Das Problem des Pizzabelags

Das Festival Séries Mania in Paris war ein Paradies für TV-Seriensüchtige. Und zeigte sehr schön, dass Europa gegenüber den übermächtigen Amerikanern kräftig aufholt.

Die Lebenden und den Toten trennt nur eine Fensterscheibe – und bald gar nichts mehr: Szene aus dem französischen Serienhit «Les Revenants».

Die Lebenden und den Toten trennt nur eine Fensterscheibe – und bald gar nichts mehr: Szene aus dem französischen Serienhit «Les Revenants». Bild: Jean-Claude Lother

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Manchmal gibt es nichts Blöderes, als Schweizer zu sein. Zum Beispiel an einem TV-Serien-Festival mitten in Paris, im Forum des Images, drei Stockwerke tief unter einer riesigen Baustelle. Besonders blöd fühlt man sich als Mitglied einer internationalen Jury, die fast platzt vor seriellem Nationalstolz. Auch wenn der englische Kollege, der für den «Guardian» und die «Financial Times» schreibt, dies mit typischem Understatement formuliert: «Für britische Serien interessiere ich mich nicht mehr, die sind auf einem so sicheren, internationalen Level, das ist langweilige Massarbeit. Aber die Skandinavier! Und Osteuropa!» Die französische Kollegin, die für «Variety» schreibt, sagt, dass Frankreich derzeit ganz fiebrig sei, neue Serien auf den Markt zu bringen, und dass es da auch richtige Exportschlager gebe, zum Beispiel «Les Revenants» (seit 2012), das dieser Tage in England startet.

Nazis unter Drogen

Und die Schweiz? «Ja also, wir hatten da gerade diesen Vierteiler ‹Der Bestatter›. Und davor hatten wir fast vier Jahre lang nichts.» Das glaubt einem in Paris kein Mensch. Hat die Schweiz kein Geld? Die Schweiz, das goldene Loch in der epischen Landschaft der Serienmanie.

Séries Mania heisst denn auch das paradiesische Festival in Paris, das vom 22. bis zum 28. April von 15 000 seriensüchtigen Französinnen und Franzosen besucht wird, die Macher von «Les Revenants» werden auf einem Podium angekündigt als Helden, die «unsere nationale Kreativität wiederbelebt haben». «Les Revenants» also, mal wieder etwas Wiedergängerisches aus dem Reich der Zombies, Werwölfe und Vampire, etwas also, was definitiv am besten auf der Folie der christlichen Kultur wächst mit all ihren Auferstehungen und Himmelfahrten. Aber wo die Amerikaner mit ihren Vampiren in «True Blood» nur noch ein einziges Mystery-Spektakel mit möglichst grotesken Viechern veranstalten, oder in «Walking Dead» Horden tumber Zombies auf die Menschheit loswanken lassen, haben sich die Franzosen jetzt etwas richtig Feines ausgedacht. Die Toten eines Dorfes kehren da nämlich für eine Weile zu ihren Liebsten zurück, sie haben keine Erinnerung an ihr Sterben, ihre Gefühle und ihr Alter sind angehalten worden, als sie aus dem Leben gerissen wurden. Ein unheimlicher Stausee spielt eine Rolle und die Frage, wie viel Tod und latent lauernde, metaphorische Leichenstarre denn eigentlich in unser aller Alltag steckt.

Wir von der Jury sind dazu da, französisches Serienschaffen auszuzeichnen. Leider ist «Les Revenants» nicht dabei, weil es bereits ausgestrahlt wurde, aber einer andern Produktion geben wir den Preis als beste Serie gern: Die kommende Staffel von «Un village français» (seit 2009) zeigt die Zerrissenheit einer Gemeinde in Kollaborateure und Résistance-Kämpfer in den 40ern, da gibt es nichts Unlogisches oder revisionistisch Verklärendes im Drehbuch. Einzig der Drogenkonsum des Chefnazis ist vielleicht etwas krass geraten, aber man kann es nicht leugnen, Nazis und Drogen passen zusammen.

Der polnische Jurykollege, der alles über alles weiss, schwärmt konstant von Osteuropa: «Oh, Osteuropa ist der neue Serien-Himmel!» Und er hat recht, denn Home Box Office (HBO), der Gott unter Amerikas innovativen TV-Sendern, hat schon 1991 den Ableger HBO Europe mit Sitz in Budapest gegründet, und HBO Europe macht sich europaweit und in aller Ruhe gezielt auf die Suche nach den besten Produktionsstätten und Leuten.

Queen Agnieszka

Galionsfigur von HBO Europe ist die polnische Regisseurin Agnieszka Holland. Sie arbeitet seit einigen Jahren für HBO, sie hat in Amerika mehrere Folgen der sozialkritischen Serien «The Wire» und «Treme» gedreht. Wo sieht sie sich denn inmitten des HBO-Kosmos? «HBO versucht, komplett zu sein», sagt sie in einem kurzen Gespräch, «und für jedes mögliche Publikumssegment etwas zu finden. Also ‹Game of Thrones› und ‹True Blood› für die Masse, die Action und Unterhaltung mag, dann seriösere Geschichten und natürlich Haute Couture.» – «Und Sie sind Haute Couture?» – «Ja, ich bin Haute Couture.»

