TV-Kritik

Burn-out in der Luzerner Mitte

Der neue Flückiger-«Tatort» schien nicht von der Stelle zu kommen. Erlösung brachte ein Geistheiler.

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Der Geistheiler sieht aus wie der perfekte Schwiegermuttertraum (Grégoire Gros), der Kommissar wie ein angejahrter Schwiegermuttertraum und der temporär verdächtige Teenager wie ein Schwiegermuttertraum in spe. Ja, der gesamte neue Luzerner «Tatort» «Zwischen zwei Welten» ist wie aus einem einzigen lauen Guss; einem Guss aus Klischees. Dabei haben die Drehbuchautoren Eveline Stähelin und Josy Meier durchaus reizvolle Konstellationen gebaut. Da gibts die alleinerziehende Mutter Donna mit drei Kindern von drei Vätern und einen Ex-Mann-Verein, der für Väterrechte streitet; da gibts Esoterik-Jünger und Alltags-Atheisten; den melancholisch angekränkelten, Midlife-kriselnden Kommissar Flückiger (Stefan Gubser) und wuterfüllte Jugendliche, die meinen, ihr Leben sei vorbei.

«Zwischen zwei Welten» findet quasi in der Mitte der Gesellschaft statt, weder bei den Superreichen noch am dunklen Rand. Dieser Blick auf die Mitte könnte ein Plus sein, wenn nicht der Rest auch so mittig, so durchschnittlich wäre: die Figuren, die Dialoge und diese halbartistisch aufgerüschte nervöse Kameraführung, die auch mit ihrer gelegentlichen Wisch-und-Wackel-Ästhetik nicht die Längen des Films wegretouchieren kann (Regie: Michael Schaerer). So sind etwa die Ex-Männer fies, aber nicht total fies; sie terrorisieren die Ex-Frauen, aber sie sind halt auch verzweifelt. Immerhin: Sie suchen den Kontakt zu ihren Kindern, was man von den andern Vätern in dieser Folge nicht behaupten kann. Vielleicht ist der Mörder der schönen, jedoch irgendwie gestörten Donna (Elena Bernasconi, die schicke Moderatorin bei Radio 24) ja darum eher der Vater ihrer Jüngsten, von dem sie die komplette Auszahlung der Alimente erpressen wollte? Jetzt liegt das Mami auf der Totenbahre, und die Kinder stehen verloren drumherum.

Am andern Ende dieses freudianisch angelegten Spektrums, wo es von versagenden Eltern und traurigen Kinderaugen nur so wimmelt, steht Flückiger. Der Kinderlose gesteht seiner Kollegin Liz mit einem merkwürdig vermurksten Lächeln – als habe er gerade aus Versehen ein Glas Wein ausgeleert –, dass er einst seine Freundin zur Abtreibung überredete. Aber weil Liz (Delia Mayer) die ganze Folge lang nur streng und ernst schauen darf, schaut sie auch da bloss streng und ernst. Überhaupt ist alles trist; und auch ein wenig tranig. Selbst der erboste Boss Flückigers – unser sonst hochgeschätzter Jean-Pierre Cornu – scheint unengagiert nur nach Vorschrift zu meckern. Kein Wunder, dass bei so viel Burn-out der Geistheiler ein echtes Wunder wirken muss. Ohne ihn hätte es nämlich noch ein totes Kind gegeben. So bleibts bei einem toten «Tatort».

Erstellt: 22.04.2014, 08:25 Uhr

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