«Dann begann ich an Habermas zu zweifeln»

Der grosse Sprung des Stephan Klapproth: Ab Sonntag moderiert der frühere «10 vor 10»-Moderator «Sternstunde Philosophie». Er fühlt sich der Aufgabe gewachsen.

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Ein Gedankenspiel: Ein Terrorist kidnappt ein Flugzeug der Swiss, 200 Passagiere sitzen darin. Der Terrorist fliegt direkt auf das Letzigrundstadion zu, wo gerade Gölä vor 40'000 Zuschauern auftritt. Sollen die aufgestiegenen F/A 18 das Flugzeug abschiessen?
Ja, auch wenns ein menschlich unzumutbares Dilemma wäre. Von der Ratio her gilt hier der utilitaristische Leitspruch des grösstmöglichen Glücks der grösstmöglichen Zahl. Wobei die Entscheidung emotional schwieriger wird, je mehr man über die Menschen im Flugzeug weiss.

Wie kann uns Philosophie bei der Beantwortung solcher Fragen helfen?
«Philosophie ist das Mikroskop des Denkens», lautet ein Bonmot von Victor Hugo, dem ich herzhaft zustimme. Es schadet nie, wenn Entscheidungsträger, Politiker und Befehlshaber ihre Handlungsoptionen frühzeitig scharf durchdenken. Was nicht heisst, dass der kühl-intellektuelle Rechner zwingend der bessere Entscheider ist. Mitunter führt Lebensweisheit weiter. Ernst Blochs «Naturrecht und menschliche Würde» beginnt mit dem Satz: «Einer hat es in sich. Er meint zu spüren, was recht ist.»

Welche Bücher liegen derzeit auf Ihrem Nachttisch?
Ich lese Peter Sloterdijks «Kritik der zynischen Vernunft» nach Jahrzehnten zum zweiten Mal. Ich kenne bis heute keine bessere Betrachtung zum Zynismus der Medien als Sloterdijks Analyse, wie das pausenlose Flimmern von Wichtigem und Unwichtigem durch eine ungeheure Gleichzeitigkeit zur Gleichgültigkeit führt. Daneben liegt auf dem Nachttisch ein neuerer Artikel über Willard Van Orman Quine, den amerikanischen Sprachphilosophen, für den ich als Student einst meine geliebte Frankfurter Schule liegen liess. Das Paper hat mich verblüfft mit der Herleitung, dass eine der quineschen Philosophie vergleichbare – und nach der Meinung des Autors in einigen Punkten gar elegantere – Erkenntnistheorie von meinem Grossvater stammt.

Sie sprechen von Ferdinand Gonseth, der von 1929 bis 1960 an der ETH Mathematik und Philosophie lehrte.
Er war es, der mich früh für die Philosophie begeistert hat. Er verbrachte seine Urlaube jeweils bei uns in Luzern. Obwohl er blind und hochbetagt war, wirkte er auf mich ungeheuer vif, vital und geistreich. Wer so intensiv nachdenkt wie er, der wird nie alt, sagte ich mir. Grandpapas Wissenschaftstheorie stiess über die Schweiz hinaus auf grosses Interesse. So führte er hitzige Diskussionen mit Karl Popper, bei ihm zu Hause gingen berühmte Wissenschaftler wie Wolfgang Pauli ein und aus.

Sie haben die Frankfurter Schule erwähnt. Adorno war lange eine selbstverständliche Lektüre für Phil-1er – heute ist er nicht mehr en vogue.
Für mich nicht weiter schlimm. Adorno war für mich stets um einen Tick zu abstrakt und ich verstand ihn eigentlich nur, wenn ihm wie bei der «Dialektik der Aufklärung» Horkheimer zur Seite stand. Mein Idol zu Studentenzeiten war vielmehr ein Schüler Adornos, nämlich Habermas. Um eine Vorlesung von ihm zu hören, reiste ich auch schon mal nach Deutschland, leistete mir eine teure Hotelnacht. Ich liebte seine Kommunikationstheorie von der Gesellschaft, wo nur die Kraft des besseren Arguments zählt. Dabei pflegt Habermas einen eher umständlichen Stil, und mündlich ist er noch schwerer zu verstehen – er nuschelt ja stark wegen einer angeborenen Hasenscharte. Ich wollte ihn ins Zentrum meiner Lizentiatsarbeit stellen, wurde aber nach einigen Monaten plötzlich stutzig.

