Den Bergen ist der Mensch egal

Beim Lawinenunglück am französischen Mont Maudit starben im Juli 2012 neun Menschen. Der gestrige «DOK» porträtiert den Überlebenden – übertrieben pathetisch zwar, aber dennoch grösstenteils gelungen.

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Der Machtkampf zwischen Mensch und Natur ist ein wiederkehrendes Motiv im Alpinsport. Ab und zu gewinnt dabei der Mensch. Etwa, wenn es ihm gelingt, einen der Gipfel im Himalaja-Gebirge zu bezwingen. Oft ist er aber machtlos, nicht nur gegen die ungebremste Kraft der Natur, auch gegen die Folgen dieser Kraft. Das erlebte zuletzt der Schweizer Extremalpinist Ueli Steck im April am Mount Everest. Zwar war es in diesem Fall kein Kampf zwischen Mensch und Natur, doch die klimatischen Verhältnisse sowie der extreme Druck, unter dem Bergsteiger stehen, entluden sich in einem gefährlichen Konflikt zwischen Steck und etwa 100 Sherpas.

Der SF-Dokumentarfilm «Drama am verfluchten Berg – Wie Kilian Volken die Lawine überlebte» näherte sich dem Thema aus einer anderen Perspektive. Als Ausgangspunkt diente ein Lawinenunglück am Montblanc aus dem letztem Juli, eines der verheerendsten in der neueren Geschichte des Alpinsports. Damals waren am Mont Maudit, zu Deutsch dem «verfluchten Berg», insgesamt neun Menschen von Eis und Schnee verschüttet worden und dabei gestorben. Einer der Überlebenden des Unglücks, der 61-jährige Walliser Kilian Volken, ist der Protagonist des Films. Das Porträt begleitet den Extrembergsteiger dabei, wie er die persönliche Tragödie seines Lebens zu verarbeiten versucht. Ein minimalistisch gehaltener grauer Hintergrund dient ihm dabei als Bühne, um über den Tag zu sprechen, der «sein Leben veränderte».

Im Hintergrund – und doch im Zentrum

Als eines der Leitmotive des Films dient die Schuld, die Volken immer wieder auf seinen Schultern spürt. Denn er agierte als Bergführer, als die zwei ihm beim Aufstieg auf den Montblanc anvertrauten Bergsteiger, von Eis getroffen, starben, durch einen Klettergurt mit ihm verbunden. Er war der einzige Überlebende seiner Gruppe – schwerverletzt, aber am Leben. Schon nach wenigen Wochen wird er aus dem Krankenhaus entlassen, hat kaum bleibende körperliche Schäden. Die Rehabilitation im Krankenhaus ist zwar auch Thema der Dokumentation, doch dient sie nur als Kulisse, denn der psychische Schaden, den der Alpinist davonträgt, überwiegt und wird eindrücklich von Regisseur Alain Godet porträtiert.

Erst gegen Ende des Films spricht Volken über das, was ihn das letzte Jahr begleitet hat: über die Schuld, die er sich am Tod der Bergsteiger gibt. So steht die Verarbeitung dieser Schuld immer im Hintergrund – und doch gleichzeitig im Zentrum. Gegen Ende erst wird das Unglück selbst thematisiert, doch arbeitet sich der Regisseur auf dieses zentrale Ereignis des Films hin, indem er die Geschichte des Bergsteigers, seine Familienverhältnisse schildert.

Die Kamera begleitet den Sportler bei der Begegnung mit seinen Schuldgefühlen, als er noch einmal an den Ort des Unglücks in 4300 Metern Höhe zurückkehrt und für die insgesamt neun Opfer Kerzen anzündet. Melancholische Klaviertöne untermalen diese Sequenz, die den Abschluss des Films bildet und nur drei Minuten dauert. Es wirkt aber, als sei der Rest lediglich der Weg, an dessen Ende der Held symbolhaft Erlösung von seiner Schuld findet. Etwas zu pathetisch wirken diese Szenen dabei, die ansonsten leise gehaltene Inszenierung wirkt überladen und übertrieben emotionalisierend.

Berühmte Bergsteiger und Philosophen

Im Gegensatz zu den Schuldgefühlen steht Volkens Begeisterung für das Bergsteigen, das ihm schon in die Wiege gelegt wurde. So zeigt der Film neben Familienfotos auch private Videoaufnahmen, auf denen Volken zu sehen ist, wie er einen Gipfel im Himalaja besteigt. Er kann seine Faszination für die 8000er zwar nicht genau erklären, fühlt sich aber «dankbar und frei», dass Bergsteigen gleichzeitig Beruf und Berufung ist. Aussergewöhnlich nüchtern schildert Volken seine Erlebnisse mit den Bergen, fast schon emotionslos wirkt es, wenn der Held den Genesungsprozess noch einmal durchlebt, begleitet von melancholisch überladener Musik. Eine humorvolle Sequenz, in der Volken mit einem Kollegen in einem Zelt im Himalaja «Schön ist es, auf der Welt zu sein» anstimmt, hat etwas Tragikomisches und wirkt ein wenig deplatziert.

Im gesamten Film überwiegen dann die leisen Töne. Nicht nur das von sich aus schon ernste Thema trägt seinen Teil dazu bei, auch die philosophisch angehauchte Aufbereitung von Regisseur Alain Godet spielt eine nicht unwichtige Rolle. So werden im Verlauf des Films immer wieder Zitate berühmter Bergsteiger und Philosophen eingeblendet. Gleich zu Beginn kommt so der italienische Philosoph Francesco Petrarca zu Wort: «Da gehen die Menschen, die Höhe der Berge zu bewundern, und verlieren dabei sich selbst.» So wird versucht, dem Film Tiefe zu verleihen, ein Versuch, der nicht immer gelingt. Dem Zuschauer wird nahegelegt, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur philosophisch zu betrachten, es wirkt streckenweise zu gewollt. Lässt sich der Zuschauer nicht darauf ein, die philosophische Sichtweise anzunehmen, ist die Dokumentation grösstenteils eine spannende und aufschlussreiche Studie eines tragischen Schicksals. Überraschend entfaltet die Philosphie am Ende dennoch ihre Wirkung: Nachdem man den Fernseher schon längst ausgeschaltet hat, bleibt ein Satz noch lange im Gedächtnis – «Den Bergen ist der Mensch egal».

Erstellt: 24.05.2013, 11:38 Uhr

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