Nachruf

Ciao, ciao, Teleboy

Kurt Felix vertrat eine heile Welt: In seinen stets anständigen Erfolgssendungen ebenso wie im privaten Glück.

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Als Paola 60 wurde, sagte sie: «Wenn jetzt eine Fee käme und mich fragen würde, was ich im nächsten Leben werden möchte, so würde ich sagen: Noch einmal die Frau von Kurt Felix.» Das war 2010. «Zwischen uns muss heile Welt sein, für mich ist dieses Wort nicht negativ besetzt», sagte Kurt Felix 2011 über ihre Ehe, und dass Streit unmöglich sei: «Immer, wenn etwas aufkommt, wenn ein Groll kommt, schaut sie mich mit ihren schönen Augen traurig an.» 2011 feierte Kurt Felix seinen 70. Geburtstag, wie immer im kleinen Kreis mit Käsefondue und Fendant: «Alle tunken ihre Gabeln in die gleiche Käsesuppe, das gibt ein Gefühl von Zusammengehörigkeit.»

Die heile Welt von Kurt Felix und Paola, die war authentisch, die war seit ihrer Hochzeit am 13. September 1980 auf dem Bürgenstock die ganze Wahrheit, es gab da keinen Abgrund dahinter; viele haben versucht, die beiden zu entlarven, und standen am Ende ein bisschen fassungslos vor dem grösstmöglichen Glück, dem gelebten Heftchenroman, der echten, grossen Liebe. Sei das der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre, der die beiden 2002 für die «Weltwoche» besuchte und eine freche, aber am Ende gescheiterte Reportage schrieb, sei es der Dokumentarfilmer Eric Bergkraut, der 2011, nach seinem Dokumentarfilm «Felix & Felix – Durch den Herbst mit Kurt und Paola» gestehen musste: «Den Abgrund des Kurt Felix habe ich nicht gefunden, trotz vieler Anläufe.»

Party zur Frühpensionierung

Zum 70. von Kurt Felix hatten sich die Eheleute Elektrovelos gekauft und wollten zusammen die Schweiz durchqueren: «Von Nord nach Süd, von West nach Ost, und danach noch von Basel nach Amsterdam, alles den Rhein entlang.» Jetzt hat seine Krankheit die Pläne zunichtegemacht. Am vergangenen Mittwoch ist Kurt Felix im Kantonsspital St. Gallen seinem jahrelangen Krebsleiden erlegen, am Samstagmorgen wurde er bestattet, erst danach wurde die Öffentlichkeit informiert. Er und Paola hatten auch diesen letzten Abschied präzis geplant.

Schon einmal war Kurt Felix abgetreten von der ganz grossen Showbühne, 1991 nämlich, als er zum letzten Mal fürs Schweizer Fernsehen die SamstagabendSendung «Supertreffer» moderierte. Bereits ein Jahr zuvor hatte er «Verstehen Sie Spass?» auf ARD an seinen Kollegen und Freund Frank Elstner abgegeben, und jetzt, 1991, gönnte er sich zu seinem 50. Geburtstag die Frühpensionierung. Er engagierte Pepe Lienhard als Festmusiker, zu seinen Gästen gehörten Udo Jürgens und Vico Torriani; er leistete sich noch einmal eine Party, wie es sich für einen Superstar wie ihn gehörte.

Danach zogen er und Paola sich zurück. Gelegentlich traten sie noch als Gäste in Fernsehshows wie «Wetten, dass . . .?» auf, aber etwas Eigenes wie das gemeinsam moderierte «Verstehen Sie Spass?» (1980–1990) nahmen sie nicht mehr in Angriff. Sie genossen das Leben und einander, und wer sie einmal zusammen gesehen hat, der war verzaubert von diesem gegen aussen hin leicht scheuen Kokon aus ewig jungem Glück, der die beiden umgab. 2006 wurden sie von den deutschen Fernsehzuschauern zum «Traumpaar des Jahres» gewählt, sie sangen zum Dank gemeinsam Paolas Hit «Blue Bayou», ein Lied über den Rückzug in eine paradiesische Natur und die grösste Liebe der Welt.

Rechtzeitiger hätte sich Kurt Felix nicht vom Fernsehmachen zurückziehen können. Seine Sendekonzepte, die er seit Ende der 1960er erst fürs Schweizer Fernsehen, dann für die ARD entwickelt und umgesetzt hatte, hätten sich in der zynischen Welt des Reality-TVs und der Castingshows wahrscheinlich nur noch als nostalgische Raritäten und nicht mehr als die überwältigenden Quotenhits halten können. «Die versteckte Kamera war immer Situationskomik, nie Schadenfreude», sagte Kurt Felix 2011 über seinen grössten Geniestreich, nämlich den, Menschen, die sich unbeobachtet glauben, hinters Licht zu führen. Er war der Erste, der erlickte, dass sich mit dieser ursprünglich holländischen Erfindung eine ganze Abendunterhaltung füllen lässt, viele haben es ihm seither gleichgetan; eins der jüngeren Imitationsformate von «Verstehen Sie Spass?» ist etwa «Punk’d» auf MTV Amerika, mit Ashton Kutcher anstelle von Kurt Felix.

