«Dazu noch einen Querulanten – und man geht kaputt»

Im «Club» diskutierten Pädagogen wie Oskar Freysinger über ausgebrannte Lehrer. Fazit: Der Stress im Klassenzimmer hört so schnell kaum auf.

Früher Gymnasiallehrer, heute Erziehungsdirektor im Kanton Wallis: Oskar Freysinger im «Club».

Früher Gymnasiallehrer, heute Erziehungsdirektor im Kanton Wallis: Oskar Freysinger im «Club».

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«Also Freunde, ihr wisst doch genau, was das für faule Säcke sind» – das Statement des deutschen Alt-Kanzlers über Lehrer ist legendär. Zumal es gegenüber Schülern gemacht wurde, die ihn für ihre Schülerzeitung interviewt hatten.

Schröders Statement stiess in Deutschland natürlich auf Kritik, besonders in seiner eigenen Partei, in der viele Lehrer sind. Auch weil rund 30 Prozent der deutschen Lehrer Burn-out-Symptome aufwiesen. Das war vor zehn Jahren. Nun haben wir in der Schweiz exakt dieselbe Situation und Debatte: Jede dritte Lehrperson ist Burn-out-gefährdet, jede fünfte ständig überfordert oder depressiv verstimmt.

Dass die Lehrer, von 13 Ferienwochen verwöhnt, schnell am Jammern sind, bestritt die Runde vehement. «Die Lehrer sind nicht dünnhäutiger geworden», so Oskar Freysinger, Erziehungsdirektor im Kanton Wallis: «Das Umfeld hat sich verändert.» Beat Zemp, der Präsident des Dachverbands der Lehrer, stimmte ihm bei: «Die Schule ist die Reparaturwerkstatt der Gesellschaft geworden.»

Sprich: Die Lehrer müssen Erziehungsaufgaben übernehmen, die eigentlich die Eltern erledigen müssen. Dazu kommen Schulreformen, neue Lehrpläne, mehr Schüler. Exemplarisch sass ein Lehrer in der Runde, der ein Burn-out erlitten hatte. Auch SVP-Mann Freysinger bestätigte die unheilvolle Dynamik: «Hat man dann einen oder zwei Querulanten in der Klasse, geht man kaputt».

Fehlendes Personal

Einig waren sich die eingeladenen Lehrer auch darüber: Der Umgang mit den Eltern ist schwieriger geworden, schwieriger als der mit den Schülern. Das Verhältnis Lehrer-Eltern ist geprägt von Misstrauen.

Die grosse Frage lautet natürlich: Was ist zu tun? Freysinger plädierte für weniger Bürokratie und geisselte die normierten Unterrichtsrichtlinien. Jeder Lehrer sollte bis zu einem gewissen Mass selber entscheiden können, wie er unterrichte. Zemp wiederum verteidigte die zahlreichen Reformen, die anstehen – nicht diese seien das Problem, sondern das fehlende Personal, um diese umzusetzen.

Natürlich war auch die integrative Förderung ein Thema. Und Parteipolitik, die Leistungsgesellschaft, Budgetfragen. Am Schluss der Sendung hatte man fürwahr den Eindruck, dass Lehrer keine faulen Säcke, sondern arme Schweine sind. Was man tun kann, um die Situation zu verbessern, sprengte den Rahmen der Sendung. Hie und da blitzten Lösungsvorschläge auf, denen aber sofort wieder daraus resultierende Probleme folgten.

Fast resignierend klang da eine grundsätzliche Aussage von Beat Zemp: «Einige Lehrer sind schneller am Limit als andere, nicht jeder Mensch ist in gleichem Masse belastungsfähig.» Spielte Zemp damit darauf an, dass unter den Lehramtsstudenten viele sind, die nicht Lehrer werden sollten? Wird den Interessenten ein realistisches Bild des Lehrerberufes vermittelt?

Ja, was ist zu tun, was kann man tun?

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(phz)

Erstellt: 12.11.2014, 11:01 Uhr

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