Das funkt!

Der exzellente SRF-Dokfilm «Dürrenmatt – im Labyrinth» zeigte Friedrich Dürrenmatt beim Denken.

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Einen «Gedankenschlosser» nannte sich Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt (1921–1990). Im Dok «Dürrenmatt – im Labyrinth» von Sabine Gisiger, der vor wenigen Tagen an den Solothurner Filmtagen Premiere hatte und bereits heute Sonntag auf SRF 1 ausgestrahlt wurde, konnte man ihm zusehen: Wie er denkend die Welt auseinandernahm und ihre Bestandteile neu verschweisste.

Gleich zu Beginn entwarf Dürrenmatt das brillante Gleichnis einer Schweiz, deren Einwohner gleichermassen Wärter und Gefangene sind; bis zum Schluss des Films sollte er allein das Wort haben, Hauptfigur und Erzähler zugleich.

Ein Film als Bewusstseinsstrom

Das funktionierte, weil Dürrenmatt sehr gern laut nachdachte, ob nun über Theaterfragen, den Jurakonflikt oder gar Einsteins Relativitätstheorie (1979 hielt er dazu einen Vortrag an der ETH). Der Emmentaler liebte die mündliche Ausschweifung und war geradezu berüchtigt für seine unaufhaltsamen Monologe. Die Fähigkeit des Zuhörens habe er nicht geerbt, gab er offen zu.

Auch mit Journalisten sprach Dürrenmatt häufig, und so wurden viele seiner formellen und informellen Reden fürs TV oder Radio aufgenommen. «Im Labyrinth» setzte sich ausschliesslich aus solchen Dokumenten zusammen, der Film war ein einziger dürrenmattscher Bewusstseinsstrom.

Doch das funktionierte nicht nur, sondern das funkte auch: Denn Dürrenmatt redete ja auch, um auf neue Geschichten, Aphorismen oder Einsichten zu kommen. Seine Interviews waren deshalb immer kleine Denkabenteuer. Das erklärt die erstaunliche Offenheit, mit der er über Philosophie und Politik, aber auch über Privates Auskunft gab. «Ich muss eine neue Art zu leben finden, eine neue Technik zu leben», sagte er in einem Gespräch, das kurz nach dem Tod seiner ersten Frau Lotti entstand. Andernorts erklärt er: «Aber ich bin nie verzweifelt. Sondern ich bin immer berauscht von den Möglichkeiten des Guten und des Bösen und des Verrückten, das es in dieser Welt gibt.»

Im Herbst im Kino

Die Gründlichkeit, mit der das Team um Gisiger die Archive nach Ton- und Bildmaterial durchforschte, ist vorbildlich. Selbst Dürrenmatt-Kenner dürften in diesem Film die eine oder andere neue Aufnahme entdeckt haben; eindrücklich etwa war die bisher weitgehend unbekannte, beklemmende Schilderung Dürrenmatts vom Tod seines Zürcher Malerfreundes Varlin.

Mit «Dürrenmatt – im Labyrinth» hat Sabine Gisiger den zweiten grossen Dürrenmatt-Film realisiert. Der Vorgänger, aus dem Gisiger verschiedene Szenen übernahm, hiess «Portrait eines Planeten» und war eine teils innovative, teils verquaste Liebeserklärung von Dürrenmatts zweiter Frau Charlotte Kerr. Im Herbst will Gisiger eine erweiterte Fassung ihres Films ins Kino bringen, auch Weggefährten des Schriftstellers sollen dann zu Wort kommen. Bleibt zu hoffen, dass Dürrenmatts Redezeit deswegen nicht beschnitten wird.

Erstellt: 01.02.2015, 13:08 Uhr

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