Der Staat unter Sperrfeuer

Der neuste «Tatort» imitierte Quentin Tarantinos Lieblingsfilm im Offenbacher Hinterland. Konnte das gut gehen?

«Tatort»-Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur, m.) unter Belagerung.

«Tatort»-Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur, m.) unter Belagerung.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kennen Sie «Assault on Precinct 13»? Das ist einer von Quentin Tarantinos Lieblingsfilmen – dasselbe gilt für mich. In den 70ern gedreht, ist er ein Vertreter des Home-Invasion-Genres, wo der private Raum rechtschaffener Bürger geentert wird. Wobei Autor und Regisseur John Carpenter dies in «Precinct 13» zuspitzte: Er lässt darin eine heruntergekommene Polizeistation in Los Angeles unter Belagerung kommen und suggeriert so die Kapitulation des Staates vor der verrohten Gesellschaft. «Angriff auf Wache 08», der neueste «Tatort»-Fall von Kommissar Felix Murot, war ein Remake dieses Klassikers. Zum Auftakt ertönten sogar die düsteren Elektrobassklänge, die Carpenter für seine Filme selber produzierte.

Murot besuchte einen alten Weggefährten, der inzwischen eine zum Museum umfunktionierte Wache im Offenbacher Hinterland betreute – und die angegriffen wurde. Wie im Original gingen der Belagerung Verbrechen voraus; eine Abrechnung unter Banden und ein Mädchen, das den Mörder ihres Vaters erschossen hatte und in der Wache Zuflucht fand. Die beiden Taten waren nicht direkt verlinkt, wie bei Carpenter war bis zum Schluss nicht eindeutig, was die Angreifer wollten. Das machte die Bedrohung erst recht unheimlich. Die Schergen erinnerten weniger an Menschen als an eine unerkennbare Horde, die nur auf Zerstörung aus war. Nihilistisch, unberechenbar. Mal eröffneten sie das Feuer, mal versuchten sie, die Wache zu stürmen.

Das ist Action, das ist toll. Doch natürlich gehts bei solchen Filmen auch um die Dynamiken unter den Belagerten. Bei Carpenter geraten Schwarze gegen Weisse aneinander, genauso wie Frauen an Männer und Gefangene an Wächter. Hackordnung und moralischer Kodex verändern sich ständig. Im Vergleich fiel der «Tatort» hier ab. Zwar versuchten die Drehbuchautoren mit einem kannibalistischen Serienmörder das Grüpplein der Eingeschlossenen interessant zu machen. Doch das war zu weit hergeholt und bot höchstens Ansätze zur Komik. Trotzdem machte dieser «Tatort» mit seinen vielen popkulturellen Anspielungen Spass. Irgendwann lief während des Sperrfeuers «The End» von den Doors, und als Carpenter-Fan wusste man natürlich, dass «Das Ende» der deutsche Titel des ikonischen Originals ist. Aber ich höre jetzt mit der Schwärmerei für «Precinct 13» auf. Sehen Sie sich den Film einfach selber an, er steht in voller Länge auf Youtube:

Erstellt: 20.10.2019, 23:49 Uhr

Kritik, Rating, Diskussion

Lesen Sie stets nach dem «Tatort»-Film die Kritik und das Rating der Kulturredaktion – und beurteilen Sie den Film selbst.

Rating

«Tatort»-Folge: «Angriff auf Wache 08»

Gesellschaftsrelevanz
Blutzoll
Spannung
Humor
Gesamteindruck

1 Stern = schlecht, 5 Sterne = sehr gut

Umfrage

Wie viele Sterne verdient die Folge?







Artikel zum Thema

Lauter Dilettanten

TV-Kritik Der Frankfurter «Tatort» enttäuscht als Milieustudie. Immerhin lernt man, wie man den besten «falschen Hasen» hinbekommt. Mehr...

Schrott, garniert mit einer Leiche

TV-Kritik Im neuen «Tatort» aus Weimar wird das witzige Ermittlerpaar auseinandergerissen. Leider. Mehr...

Das Böse erwacht

TV-Kritik In Ludwigshafen forscht ein Dr. Frankenstein. Und der «Tatort» verläuft sich in Grusel-Stereotypen und angestrengten Erklärszenen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...