Leidenschaft für die Eisenbahn

Doch wo die Nachfolgegenerationen immer böser und sarkastischer wurden, wollte Kurt Felix anständig bleiben. Journalisten «aus der ungewaschenen Szene» etwa waren ihm zuerst einmal suspekt, doch auch wenn er zunehmend konservativ wurde und Christoph Blocher zu seinen engsten Freunden zählte, konnte er sich auch offen für ein paar Junge, Unangepasste begeistern. Er war ein Fan von Mona Vetsch, die er für ein «Moderationskunstwerk auf zwei Beinen» hielt, und eben von Benjamin von Stuckrad-Barre, dem er die rechtmässige und erfolgreiche Nachfolge von Harald Schmidt prophezeite.

Kurt Felix nutzte die Gelegenheit, als Fernsehkolumnist in der «Schweizer Illustrierten» alles zwischen «Meteo», «Musicstar» und «Delikatessen» gnadenlos zu zerreissen und ganz selten einmal zu loben. Mangelndes Engagement konnte man ihm nie vorwerfen; aus lauter Neugier etwa besuchte er 2002 für seine Kolumne die Calvados-Bar am Idaplatz im Zürcher Kreis 3, weil er wissen wollte, wie die Quartierbeiz aus «Lüthi & Blanc» in Wirklichkeit aussieht.

Die Verhältnisse, aus denen sich Kurt Felix emporgearbeitet hatte, hätten durchaus ins schicksalsgebeutelte Calvados-Bar-Milieu gepasst: Zur Welt kam er am 27. März 1941 in Wil, St. Gallen, der Vater betrieb eine Musikschule; als Kurt 13 war, liessen sich seine Eltern scheiden. Er bewahrte seine Mutter davor, ins Wasser zu gehen, wurde zu den Grosseltern nach Wigoltingen geschickt, wo er jedoch bald wieder ausriss, seine Habseligkeiten auf einen Leiterwagen packte, damit die 17 Kilometer nach Wil zurückmarschierte und sich in seine alte Klasse setzte. Er fand eine Pflegefamilie in Wil, der Pflegevater arbeitete im Elektrizitätswerk und war ein überzeugter Kommunist, was später zwischen ihm und seinem Ziehsohn zu vielen freundschaftlichen Diskussionen führte.

Kurt Felix wurde Lehrer und lernte, wie man schwierige Stoffe einfach vermittelt. Parallel dazu arbeitete er als Radio- und Fernsehjournalist; schon als Kind hatte er versucht, selbst gesprochene Hörspiele und Fussballkommentare aufzunehmen – es war dies neben allem, was mit Eisenbahnen zu tun hatte, sein grösstes Hobby. Für seinen Sohn Daniel aus erster Ehe, der heute Sendeleiter beim Schweizer Fernsehen ist und die Liebe zur Eisenbahn mit seinem Vater teilte, erstellte er gar exakte Fahrpläne für den Tagesablauf. Und sein Lieblingsfilm blieb ein selbst gedrehtes, vierstündiges, ungeschnittenes Video aus dem Führerstand des Trans-EuropExpress von Zürich nach Chiasso. 50-, 60-mal habe er den Film bereits gesehen, verriet er Eric Bergkraut.

Maskottchen der Nation

1968 kreierte und moderierte er den ersten grossen Publikumshit des Schweizer Fernsehens, die Jass-Sendung «StöckWys-Stich», die bis heute als «SamschtigJass» überlebt hat. 1969 folgte gemeinsam mit der feschen Rosemarie Pfluger «Grüezi mitenand», eine Co-Produktion mit dem Schweizer Heimatschutz. 1974 bis 1981 schliesslich wackelte der «Teleboy» hin und her, samt Stephanie Glaser mit Goldfisch Traugottli, dem Pepe-Lienhard-Orchester, Kliby und Caroline, Ursula Schäppi und dem Trio Eugster, das «Hoi, hoi, Teleboy» sang. Ehepaare kämpften da in Contests gegeneinander, etwa in der Frage, wie man sich richtig verhält, wenn das Frittieröl der Pommes frites Feuer fängt, und die versteckte Kamera filmte einen Schauspieler dabei, wie er ahnungslosen Schweizern in der Beiz sein Gipfeli in ihren Kaffee tünkelte.

In der ersten Sendung erklärte ein tadellos schlanker Kurt Felix den Teleboy, diese kuriose Mischung aus Stehaufmännchen und Sparsäuli, so: «Er trägt eine Art Sennenkäppli, aber anstelle des Schweizer Kreuzes hat er ein TV-Signet. Er trägt auch einen Mittelscheitel, ist also weder rechts- noch linkslastig. Sein dicker Bauch ist ein Symbol von Zufriedenheit.» Man könnte sagen, mit diesem politisch neutralen, rundbäuchigen Männchen, dessen Heimat der Fernseher ist, hat uns der schlaue Kurt Felix den fernsehsüchtigen Couch-Potato schlechthin als Maskottchen der Nation vor die Nase gesetzt.

Er selbst habe immer nur Sendungen gemacht, die er selbst auch gerne gesehen hätte, sagte er oft. Und er traf damit perfekt den Geschmack der grossen Massen, die an Samstagabenden unterhalten sein wollten. Bis zu 2,7 Millionen Zuschauer sahen den «Teleboy», bis zu 23 Millionen «Verstehen Sie Spass?». Das hat ihm niemand vorgemacht. Nachmachen wird es ihm, jedenfalls in der Schweiz, ziemlich sicher auch keiner. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2012, 07:42 Uhr

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Ein Klassiker: Die «Versteckte Kamera» mit der versteckten Fernsteuerung. (Quelle: Youtube.)

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