«Der glücklichste Moment seit langem»

«Wetten, dass...?» ist Geschichte. Medienexperte Daniel Fiene über die Frage, ob es für die Sendung einen Nachfolger geben kann und weshalb die Zeit der Samstagabend-Show noch nicht zu Ende ist.

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Beim Thema «Wetten, dass...?» konnten immer alle mitreden. Was kommt Ihnen beim Stichwort zuerst in den Sinn?
«Wetten, dass...?» ist für mich wie wohl für viele andere auch ein Event aus meiner Kindheit: Samstagabend mit der Familie vor dem Fernseher zu sitzen, die Aufregung, dass man noch so lange aufbleiben darf und grosse Stars live in einer heimischen TV-Sendung sehen kann, die man sonst nur aus Hollywoodfilmen kannte. Als einzelner Moment hat sich leider der Unfall von Samuel Koch sehr stark in meine Erinnerung eingegraben. Ich war damals hinter der Bühne für meinen Radiosender Antenne Düsseldorf als Reporter unterwegs und habe den Unfall so miterlebt – es war ein Schock. Mich hat damals aber auch beeindruckt, wie professionell Thomas Gottschalk mit der Situation umgegangen war. Man hatte zwar gemerkt, dass die Macher der Sendung für so einen Fall überhaupt nicht vorbereitet waren. In der ganzen Zeit hatte es ja nie einen Unfall gegeben, dafür haben sie die Situation jedoch relativ gut gehandhabt. Das war für mich der Moment, als «Wetten, dass...?» vorbei war. Danach war es nicht mehr, wie es vorher war.

Also schon bevor der Moderator Markus Lanz die Sendung übernommen hatte?
Als Markus Lanz die Sendung übernahm, hatte das Format den Zenit schon überschritten.

Die Kritik an Markus Lanz ist nicht berechtigt?
Markus Lanz muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er die Zuschauer vertrieben hat. Ich war auch bei der Premierensendung als Reporter mit dabei, damals hat man gemerkt, dass es Markus Lanz ein Anliegen war, die Sendung richtig zu machen, er sprühte richtig vor Elan. Aber er hat es selbst nicht geschafft, die Sendung in unser Jahrzehnt zu holen. Er passte als Typ einfach nicht in das Format. Markus Lanz ist jemand, der vielleicht gerne Gespräche führt, aber der niemals so aus sich rausgehen würde wie Thomas Gottschalk. Doch genau so einen Kumpeltypen wollen die Zuschauer in einer solchen Sendung sehen. In seiner letzten Sendung war Lanz denn auch wahnsinnig angespannt, das war für ihn nur noch ein Pflichtprogramm. In der Entscheidung, die Sendung zu stoppen, hat man deshalb allen einen Gefallen getan: Lanz, den Zuschauern und dem Sender. Seit Lanz moderierte, musste man als Zuschauer ja immer unter diesem Damoklesschwert sitzen, dass der Sendung möglicherweise bald ein Ende bereitet wird. Deshalb ist diese Verkündung, dass es jetzt bald zu Ende ist, wohl der glücklichste Moment seit langem. Die letzten drei Sendungen können wir mit dieser Gewissheit jetzt ganz entspannt schauen.

Wie beurteilen Sie die Art, wie das Aus kommuniziert wurde?
Die Salamitaktik des ZDF war schon erkennbar, als die erste Scheibe geschnitten wurde, nämlich als Intendant Thomas Bellut sich in einem Interview «nicht mehr so sicher» war, wie es mit der Sendung weitergeht. Da war klar, jetzt ist es zu Ende. Ich glaube, sie wollten es allen Beteiligten einfach machen und der kritischen Berichterstattung schon ein bisschen den Wind aus den Segeln nehmen.

Ist diese Form von TV-Unterhaltung überhaupt noch zeitgemäss?
Wenn man sich den Quotenverlauf anschaut, dann konnte «Wetten, dass...?» als eine der letzten Sendungen ziemlich beeindruckende Quoten einholen. Als Markus Lanz übernommen hat, hatte die Sendung noch über zehn Millionen. Er hat es dann als einziger Moderator in der Geschichte der Sendung geschafft, die Werte zu halbieren. Das war selbst Wolfgang Lippert nicht gelungen. In den letzten Jahren wurde «Wetten, dass...?» aber auch kaputtgeschrieben: Es gehörte zum guten Ton «Wetten, dass...?» zu kritisieren, was ja auch ein bisschen komisch war, denn die Sendung hatte ja durchaus noch viele Zuschauer.

Die Zeit der grossen Samstagabendshows ist also noch nicht vorbei?
Nein, man muss es nur ganz neu angehen. Was heute erfolgreich ist, sind Sendungen, in denen der Moderator mittendrin ist. Wie beispielsweise «Schlag den Raab» mit Stefan Raab oder «Circus Halligalli» mit Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt. «Schlag den Raab» halte ich für die letzte grosse Samstagabendshow. Alles andere, was heute im Fernsehen hohe Einschaltquoten erzielt, ist zu perfekt durchinszeniert, beispielsweise «Deutschland sucht den Superstar». Das war auch der letzte Reiz von «Wetten, dass...?», diese Unberechenbarkeit. Gestern, als alle Prominenten auf dem Trampolin standen, das war wieder einmal beste Unterhaltung.

Können Sendungen wie «Circus Halligalli» die Nachfolge von «Wetten, dass...?» antreten?
Das Problem ist, dass die neue Generation wie Joko und Klaas, Jan Böhmermann oder auch Stefen Raab vor allem ein junges Publikum ansprechen. Was heute noch Generationen vor dem Fernseher vereinen kann, das ist der Sport. TV-Shows bieten das leider nicht mehr. Das Problem, das ich vor allem sehe, ist, dass die Innovation nicht mehr bei den öffentlich-rechtlichen Sendern stattfindet. Entweder geschieht das bei den Privatsendern oder im Digitalprogramm. Das ZDF ist nicht dadurch aufgefallen, dass es sich Mühe gegeben hat, bei den Samstagabendsendungen innovativ zu sein. Massenformate werden heute zudem von spezialisierten Angeboten eingeholt, im Showbereich ist das nicht anders. Alle neuen Formate, ob Shows oder TV-Serien, haben eines gemeinsam: Sie richten sich nicht an die Masse.

Was machen denn heutzutage die 12-Jährigen am Samstagabend eigentlich?
Die schauen Youtube. Ich war an einer Veranstaltung, an der Preise für Webvideos verliehen werden, hier in Düsseldorf. Ich war sehr beeindruckt wie Youtube-Stars da von den Jungen gefeiert wurden. Da könnte sich ein Thomas Gottschalk dazustellen, er würde wohl gefragt, ob Y-Titty auf seinem Rücken Autogramme schreiben können.

Mit Frank Elstner, Thomas Gottschalk, Wolfgang Lippert und Markus Lanz wurde die Sendung von vier unterschiedlichen Typen moderiert. Wer hat die Sendung am stärksten geprägt?
Für mich war die Zeit mit Thomas Gottschalk der Höhepunkt. Es war einfach schön, dass es so einen fröhlichen Deutschen gab, der da durch den Samstagabend wirbelte und mit den grossen Hollywoodstars per Du war, sie dazu überredete, Dinge zu tun, die sie sonst nie tun würden. Diese Augenhöhe, die er mit diesen Showstars herstellte, das war einfach gute Unterhaltung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2014, 19:52 Uhr

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Der Journalist und Radiomoderator Daniel Fiene betreibt den Podcast «Was mit Medien», der auch auf dem Sender «DRadio Wissen» zu hören ist.

(Bild: Mathias Vietmeier)

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