«Das tut mir weh»

Der «Blick» attackiert SRF-Kommentatorin Michèle Schönbächler. Regula Späni kontert: Frauen seien biologisch und sozial im Nachteil, so die langjährige Sportjournalistin.

Regula Späni (*1965) gehörte als Teenagerin zu den besten Schwimmerinnen der Schweiz. Nach einer Ausbildung zur Sportlehrerin wechselte sie Ende der 1980er zur SRG. Bekannt wurde Späni als Moderatorin des «Sportpanoramas» sowie der Hintergrundsendungen «Time Out» und «Sportlounge».

Regula Späni (*1965) gehörte als Teenagerin zu den besten Schwimmerinnen der Schweiz. Nach einer Ausbildung zur Sportlehrerin wechselte sie Ende der 1980er zur SRG. Bekannt wurde Späni als Moderatorin des «Sportpanoramas» sowie der Hintergrundsendungen «Time Out» und «Sportlounge». Bild: SRF

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Der «Blick» hinterfragt in einer Artikelserie die Ski-Kommentatorin Michèle Schönbächler. Werden Frauen im Sport-TV kritischer betrachtet als Männer?
Definitiv. Die Kompetenz einer Frau wird schnell infrage gestellt. Macht sie einen Fehler, ist die Häme grösser als beim Mann. Zudem müssen Frauen auch im Jahr 2020 mehr Facetten abdecken als Männer. Sie dürfen nach wie vor nicht zu viel Gewicht haben, müssen auf die Kleidung achten und auf die Frisur. Bei den Männern dagegen spielt das alles kaum eine Rolle. Dazu kommt die Problematik der Stimme, die bei einer Kommentatorin wie Michèle Schönbächler natürlich entscheidend ist.

Problematik der Stimme?
Wir Frauen haben ein natürliches Defizit: Wir haben eine höhere Stimme als Männer. Wenn wir emotional werden, kann das unangenehm klingen. Das ist bei Michèle Schönbächler so – aber auch bei mir selber musste ich das feststellen. Als ich Schwimmen live kommentierte, hörte ich mir selber nicht gern zu, beendete das Experiment mit dem Kommentieren rasch wieder. Rein fachlich wäre der Job für mich als ehemalige Spitzenschwimmerin, diplomierte Sportlehrerin und Sporttrainerin kein Problem gewesen. Eine Frau kann in solchen Fällen mit Stimmtraining arbeiten, wie das Michèle Schönbächler nun offenbar tut – oder sie unterdrückt ihre Emotionen. Die Herausforderung ist dann allerdings, natürlich zu bleiben.

Diese Passage wird vom «Blick» als Beispiel für Schönbächlers Arbeit herangezogen. (Quelle: SRF)

Ist nicht alles Gewohnheitssache? Kommentierten mehr Frauen, würden auch hohe Stimmen selbstverständlich.
Möglich. Das war bei uns Sportmoderatorinnen ja auch so. Zuerst sehr kritisch betrachtet, sind Frauen heute in diesem Metier voll akzeptiert. Aber der Sport ist nach wie vor eine Männerbastion. Nicht nur bei den Sportkommentatorinnen, sondern auch bei den Coaches, im Management und in den Funktionärsabteilungen.

Als ZDF-Frau Claudia Neumann Spiele der Männerfussball-WM 2018 kommentierte, gabs ein Riesentamtam.
Grundsätzlich werden auch Kommentatoren stärker kritisiert als Moderatoren. Sicher, eine unangenehme Stimme kann stressen: Da will man gemütlich Fussball schauen, hat die Chips schon parat und das kühle Bier zur Hand – und dann hört man eine angestrengte Stimme und ist genervt. Die Frage ist halt, wie man dann reagiert. Was derzeit in den Onlineforen und im «Blick» über Michèle Schönbächler geschrieben wird, geht zu weit. Ich denke dann oft: Warum schalten diese Menschen nicht einfach um?

