Interview

«Bauchentscheide verursachen auch mal Bauchschmerzen»

Eva Wannenmacher ist bekannt für überraschende Jobwechsel. Im Interview spricht sie über gewagte Entscheide und sagt, warum sie bei der neuen Langstrassen-Doku manchmal lieber weggeschaut hätte.

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Die einen machen einen Bogen um die Langstrasse, andere sind völlig fasziniert, wieder andere reizt es, sie sind aber dennoch froh, wenn sie das Quartier wieder verlassen haben. Und Sie?
Ich bin eine, die gerne schaut was läuft. Diese Neugier lässt sich an der Langstrasse wunderbar stillen. An jeder Hausecke spielt sich irgendeine Geschichte ab – das ist das beste Theater, das man sich vorstellen kann. Es ist jedoch ein zweischneidiges Schwert. Ich habe mich in der Rolle als Reporterin zwar sehr wohl gefühlt, aber als wir mit der Polizei unterwegs waren, gab es auch erschütternde Situationen, die man dann wie Voyeure miterlebt. Da hätte ich manchmal, aus Respekt vor den Betroffenen, lieber weggeschaut.

Wie lange hat das Langstrassen-Projekt gedauert?
Wir haben im Mai, Juni und Juli gedreht und waren praktisch täglich dort. Unsere Büros lagen an der Dienerstrasse, ein Steinwurf von der Langstrasse entfernt. Ich wohne selber auch in der Stadt Zürich, aber die Langstrasse ist eine völlig andere, unglaubliche Welt.

Würden Sie an der Langstrasse wohnen wollen?
Ich fände es durchaus eine spannende Option, denn ich hab mich schon etwas in die Langstrasse verliebt. Aber mit drei Kindern nahe dieser Vergnügungsmeile zu wohnen, wäre sicher ziemlich anstrengend. Trotzdem, möglich ist es. Wir haben eine Familie portraitiert, die dort lebt. Allerdings leidet diese unter einem Innenhof, wo es praktisch jedes Wochenende zu ernsthaften Gewaltsdelikten kommt. Es gibt aber auch im Kreis 4 idyllische und kindergerechte Oasen. A propos Wohnraum: Wir waren auch mit der Architektin Vera Gloor unterwegs, die ehemalige Stripclubs wie das St. Pauli in Gastrolokale, Clusterwohnungen oder WGs umbaut. Ihre Projekte finde ich sehr interessant.

Finden Sie es gut, dass die Langstrasse sich verändert oder sollte sie so eigenwillig bleiben, wie sie ist?
Für mich braucht es keine Stripschuppen, und ich habe daher nichts dagegen, wenn diese umfunktioniert werden. Abgesehen davon, das haben wir an der Langstrasse gelernt, sind die besten Zeiten für die Cabarets vorbei. Der Kunde geht dahin, wo er genau weiss, was er bekommt. Das ist im Bordell einfacher. Die Debatte um die Entwicklung der Langstrasse ist jedoch sehr heikel. Ich finde es nicht erstrebenswert, dass die so genannte Latte-Macchiato-Fraktion über den Kreis 4 hereinbricht und die kleinen Handwerksläden verdrängt werden. Auf der anderen Seite kann man die Zeit nicht aufhalten. Der Kreis 4 ist kein Ballenberg.

Wie kamen Sie zum Job als Langstrassen-Reporterin?
Ich hatte ja im Januar meinen «Kulturplatz»-Job gekündigt, weil ich als Journalistin wieder raus ins Geschehen und nicht nur im sterilen Studio stehen wollte. Die Dok-Serie war genau das, was ich gesucht hatte: als Reporterin Geschichten erleben, ohne Schminke und Styling. Dass die Reporterstelle frei war, war ein sehr glücklicher Zufall. Und noch toller ist es, dass man mich in den Sommerferien angerufen und mir gesagt hat, dass der neue Kulturplatz auch rausgeht an die frische Luft und dass man mich als Moderatorin möchte. So wurde der alte Job zum neuen Traumjob.