Sie darf das sagen. Erstens, weil sie seit Jahrzehnten eine Filmregisseurin mit einem bedeutenden Œuvre ist, man kennt den oscarnominierten «Hitlerjungen Salomon», «Bittere Ernte» oder ihre Mitarbeit am Drehbuch zu Kieslowskis «Trois couleurs: Bleu». Zweitens, weil sie am Festival mit dem herausragenden Dreiteiler «Burning Bush» präsent ist, einem wunderbar cineastisch eingefangenen Drama über die tragische Selbstverbrennung des Kunststudenten Jan Palach im Januar 1969 mitten in Prag. Palach protestierte gegen die russische Besatzung der Tschechoslowakei, es entwickelte sich aus seiner Tat ein irres Geflecht aus Heiligsprechung, aber auch politischen Intrigen, Lügen und Falschbeschuldigungen. Agnieszka Holland ist für diese Arbeit zu ihren Wurzeln zurückgekehrt, in die tschechische Filmindustrie, wo sie ihr Handwerk gelernt hat, ja, sagt sie, sie habe sich wie eine «Homecoming Queen» gefühlt.

Was bedeuten Serien für sie? «Wissen Sie, viele der grossen Romane des 19. Jahrhunderts entstanden als Reflex auf die Industrialisierung. Die Leute brauchten eine Heimat, die weniger schnelllebig war als ihre Arbeitswelt, einen Fixpunkt. Deshalb waren sie auch so süchtig nach Fortsetzungsromanen. Mit den Serien ist es genau gleich. Der Serien-Boom ist ein Kind der digitalen Revolution, ein Anker.» Und eine Rückbesinnung. Eine Selbstvergewisserung. Manchmal auch ein Stück nationaler Identität mitten im Wesen der Globalisierung. Ein Werk wie «Burning Bush».

2013 ist auch das Jahr der Frauen, nicht nur Agnieszka Holland hat eine Miniserie gedreht, auch Jane Campion. «Top of the Lake» heisst das Werk, über das alle reden und das fast keiner gesehen hat. Frau Holland, ist in der Serienwelt eine weibliche Revolution im Gang? «Nein, nein, aber Frauen werden von den Fernsehstudios deutlich besser behandelt als von Hollywood.»

Auch Oscarpreisträger Sir Tom Stoppard ist da, der Dramatiker und Grandseigneur des britischen Qualitätsdrehbuchs, 2012 hatte er zwei grosse Literaturadaptionen im Kino und im Fernsehen laufen: Tolstois «Anna Karenina» und Ford Madox Fords «Parade’s End» als Fünfteiler für die BBC und HBO. «Ich liebe es, Romane zu adaptieren», sagt Stoppard, «das ist wie Ferien, ein anderer hat die harte Arbeit getan.» «Parade’s End», die Liebesgeschichte eines altmodischen Ehrenmanns und einer Suffragette während des Ersten Weltkriegs, sei allerdings ungleich härter gewesen als «Anna Karenina», gesteht Stoppard: «Die Hauptherausforderung bei einer Serie besteht darin, dass die Protagonisten in jeder Folge im Zentrum stehen müssen. Sonst hat man – und ich werde diese Metapher sicher bereuen – eine Pizza, auf der in einer Ecke alle Sardellen und in der anderen alle Tomaten sind.»

Der diplomatische Brite

Und noch so ein netter Brite zeigt sich, der Schauspieler Peter Mullan, der im BBC-Vierteiler «The Fear» einen brutalen, aber von Alzheimer zerrütteten Gangsterboss in Brighton spielt – und die männliche Hauptrolle in Jane Campions «Top of the Lake». Séries Mania verwirrt ihn: «Die Leute hier sind alle Freaks, die haben alles gesehen, und zwar jede einzelne Folge! Zum Glück stellt mir ab und zu jemand eine Frage, sonst könnte ich mit gar niemandem sprechen!» Und wie steht er, ein alter Marxist, der selbst aus rauen Verhältnissen kommt, von seinem Vater verprügelt wurde und seine Jugend in schottischen Strassengangs verbrachte, zu Englands Exportschlager «Downton Abbey»? Hält er das aus, wie schamlos schön da die britische Upper Class verklärt wird? «Oh, ich schaue mir das nicht an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir das gefallen könnte», sagt er höflich. Das muss man sich merken.

Erstellt: 03.05.2013, 08:28 Uhr

Info

«Les Revenants» und «Top of the Lake»: 29. Mai bis 2. Juni am Basler Bildrausch-Festival. www.bildrausch-basel.ch

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