Schönbächler kommentiert Skirennen. Ist das besonders heikel – weil Nationalsport?
Der Skisport ist nach wie vor die heilige Kuh der Schweiz. Früher galt am Leutschenbach: Wenn du ein Skirennen kommentieren darfst, bist du auf dem Olymp angekommen. Es gibt ja in der Diskussion um Schönbächler Kritiker, die sich einen neuen Karl Erb wünschen. Aber mal ehrlich, diese Art der Kommentierung ginge heute nicht mehr. Der Kommentatorberuf hat sich grundlegend gewandelt. So werden heute im Gegensatz zu Erbs Zeit viele Informationen eingeblendet. Da wird es schwierig, noch Dinge zu sagen, die man nicht sieht.

Sie arbeiteten von 1989 bis 2010 in der Sportabteilung des Schweizer Fernsehens. Sie hörten just auf, als die ersten grossen Shitstorms auf Social Media losrollten.
Was Michèle Schönbächler gerade erlebt, und was andere ehemalige Kolleginnen und Kollegen über sich lesen müssen… das tut mir schon weh. Ich bin froh, dass ich mir das nicht antun muss. Aber natürlich gabs auch zu meiner Zeit unqualifizierte Kommentare. Als eine der ersten Frauen im Schweizer Sport-TV musste ich mich durchboxen, wurde oft angeschaut, als käme ich vom Mars. Was ich mir da alles anhören musste! Da wurde in Redaktionssitzungen offen in die Runde gefragt: «Kann die das?» Ich war jung, das Rehlein, die Herzige. Oft wurde gesagt: «Soso, du weisst das…? Woher willst du das denn wissen?» Obwohl ich von meiner Herkunft und der Ausbildung her am besten qualifiziert war. So was ginge heute nicht mehr. In dieser Hinsicht leben wir Frauen mittlerweile zum Glück in besseren Zeiten.

Warum reagieren die Leute beim Sport eigentlich oft so emotional? Es geht doch um nichts.
(lacht) Wir suchen im Leben doch alle nach emotionalen Momenten. Dann fühlen wir uns lebendig. Der Sport liefert solche Momente, und das zuverlässig. Deshalb ist Live-Sport so beliebt, er wird immer beliebter und folglich immer wichtiger für SRF. Manche Menschen brauchen diese Emotionen mehr als andere. Vielleicht, weil ihnen das Leben sonst wenig zu bieten hat. Wenn ich einen Malocher im Ruhrpott sehe, der eine harte Arbeitswoche hat und dem der Samstag mit Borussia Dortmund das ein und alles ist, dann geht mir das nahe. Dann verstehe ich sogar seine Wut auf die Spieler, wenn sie nicht vollen Einsatz geben.

Verständnis auch für den skibegeisterten Schweizer Büezer, der in einem Onlineforum Frust auf Michèle Schönbächler ablädt?
Nein. Wenn der Anstand verloren geht, habe ich kein Verständnis mehr. Wenn jemand alles gibt, seinen Job gut zu machen – und das tun sie alle – haben sie Respekt verdient.

Erstellt: 09.01.2020, 09:48 Uhr

Die Boulevardzeitung «Blick» gibt der Kritik an Ski-Moderatorin Michèle Schönbächler gerade grossen Raum. «Seit rund einem Jahr ist Michèle Schönbächler für viele die unerträgliche Stimme des Frauen-Skisports», schrieb die Zeitung letzte Woche – und sammelte Kritik, die in den Online-Foren an Schönbächler geäussert wurde. In einer Umfrage des «Blicks» schnitt die Obwaldnerin prompt am schlechtesten ab von allen SRF-Moderatorinnen und -Moderatoren. Worauf diesen Dienstag ein «Blick»-Journalist nachlegte: «SRF-Schönbächler ist nicht besonders kompetent». Die Ski-Kommentatorin liess auf Anfrage ausrichten, sie wolle kein Interview geben. (lsch)

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