Treffen Sie Entscheidungen aus dem Bauch heraus?
Ja, sehr. Sicher denke ich über die Dinge nach. Aber ich halte wenig von rein pragmatischen Entscheiden. Eine Rückkehr zu Kulturplatz nach der Mutterschaftspause wäre ein rein pragmatischer Entscheid gewesen. Der Abschied ist mir alles andere als leicht gefallen. Wenn man jedoch spürt, dass die Leidenschaft fehlt, finde ich es problematisch, eine Sache trotzdem durchzuziehen. Diese Maxime ist nicht immer alltagstauglich, aber tendenziell stimmt sie für mich. Dass ich nun wieder beim «Kulturplatz» sein darf, mit einem neuen Konzept, das mir entspricht und dem sehr tollen alten Team, ist ein grosses Glück für mich.

Gehen Sie gerne Risiken ein?
Ich habe immer wieder gewagte Entscheide gefällt zugunsten von Dingen, die mir wirklich Freude bereiten oder die ich ausprobieren wollte. Allerdings war das nicht immer der einfachere Weg. Bauchentscheide verursachen auch mal Bauchschmerzen.

Ihr Karriereweg schaut entsprechend unlinear aus: Von Tele Züri als Moderatorin zu «10vor10», dann «Big Brother» auf TV3, «Kulturzeit» auf 3sat und mit «Kulturplatz» und jetzt als Langstrassen-Reporterin wieder zurück zum Schweizer Fernsehen.
TV3 sehe ich als einzige Ausnahme, ansonsten gibt es durchaus eine Linie. «10vor10» und «Kulturzeit» waren vom Arbeitsablauf her sehr ähnlich und mit viel Adrenalin verbunden, weil beide live und täglich neu sind; «Kulturplatz» und «Kulturzeit» haben eine ähnliche Thematik. Aber klar, das TV3-Experiment war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, da ich mit Unterhaltung einfach nichts anfangen kann. Aber das musste ich damals ausprobieren, um es dann zu wissen.

Haben Sie den Schritt bereut?
Nein, ich würde die Erfahrung nicht missen wollen, obwohl ich damals einen Nasenstüber kassiert habe. Jeder soll doch Dinge ausprobieren dürfen. Bei Medienleuten wie mir kann halt die Öffentlichkeit dabei zuschauen.

Was, wenn das Angebot als Moderatorin für den neuen «Kulturplatz» nicht gekommen wäre? Ich hätte mir durchaus vorstellen können, etwas anderes zu machen und hatte meine Fühler schon während des Langstrassendrehs in eine andere Richtung ausgestreckt.

Wohin?
Es handelte sich um ein spannendes Projekt im Printbereich. Allerdings habe mich jetzt sehr gerne vom neuen Kulturplatz überzeugen lassen. Das Konzept verspricht einen aufregenden neuen Job. Auf dieses Abenteuer, gemischt mit der Freude darüber, wieder mit vertrauten Kollegen zusammenzuarbeiten, freue ich mich sehr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.08.2011, 09:49 Uhr

Reporter an der Langstrasse

Ab 26. August begeben sich SF-Reporter in den Lebensraum der Zürcher Langstrasse, wo Kriminalität und Kinderkrippen, Kunst und Kommerz, Milieu und Menschlichkeit auf engem Raum aufeinandertreffen. Eva Wannenmacher ist eine der Protagonistinnen dieser Serie. Sie ist mit ihrem Kamerateam unterwegs und wirft in jeder Folge einen speziellen, subjektiven Blick hinter die Kulissen des berühmt-berüchtigten Langstrassen-Quartiers.

Neuer Kulturplatz

Die Sendung «Kulturplatz» startet nach der Sommerpause mit einem neuen Konzept und ist jeweils am Mittwoch nach «10vor10» zu sehen. Wie gewohnt wird über wichtige Kulturereignisse, Trends und Hintergründe des Kulturbetriebs berichtet. Neu ist, dass die Moderation nicht mehr im Studio stattfindet, sondern jeweils an einem anderen Schausplatz kulturellen Schaffens. Eva Wannenmacher wird die Sendung moderieren.

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