Warum das?
Wie ich es wendete und drehte: Mir schien, in einem wichtigen Punkt enthalte die komplexe Argumentation meines Meisters einen logischen Hick, einen Zirkelschluss. Ich begann, an meinem Guru zu zweifeln, und bevor ich meine vermeintliche Entdeckung Spezialisten zur Prüfung vorlegte, zog mich ein Zwischenfall zu Quine rüber: Ein Professor erteilte mir für eine Arbeit, in der ich mit Habermas argumentierte, eine hundslausige 3. Ich fragte empört nach, warum er mir eine derart schlechte Note gab. Der Prof meinte bloss: «Ich habe schon gemerkt, dass Sie Habermas verstanden haben. Aber lesen Sie doch endlich auch mal was anderes.» Ich fragte fuchsteufelswild: «Ja was denn, bitte?!» Dann empfahl er mir eben Quine.

Was kann Philosophie im TV überhaupt bestenfalls erreichen?
Sie kann die grossen Fragen des Zeitgeschehens schärfer und ausführlicher unter die Lupe nehmen, als das in Newssendungen möglich ist. Und sie kann Einblick in interessante Gedankengebäude geben und damit zu weiterer Lektüre anregen.

«Wenn ein Philosoph einem antwortet, versteht man überhaupt nicht mehr, was man ihn gefragt hat», sagte Andre Gide. Ist Ihnen bang vor der ersten Sendung?
Nein. Ich freue mich darauf, in gewissen Bereichen wieder Anfänger sein zu dürfen. Ich freue mich auf die Herausforderung, auch mal gegen eine intellektuelle Überforderung anpauken, mal 200 Seiten in einer Nacht lesen zu müssen.

Was wollen Sie an der Sendung ändern?
Die Sternstunde-Philosophie-Redaktion wollte seit längerem noch näher an die Aktualität rücken. Ich wollte seit längerem mit meiner Aktualitätsarbeit näher ans Philosophische rücken. So sind wir gemeinsam daran, das Format weiterzuentwickeln – ohne die hervorragenden Qualitäten dieser Sendung zu opfern. Denn sie lockt seit Jahren Gäste von höchstem Rang an, nach denen sich viele Sender die Finger lecken, die aber – wie etwa letztes Jahr Deutschlands Bundespräsident Gauck – einem hochstehenden und fast einstündigen Gespräch den Vorzug geben.

Was ist mit der Quote? Gibt es eine Minimalanzahl Zuschauer, die Sie erreichen wollen oder erreichen müssen?
Wir rechnen weiterhin mit einem Publikum zwischen 30'000 und 90'000 Leuten pro Sendung: Wir füllen also jeden Sonntag ein richtig grosses Fussballstadion mit unserer Philosophiestunde. Ausserdem gehören unsere Podcasts zu den beliebtesten des ganzen SRF-Programms. Ich stehe der Quotenfrage also sehr gelassen gegenüber. Im Übrigen sagte mir der von der Pike auf erfahrene Bühnenkünstler Viktor Giacobbo einmal: «Ab 50 Zuschauern hast du ein Publikum.» (lacht)

Wen würden Sie besonders gern einladen?
Erstens Hans Magnus Enzensberger – ein politischer Poet, dessen Texte mich seit Jahrzehnten begleiten und der mit «Tumult» nun eine hochspannende Autobiografie veröffentlicht hat. Dann den einzigen Psychologen, der bisher den Wirtschaftsnobelpreis erhalten hat, Daniel Kahneman. Und schliesslich Bill Clinton, mit dem ich die Frage erörtern möchte, wie mächtig die mächtigsten Menschen der Welt tatsächlich sind. Kann ein US-Präsident überhaupt im eigentlichen Sinn autonom entscheiden oder wird auch sein Handeln systemisch bestimmt?

Wie gross schätzen Sie Ihre Chance ein, dass Sie Clinton bekommen?
Ich schätze sie unerschrocken auf 50 zu 50. Ich werde all meine Beharrlichkeit darauf verwenden, da können Sie sich sicher sein. (lacht)

Erstellt: 16.01.2015, 10:41 Uhr

Stephan Klapproth (*1958) ist seit 1993 Moderator beim Schweizer Fernsehen. Bekannt wurde der studierte Politologe als Gallionsfigur der Nachrichtensendung «10 vor 10». 2002 moderierte er «Sternstunde Philosophie» bereits interimistisch.

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