Rezension

Der Tod und die Mädchen

Die Aufbruchstimmung der Hippie-Epoche, Fondue an Silvester und zweifelnde Figuren: «Mad Men» ist zurück und schwingt sich mit der sechsten Staffel endgültig zu einem Shakespeare'schem Drama auf.

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Weihnachten 1967 verbringt «Mad Men»-Hauptfigur Don Draper mit seiner Frau Megan – mittlerweile ein kleiner Fernsehstar – in einem Paradies. Im blumigen Hemd und Bikini liegen die beiden am Strand von Hawaii, wo sie auf Einladung eines Kunden ein Hotel testen. Doch die sonnige Freude währt nicht lange: Das Paar muss zurück ins verschneite New York, wo der Portier bei ihrer Ankunft einen Herzinfarkt hat.

Nach diesem drastischen Anfang geht es im gleichen Tempo weiter. Die Christbäume stehen nach den Festtagen nutzlos herum, in den Agenturen herrscht geschäftiges Treiben, überall Aufbruchstimmung. Eins ist sicher: Es geht vorwärts.

Die Nähe des Todes

Vorwärts heisst auch: näher an den Tod. Das ist das Grundmotiv der ersten Episode, noch stärker als sonst in der Serie. Schon in einer der ersten Szenen von «Mad Men» redete Don Draper über den von Sigmund Freud beschriebenen Todestrieb – laut dem Begründer der Psychoanalyse der Wunsch jedes lebendigen Wesens, in einen früheren Zustand zu gelangen und das Werden anzuhalten. Draper kennt das und ist besessen davon. So fragt er einen befreundeten Arzt, wie das sei, mit Leben und Tod zu arbeiten. Und beim geretteten Portier erkundigt er sich, wie das war, als er starb.

Die Episode heisst «The Doorway», und einige Leute treten durch die letzte Tür: Roger Sterlings 91-jährige Mutter stirbt, genauso sein Schuhputzer. «Von hier an werde ich nur noch alles verlieren», meint Roger Sterling danach. Neben den Todesfällen gibt es unzählige Symbole, vom Paradies Hawaii über ein morbid-suizidales Werbesujet, mit dem Don einen Kunden verstört, bis zur kindlichen Sichtweise des Geigenkoffers als Sarg.

Frauen und Liebe

Ist es ein Thema, das eher die Männer betrifft und beschäftigt? Joan Harris, die üppige Sekretärin und seit der letzten Episode der fünften Staffel Partnerin, taucht kaum auf – was viele ihrer Fans erzürnt hat. Peggy Olson stürzt sich in die Arbeit und muss ihre neue Agentur als Kreativchefin aus einer Krise retten, wobei sie zeigen kann, was sie von Don Draper gelernt hat. Ihr ehemaliger Chef dagegen zeigt keine Anzeichen, dass er seine berufliche Hochform wiederfindet. Zu sehr ist er mit sich und seiner Identität beschäftigt, die immer wieder infrage gestellt wird. Wenn nur schon der Fotograf bei einer Porträtaufnahme sagt, er solle ganz sich selber sein, ist er nachhaltig verstört.

Doch auch einer, der immer genau wusste, was er war und was er tat, hat eine Krise – und das nicht nur wegen des Todes seiner Mutter: Roger Sterling, reicher Erbe und Partner von Geburt an. Der verwirrte Charmeur läuft Don Draper langsam den Rang ab, auch was die Beliebtheit bei Fans angeht. Die Partner Peter Campbell und Bert Cooper oder der junge Texter Ginsberg tauchen kaum auf. Betty Francis, Dons Ex-Frau, hat dagegen eine grosse Rolle, und wird immer komischer: Was sie sagt, was sie tut – am Schluss färbt sie sich sogar die Haare dunkel.

Die neue Frau bringt Don wenig Glück. Es scheint unsicher, ob er Megans neuen Ruhm aushält. Nach dem Silvesterabend mit dem Motto Schweiz – mit Fondue mit «Kirschwasser» und Schokolade – wirft sich Don in die Arme der Nachbarin. Die fünfte Staffel bleibt vorläufig die einzige, in der Don treu war. Doch hat er mittlerweile ein schlechtes Gewissen dabei. Er wehrt sich auch gegen die Trivialisierung des Wortes «Liebe», das seine Mitarbeiter zu offen verwenden – während er in der allerersten Episode einer Kundin noch erklärt, dass Liebe etwas sei, das von Leuten wie ihm erfunden wurde, um Sachen zu verkaufen.

Gierige Medien

Die amerikanischen Medien stürzten sich gierig auf die lang erwartete neuste Episode und griffen vor allem das Todesthema auf, wobei sie teils etwas übertrieben: Da wurde jeder erkaltete Kaffee als Symbol für Sterblichkeit verstanden, und sogar die These aufgestellt, dass die sechste Staffel doch die letzte sei (da der Sender die siebte Staffel bestätigt hat, ist das aber unwahrscheinlich). Dass etwas Schwerwiegendes mit Don Draper passieren wird, ist hingegen schon realistischer. Dazu passt seine Lektüre von Dantes «Inferno», einem weiteren literarischen Highlight in seinen Händen: «Ich stand in unsres Erdenlebens Mitte verirrt in einem dunklen Wald alleine.» Fragt sich nur, in welchem Kreis von Dantes Hölle sich Don gerade befindet.

Die Serie hat sich mit dem Start der sechsten Staffel endgültig zum Shakespeare'schen Drama aufgeschwungen, das die Menschheit abbilden will und sich um die zwei einzig wichtigen Themen dreht: die Liebe und den Tod. Sterlings Psychiater sagt: «Der Tod ist am Ende all unserer Geschichten.» So auch bei «Mad Men» – aber ziemlich sicher erst am Ende der siebten Staffel.

Erstellt: 09.04.2013, 09:25 Uhr

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