«Club»-Kritik: Junge Lehrer vor dem Burn-out

Aggressive Schüler, wachsende Bürokratie und wenig Lohn. Viele junge Lehrer seien am Anschlag und wechseln die Branche. Die gestrige «Club»-Sendung fragte: «Gehen der Schweiz die Lehrer aus?»

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Viele junge Lehrer hätten offenbar Mühe abzuschalten. Sie seien hochmotiviert. «Sie wollen es zu gut machen und brennen aus», so der Direktor der Pädagogischen Hochschule Zürich, Walter Bircher. Laut ihm sind die jungen Lehrer fast zu pflichtbewusst und die Fehlertoleranz heute klein. Jeder Entscheid sei rekursfähig und die Eltern seien anspruchsvoll.

«Es werden laufend neue Aufgaben an die Schule delegiert», war sich auch Beat Zemp, Zentralpräsident der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer, sicher. «Es wird immer so sein, dass es genügend Lehrer hat», schliesslich sei das in der Schweiz gesetzlich vorgeschrieben. Die Frage sei eher, ob die unterrichtenden Lehrkräfte genügend ausgebildet seien.

Die Quereinsteigerin

Trotzdem: Die Bildungsdirektoren Zürichs, Berns, des Aargaus, beider Basel und Solothurns haben ein Massnahmenpaket gegen den Lehrermangel geschnürt. Unter anderem soll mit «Schnellbleichen» der Beruf für Quereinsteiger attraktiver gemacht werden. Zemp betonte, diese seien «keine Notlösungen». Sie würden in ausführliche Eignungsprüfungen rekrutiert.

«Es ist nicht immer super», befand Silvia Meyer, selbst Quereinsteigerin. Die gelernte medizinische Praxisassistentin hat die Erfahrung gemacht, dass länger ausgebildete Lehrer und Quereinsteiger oft nicht dieselbe «Philosophie» teilen. «Sie denken anders und handeln anders.» Ihre vorherige Berufserfahrung sei oft von Vorteil «Ich nehme alles etwas gelassener.» Gerade Meyers Beispiel zeigt, dass die Probleme offenbar doch nicht überall so gross sind. Sie arbeitet in Mutschellen, ihrer Schule geht es finanziell gut, schwierige Schüler sind selten.

Lehrerkonferenz im Fernsehen

Die Runde war bestens informiert, alle Gäste waren schon mal im Lehrerberuf tätig. Die Gesprächsbasis war also vorhanden. Doch manchmal wähnte man sich eher an einer Lehrerkonferenz denn in einer TV-Diskussion. Die Teilnehmer waren sich in den meisten Punkten einig. Gerne hätte man jemand in der Runde gehabt, der den Job an den Nagel gehängt hat und an den angeblich so schweren Arbeitsbedingungen gescheitert ist. Oder ein erzürnter Elternteil, der über den Alltagsfrust berichtet hätte.

Der Bieler Reallehrer Alain Pichard zeigte sich am angriffigsten in der Runde. Er prangerte die grassierende «Reformitis» und die «bürokratischen Verhältnisse» an. Für ihn sei der Lehrerberuf in den letzten Jahren unattraktiver geworden. Die Einstiegslöhne seien gesenkt, der Beamtenstatus abgeschafft worden. Die Bildungsbürokratie habe dabei das Arbeitsproblem vergessen. Gutes Lehrpersonal sei essenziell. Auch die brävste Klasse könne kippen, wenn das nicht gewährleistet sei. An seiner Schule hätten die Schulleiter schon seit Jahren Mühe Leute zu rekrutieren.

«Die Lehrer dürfen den Mund nicht mehr aufmachen»

Laut Pichard kommt es vermehrt zu einer Hierarchisierung in der Schule: «Die Lehrer dürfen den Mund nicht mehr aufmachen.» Dem widersprach Urs Wüthrich, Bildungsdirektor SP/BL, in seinen Voten. Nach seiner Einschätzung gäbe es kaum eine Branche, in der die Leute mehr mitwirken können. Und auch Meyer sagte: «Bei uns im Kollegium finden hitzige Diskussionen statt.» Der Lehrermangel sei ein rein strukturelles Problem.

Erstellt: 18.08.2010, 10:47 Uhr

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