Das echte, schlechte Leben

Mit «Britt» geht die letzte von einst 14 grossen Nachmittags-Talkshows am TV zu Ende. Die Zuschauer wollen etwas anderes: Billigschauspieler, Milizjustiz – und am liebsten überhaupt nicht mehr denken.

Etwa 300 Schwangerschaften hat sie getestet und 1000 Lügner per Detektor überführt: Die patente Britt Hagedorn.

Etwa 300 Schwangerschaften hat sie getestet und 1000 Lügner per Detektor überführt: Die patente Britt Hagedorn.

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Wahrscheinlich hat Britt Hagedorn mehrere Laboratorien am Leben gehalten mit all den DNA-Tests, die sie im Lauf der Zeit einschickte. Von Kindern, die nicht wollten, dass ihre Eltern ihre Eltern sind. Von Vätern, die nicht Vater sein wollten. Von Müttern, die sich absolut sicher waren, dass ihr Kind bei der Geburt vertauscht worden war. Von Leuten also, die ihre Liebsten partout nicht lieb hatten. Und dann waren da auch die Leute, die sich eigentlich lieb hatten, sich aber trotzdem betrogen, und dann wurden sie an einen Lügendetektor angeschlossen, und der fand heraus, ob die Restliebe noch gross genug war für zwei oder eben nicht.

Das war «Britt». Beziehungsweise wird sie bald gewesen sein. Die letzte, die noch übrig ist von einst 14 grossen Nachmittags-Talkshows auf diversen deutschen Fernsehsendern. Zwölf Jahre lang hat Britt auf Sat 1 ihren Daily Talk gemacht, hat gut 20 000 oft arbeitslose und ganz sicher arbeitsscheue Menschen durch ihr Studio geschleust, Menschen, die meist genau so aussahen, wie man sich die schlimmsten Couch-Potato-Zuschauer von «Britt» vorstellte. Die 41-jährige Kulturwissenschaftlerin hat bis heute mehr als 300 Schwangerschaften getestet und etwa 1000 Lügner per Detektor überführt. Sie war selbst zweimal schwanger und hat öfter ihre Haarlänge gewechselt. Die patente Britt, die so hübsch moralische Empörung heucheln konnte.

Die Speerspitze von «Uschi»

Seit vergangene Woche die Absetzung verkündet wurde, sind die «Britt»-Quoten noch einmal in die Höhe geschnellt, normal waren in den letzten Monaten einstellige Quotenzahlen, sie gingen runter bis zu 6,5 Prozent (nur bei den 3bis 13-Jährigen hatte sie stabile 13,5 Prozent), und wenn eine Privatfernsehsendung dieses Tal erreicht hat, wird sie gekillt, da gibts nicht viel Federlesen. Angelika Kallwass war die letzte, vor wenigen Wochen erhielt ihre Sendung einen Relaunch, es nützte nichts, am 8. März war Schluss. Andere Nachmittagstalker sind noch früher gegangen, Hans Meiser, Jürgen Fliege, Arabella Kiesbauer, Bärbel Schäfer, Vera Int-Veen, Sonja Zietlow, Jörg Pilawa, Oliver Geissen.

Sie alle waren die Speerspitze von «Uschi», des sogenannten Unterschichtsfernsehens also, sie holten Leute ins Studio, die sowohl mit Exhibitionismus als auch mit Problemen geschlagen waren, es war die Neuerfindung des Fernsehens in den 90er-Jahren, die Realität vor der Reality, die ungenierte Kameraderie mit der Kamera. Am Ende von so einer Sendung waren die Probleme analysiert und vielleicht gar bewältigt, und die 68er-Intellektuelle Barbara Sichtermann schrieb im Oktober 1996 in der «Zeit», dass das Fernsehen da doch seinen erzieherischen Auftrag für einmal ernst nehmen und zu vielerlei Formen von Toleranz ermutigen würde. Das war der Anfang der Schönschreibung von TV-Trash, aber im Kern hatte sie nicht ganz unrecht.

Aber das ist nun Geschichte, denn die Zuschauer wollen was anderes. Positiv formuliert könnte man sagen, dass es sie vom Geschwätzigen eher zum Filmischen hinzieht. Negativ betrachtet muss man sagen, dass sie auch den allerletzten Rest von Denkleistung nicht mehr erbringen wollen. Dass sie selbst die minimalste Abstraktion verweigern. Und dass sie ein System von Überwachen und Strafen am geilsten finden.

