Der Boulevard und die Bestie

Der «Medienclub» bereitete gestern Abend den Fall Rupperswil auf. Die Gelegenheit, vom Einzelfall zum Grundsätzlichen zu kommen, wurde verpasst.

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Der letzte «Medienclub» von SRF war eine Katastrophe, eine wilde Schreierei zwischen links und rechts. Gestern Abend ging es ruhiger zu; man hörte sich an, versuchte auf Argumente einzugehen, gar zu so etwas wie «Erkenntnisgewinn» vorzustossen. Das Thema: der Fall Rupperswil «zwischen Journalismus und Voyeurismus».

Wenn es da einen Grat geben sollte, jenseits dessen man als Journalist abstürzt, dann wurde er nicht gefunden. Allzu sehr bissen sich die Beteiligten an den Methoden des Boulevards fest. «Blick» und «SonntagsBlick» – für Letzteren sass Katia Murmann in der Runde, Mitglied der Chefredaktion – hatten, so der Vorwurf, den Täter im Bild auf der Titelseite gezeigt, Angehörige identifizierbar gemacht, genötigt oder blossgestellt. Murmann bestritt jeden einzelnen dieser Vorwürfe (bis auf einen «Missgriff» eines «jungen Kollegen», das sei «nicht ‹Blick›-Style»), die Gegenseite beharrte darauf, so etwas sei indiskutabel. Franz Fischlin beschloss die Kontroverse jedes Mal mit einem «Da steht Aussage gegen Aussage».

Die Juristen sind auf diesem Gebiet offenbar auch keine grosse Hilfe; die Medienanwältin Rena Zulauf referierte, Täter seien vor einem Gerichtsurteil zu anonymisieren, Ausnahmen in «extremen Fällen» aber möglich. Und Roland Wenger, Mediensprecher der betroffenen Fussballjugend, gab trotz erschütternder Erfahrungen mit diesen den Medien insgesamt die «Note 5».

Verantwortung liegt beim Journalisten

Die Gelegenheit, vom Einzelfall zum Grundsätzlichen zu kommen, wurde verpasst. NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler immerhin warf drei zentrale Fragen auf: Wisse man nach all dem «Recherche»-Aufwand des Boulevards mehr über den Täter als das, was auch in der zurückhaltenden NZZ gestanden habe? Und: Lässt sich aus diesem «tragischen Einzelfall» irgendetwas lernen? Schliesslich: Gibt es nicht unendlich viel Wichtigeres zu berichten?

Nein, findet natürlich die Boulevardvertreterin, die darauf beharrt, die Leser wollten ausführliche Verbrechensbeackerung, darunter Täterbilder, «und das ist auch unser Anspruch». Murmann präsentierte dann die Position ihres Kollegen Ralph Donghi, der Leser entscheide, was Voyeurismus sei. Hier hielt Stadler zu Recht entgegen: Die Verantwortung liege immer noch beim Journalisten, nicht beim Leser.

Nein, sonderlich erkenntnisfördernd war dieser «Medienclub», auch bei Zimmerlautstärke, nicht. Dabei wurde der eigentliche Sündenfall der inkriminierten «Blick»-Titelseite nicht einmal erwähnt: die Titulierung eines Menschen, was auch immer er getan hat, als Bestie. Das ist weder Journalismus noch Voyeurismus, sondern das Bedienen niedrigster Instinkte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.05.2016, 09:40 Uhr

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