraften.» Eine gewagte Aussage. Zu verkraften ist eine tiefere Quote allerdings nur, wenn die Qualität des öffentlich-rechtlichen Senders steigt. Wenn sich das Publikum aber nur abwendet, weil das Programm schlechter geworden ist, dann hat das Schweizer Fernsehen ein Problem.

Was halten Sie von der neuen Sendestruktur und den neuen Sendungen bei SRF? Meinungen bitte unten eintragen.

Erstellt: 31.08.2011, 12:40 Uhr

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