Das Tagebuch der Lady Gaga

Die Dokumentation «Five Foot Two» über Lady Gaga zeigt auf beeindruckende Weise, wie hart das Leben als universelle Kunstfigur ist.

Trailer zur Doku «Five Foot Two» über den Popstar Lady Gaga.


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Es gibt eine Sequenz in diesem Film, die jeder sehen sollte, der davon träumt, berühmt zu sein. Sie beginnt damit, dass Lady Gaga nach einem anstrengenden Tag das Tonstudio verlässt. Sie ist eine Sekunde lang allein, beim Öffnen der Tür im weissen Schlabbershirt, aber dann ist es schon wieder vorbei mit der Ruhe. Fans auf der Strasse, es sind Hunderte da, rufen: «Gaga!» Andere brüllen: «Mama!» Es folgen Bilder von Lady Gaga, die aus Flugzeugen steigt, Konzerte verlässt, Filmpremieren besucht. Die Person Stefani Joanne Angelina Germanotta existiert nicht mehr. Es gibt nur noch «Lady Gaga», eine der berühmtesten Kunstfiguren der Welt.

Es gibt viele solcher Sequenzen in «Gaga - Five Foot Two», einer Dokumentation, die einen Einblick gewähren soll in das Leben dieser Frau, die ja nicht nur eine wahnwitzig begabte Musikerin ist, sondern ein gesellschaftlich relevantes Symbol für all jene, die sich nicht anpassen wollen an das, was zumindest einer empfundenen Mehrheit normal erscheinen mag. «Little Monster» heissen die Fans von Gaga, sie ist «Mother Monster». Die Monster-Mama.

Kamera aus, wenn Gaga darum bittet

Es ist immer eine knifflige Angelegenheit, wenn jemand eine Dokumentation über sich zulässt und selbst bestimmt, was gezeigt werden darf. Natürlich besteht die Gefahr, dass gerade eine faszinierende Kunstfigur dem Zuschauer Objektivität vorgaukelt und sich doch nur so zeigt, wie sie gerne gesehen werden möchte. Oder dass sie von jemandem interviewt wird, so wie es im Sport gerade in Mode ist, der für den gleichen Verein arbeitet - und dem man während des Interviews sagen kann, dass er sich diese blöde Frage sparen kann.

Es ist also kein journalistischer Dokumentarfilm, der nun bei Netflix zu sehen ist. Es ist eher das Tagebuch einer Frau, die als Popstar und Ikone einer gesellschaftlichen Bewegung für Gleichstellung und Gleichberechtigung bisweilen grösser ist als das Leben selbst. Sie sagt: «Ich will keinesfalls, dass dieser Film als Werbung für mich rüberkommt, warum ihr mich mögen sollt, und ihr denkt, dass ich perfekt sei.» Der Zuschauer sieht sie vor Schmerzen weinen und über Einsamkeit philosophieren - doch wenn es ihr zu viel wird, dann bittet sie ihren Regisseur Chris Moukarbel, die Kamera abzuschalten. Der gehorcht.

Man kommt Lady Gaga nicht wirklich nahe in diesem Film, aber das ist auch nicht das Ziel. Es wird vielmehr gezeigt, welche Anstrengungen nötig sind, nicht nur Hits wie «Bad Romance» zu komponieren oder die Super-Bowl-Halbzeitshow zu planen, sondern das Leben einer Kunstfigur zu führen: wild tanzen in der Wüste zum Beispiel, obwohl sich in der Hüfte ein Euro-Stück-grosses Loch befindet und man sich vor Schmerzen krümmen will. «Gaga - Five Foot Two» wird zur beeindruckenden Botschaft an all jene, die davon träumen, so berühmt zu sein wie Mother Monster.

«Gaga - Five Foot Two», bei Netflix. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.09.2017, 14:28 Uhr

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