Die Rede ist von allem anderen, was am Nachmittag auf Sendern wie Sat 1, RTL und Vox läuft und Quoten bringt. Sendungen wie «Mitten im Leben!», «Pures Leben – Mitten in Deutschland», «Verklag mich doch!», «Verdachtsfälle», «Familien-Fälle», «Familien im Brennpunkt» und «Shopping Queen». Letztere ist gewissermassen das Unikum, es gehen da unter Aufsicht eines selbstverständlich schwulen Modedesigners kreischende Weiber mit Fernsehgeld Kleider kaufen, sie haben ein Motto, wenig Zeit und einen schlechten Geschmack.

Ermittler mit Bond-Koffern

Restlos alle andern Sendungen zeigen das, was «Britt» nur im Studio verhandelte: Menschen, die ihre Partner betrügen, Familien-, Geld-, Drogen- und Gewichtsprobleme, der ganze Kosmos des Hartz-IV-Elends und selbstverständlich ganz viele bei der Geburt vertauschte Kinder (man würde gar nicht meinen, wie normal das ist, oder, wie eine Krankenschwester in «Familien-Fälle» neulich sagte: «Unsere Mitarbeiter sind ja auch nur Menschen, die Fehler machen.»). Es handelt sich – im Dschungel der TV-Sprache – um «Real Life»-Formate, das heisst um erfundene Fälle, «Scripted Reality» also, verkörpert von Billigschauspielern und begleitet von echten Fachleuten.

Die ganzen Detektive, die sich derzeit im Nachmittagsfernsehen tummeln und kleinstkriminelle Bagatellen oder Ehebrüche aufklären, sind zum Beispiel echte Detektive, und ihre James-Bondmässigen Koffer voller Technik-Gadgets gehören zu ihrer echten Ausrüstung. Am beliebtesten in dieser neuen Unterhaltungswelt ist die gefährlich dreinblickende Detektivfamilie Trovato («Die Trovatos», die bisher nur an Samstagen liefen, werden ab April auf RTL das serbelnde «Mitten im Leben!» ersetzen), sie hat ihren Firmensitz in Mönchengladbach und kümmert sich um Dinge wie Stalking, Untreue, Tankkartenbetrug.

Da ist etwas los, da kann man staunen, da gibt es für jedes Problem eine Lösung, und man muss gar nicht pseudogescheit darüber reden. Man muss bloss Überwachungskameras und Wanzen richtig montieren und «aufdecken», und zwar in Eigenregie, nicht etwa mit der langwierig und korrekt vor sich hinkrümelnden Polizei, die ja am Ende auch Teil des Systems ist, das schuld daran ist, dass man dauernd vom Leben beschissen wird. Und auch die schäbigste und niederträchtigste Paranoia wird da kurzerhand in Aktionismus umgesetzt. Da wird nicht analysiert, da wird agiert. Es ist ein Aufruf zur Milizjustiz, zum Faustrecht der Schwachen, der Stärkere ist der Stärkere, und Gehör verschafft sich, wer möglichst laut ist.

Bioleks nostalgischer Blick

Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren, das ergab eine Studie des Bayerischen Rundfunks, glauben zu 30 Prozent, dass es sich bei den aneinandergereihten Trivial-Skandalen der «Scripted Reality» um wahre Tatsachen handelt, 51 Prozent sind überzeugt, dass ihnen die dargestellten Fälle bei der Bewältigung eigener Probleme helfen. Und spätestens da wünscht man sich Angelika Kallwass zurück, die gute alte Diplompsychologin, die ihre Studiogäste einst Mauern aus Schaumgummiklötzen bauen und niederreissen liess.

Das ZDF, das wie alle öffentlich-rechtlichen Sender einen Trend lieber zu spät als zu früh ortet, will es übrigens ab Herbst selbst mit einem Daily Talk versuchen, moderiert von der RTL-Frontbiene Inka Bause («Bauer sucht Frau»). Die Qual der Quotenjagd treibt die hoffnungslosesten Blüten.

Am letzten Samstag schrieb Alfred Biolek, einst selbst einer der ganz grossen Talker, zum 50. Geburtstag des ZDF in der «Süddeutschen Zeitung»: «Ist das Fernsehen schlechter geworden? Ich weiss es nicht, ich schau so wenig fern. Für Menschen, die im geistigen Bereich unterhalten werden wollen, hat sich das Fernsehen entfernt.» Und man fragt sich, ob das stimmt. Ob das Schlechte früher tatsächlich ein kleines bisschen besser war. Wahrscheinlich stimmts. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2013, 08:27 Uhr

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