Hintergrund

Der Bullshit-Detektor

Im amerikanischen Wahlkampf gibt es nur eine Stimme, der die Amerikaner noch wirklich vertrauen. Sie gehört Jon Stewart, dem Genie für politische Satire.

Jon Stewart ist der Mann, dem die politisch interessierten Amerikaner vertrauen.

Jon Stewart ist der Mann, dem die politisch interessierten Amerikaner vertrauen.

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In den USA hat mit den anstehenden Präsidentschaftswahlen die Saison des Wahnsinns begonnen. Niemand kennt die Hysterie des amerikanischen Mediengeschäfts besser als jene, die darin tätig sind. Ausser vielleicht jene, die sich darüber lustig machen und den ganzen Wahnsinn erst aufzeigen.

Vertrauenswürdiger als CNN

Das ist das Geschäft von Polit-Satiriker Jon Stewart. Seit dreizehn Jahren macht er sich in seiner «Dailyshow» über die amerikanische Politik und deren Abbild in den Medien lustig – gewandt, scharf, schlagfertig. Und unkorrumpierbar. In dieser Zeit hat Stewart sich als eigentlicher Bullshit-Detektor den Titel der vertrauenswürdigsten Figur auf dem Gebiet der Fernsehnachrichten erstritten. Das ergeben zumindest regelmässige Umfragen zum Thema. Nach denen sind Stewart und seine Show noch vertrauenswürdiger als die grossen Nachrichtensender ABC, CNN oder Fox mit ihren Starmoderatoren. Stewart erreicht zudem vor allem die jungen Leute. Mehr als ein Fünftel aller Amerikaner zwischen 18 und 29 schauen die «Dailyshow» und geben an, sich vor allem dort über das politische Geschehen in ihrem Land zu informieren.

Dabei verkauft Stewart nicht einmal News, sondern Satire. «Wir vermelden alle News, zuerst, bevor sie überhaupt wahr werden», so versprach ein Werbeplakat für seine Show vor drei Jahren anlässlich des Parteikongresses von Republikanern und Demokraten. Es scheint, als komme Stewart mit seinen gefälschten Nachrichten der Wahrheit näher als alle grossen News-Organisationen mit ihrer rastlosen Hatz nach Primeurs und ihren Fernsehduellen und Polit-Inszenierung zusammen.

Meisterhafte Parodien

Das mag wohl daran liegen, dass Stewart wie kaum ein anderer den Finger auf den wunden Punkt legt, nämlich den Niedergang der politischen Kultur in Amerika und die Hysterie des amerikanischen Medienwesens. Stewart hat längst begriffen, dass die Medien nicht mehr unabhängig funktionieren, dass Politiker die Medien nach Belieben manipulieren, ihnen immer einen Schritt voraus sind, derweil die Medien nur noch den selbst geschaffenen Dynamiken hinterherrennen. Genau das zeigt er mit seinen Parodien meisterhaft auf.

Zum Beispiel mit einem Sketch vom 16. August, der beinhaltet, wie er sein Team von Korrespondenten für die anstehende Wahlsaison fit machen wird. Zu Übungszwecken schickt er sie zu einer Versammlung von Modelleisenbahnbauern, um schon mal zu trainieren. Und das sieht dann etwa so aus. «Wir brauchen echte Emotionen», forderte Korrespondentin Samantha Bee, packte einen Modellzug und zerstampfte ihn zum Entsetzen seines Besitzers mit ihren Killerheels auf dem Boden. «Seht ihr?», fragte sie danach. «Das ist ein gebrochener Mann.» Ihre Kollegin gab derweil eine Lektion in Sachen beleidigende Tweets. «Was tun Sie, um die Latinos anzusprechen?», fragte Jessica Williams einen Teilnehmer. «Ich mache vernünftige Preise», antwortete der Angesprochene. «Aha, sie sagen also die Latinos seien arm, das werde ich gleich tweeten!»

Kongeniales Korrespondententeam

Der Sketch vom 16. August bringt das Prinzip der «Dailyshow» auf den Punkt und zeigt ausserdem, dass Stewart nicht nur ein Genie für politische Satire ist, sondern sich auch mit kongenialen Leuten umgibt. Was seinen Auftritt umso stärker macht. Und so sind es die Beiträge seines schön diversifizierten Korrespondententeams, bestehend aus John Oliver, Samantha Bee, Wyatt Cenac, Jason Jones, Al Madrigal und Jessica Williams, die mit ihren Auftritten das amerikanische Politsystem als marodes und einseitiges Machtkarussell entlarven und die Medien als Echokammern der Desinformation, die sich längst von ihrem Auftrag als vierte Macht im Staat verabschiedet haben. Und das ist die gute Nachricht. Die Leerstelle bleibt nicht unbesetzt, Stewart und seine Kollegen sind bereits eingesprungen und bereit für den anstehenden Wahlkampf. Bei dem die gefälschten News einmal mehr die glaubwürdigsten sein werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.08.2012, 15:51 Uhr

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